Tims Großer Lichter-Umzug und die Sache mit dem Teilen

Tims Großer Lichter-Umzug und die Sache mit dem Teilen

I. Die Vorbereitung

Es war ein kalter, klarer Novemberabend. Die Luft roch nach feuchtem Laub und ein bisschen nach Abenteuer. Tim hielt seine selbstgebastelte Laterne, die er liebevoll „Mondgesicht“ nannte, ganz fest in den Händen. Auf gelbem Transparentpapier lachte ein breiter, dicker Mond, umringt von kleinen, glitzernden Sternen, die Tim mit viel Geduld aufgeklebt hatte. Seine beste Freundin, Mia, stand neben ihm, den Kopf in ihre dicke, rote Mütze gesteckt. Ihr Licht war ein stolzer, grüner Feuerdrache, dessen Flamme aus rotem Glitzerpapier züngelte.

„Bist du bereit, Tim?“, fragte Mia aufgeregt. „Ich habe das Gefühl, heute Abend leuchten wir heller als alle anderen!“

Tim nickte. „Pass nur auf, dass dein Drache mir nicht die Sterne wegpustet!“

Auf dem Rathausplatz herrschte ein fröhliches Gewusel. Eltern passten auf ihre kleinen, aufgeregten Kinder auf. Überall hörte man das leise Knistern der Lichter und das Gemurmel der Stimmen. Die Laternen waren ein unglaublicher Anblick: Da schwebte ein großer, lila Elefant, dort tanzte eine Reihe kleiner Pilze, und ganz hinten sah Tim sogar eine Laterne in Form eines riesigen Gänsebratens – die schien besonders hungrige Eltern dabei zu haben.

II. Der Beginn und der leuchtende Fluss

Plötzlich hallte ein lautes Trompetensignal über den Platz. Ein Mann in einer roten Uniform, der vorne auf einem großen, braunen Pferd saß, grüßte die Menge. Er stellte den Heiligen Martin dar.

Das Blasorchester stimmte das erste Lied an: „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…”

Die Menschenmenge setzte sich wie ein riesiger, leuchtender Fluss in Bewegung. Tim und Mia liefen Seite an Seite, ihre Lichter warfen tanzende Schatten auf den Gehweg. Tim bemerkte, wie wunderschön es war, ein Teil dieses Lichtermeeres zu sein.

Als sie an der alten Kirche vorbeizogen, stimmten alle in das zweite Lied ein: „Ich geh’ mit meiner Laterne…” Die Klänge füllten die schmalen Gassen, und an den Fenstern der Häuser erschienen Gesichter, die lächelnd winkten. Eine alte Dame im ersten Stock hielt sogar eine kleine Wunderkerze in der Hand und schickte funkelnde Grüße nach unten.

III. Das Abenteuer mit dem Wind und die Mutprobe

Der Laternenumzug bog in die lange Kastanienallee ein. Hier war es besonders dunkel, weil die Bäume das wenige Licht der Straßenlaternen verschluckten. Genau hier begann der Wind zu tanzen. Er pfiff durch die Äste und versuchte, die Laternen herumzuwirbeln.

Ein kleiner Junge, dessen Laterne wie ein wackeliger, gelber Fisch aussah, fing an zu weinen. Sein Licht flackerte und drohte, ganz auszugehen.

„Oh nein, der arme Fisch!“, flüsterte Mia besorgt.

Tim, der seine Laterne fest an seinen Bauch presste, überlegte kurz. Er wusste, dass man in der Nähe eines wackeligen Papierlichts besonders vorsichtig sein musste. Er hatte eine Idee, inspiriert von all den Liedern vom Helfen und Teilen.

Er zog Mia ein Stück zur Seite. „Pass auf ‚Mondgesicht‘ auf!“, sagte er. Dann ging er zu dem weinenden Jungen.

„Hallo“, sagte Tim leise. „Ist dein Licht fast aus?“

Der Junge nickte, Tränen liefen über seine Wangen. „Ich kann ihn nicht mehr festhalten, der Wind ist zu stark!“

Tim stellte sich schützend vor den Jungen und hielt seine eigene Laterne ruhig. Dann nutzte er einen Trick, den er im Kindergarten gelernt hatte: Er öffnete vorsichtig einen Spalt am Boden der Fisch-Laterne, pustete kurz hinein, um die warme Luft im Inneren zu stabilisieren, und schob dann ganz vorsichtig das Licht wieder in die Mitte.

„Versuch, deinen Arm ganz ruhig zu halten, wie einen Baumstamm“, erklärte Tim. „Und jetzt halten wir beide unsere Laternen ganz eng nebeneinander. Dein Licht bekommt etwas Kraft von meinem Mondgesicht!“

Tatsächlich: Das Licht des Fischs hörte auf zu flackern und begann wieder ruhiger zu leuchten. Der Junge wischte sich die Nase ab und sah Tim mit großen Augen an. „Danke“, murmelte er.

Tim lächelte stolz und ging zurück zu Mia.

IV. Das Teilen und das Ende des Umzugs

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie wieder den Rathausplatz. Die Musik hörte auf. Tims Arme taten ein bisschen weh vom Tragen der Laterne, aber sein Herz war warm.

Der Mann auf dem Pferd, der Sankt Martin spielte, stieg ab und erzählte noch einmal die alte Geschichte vom Mantelteilen.

„Seht, jedes eurer Lichter“, sagte er mit lauter Stimme, „macht die Nacht ein wenig freundlicher. Und wenn ihr euer Licht – eure Hilfe, eure Freundlichkeit – mit jemandem teilt, dann leuchtet es doppelt so hell!“

Am Ende des Umzugs stand ein großer Tisch. Dort wartete auf jedes Kind eine frische, goldbraune Martinsbrezel. Die Brezeln waren so groß, dass sie aussahen wie riesige, verknotete Arme.

Tim nahm seine Brezel entgegen. Er sah Mia an, die auch gerade ihre Brezel bekam. Und dann erinnerte er sich an das, was der Heilige Martin getan hatte, und was er selbst gerade mit dem kleinen Jungen in der Kastanienallee erlebt hatte.

„Mia?“, sagte er. Er brach vorsichtig ein großes Stück von seiner Brezel ab und reichte es ihr. „Hier. Das ist die Hälfte für dich.“

Mia lächelte, brach ebenfalls ein Stück von ihrer Brezel ab und gab es Tim zurück. „Das ist die Hälfte für dich, lieber Freund.“

Sie knabberten an ihren Brezeln und tranken warmen Kakao, den die Feuerwehrleute verteilten. Das Licht von Tims „Mondgesicht“ und Mias „Feuerdrache“ stand nebeneinander und leuchtete nun wirklich am allerhellsten, weil ihre Freunde und ihre gute Tat den Abend unvergesslich gemacht hatten.

Tim wusste: Der Laternenumzug war mehr als nur Lieder singen. Es war ein Fest des Lichts und des Teilens. Und er freute sich schon auf das nächste Jahr.

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