Merlot, Männer und Missgeschicke

Merlot, Männer und Missgeschicke

Noah liebte seinen wöchentlichen Samstags-Einkauf. Die Gänge waren leerer, die Musik im Supermarkt erträglicher und vor allem: niemand drängelte sich am Weinregal. Heute wollte er einen schönen Merlot für sein Risotto und eine Flasche Prosecco für den Feierabend finden. Mit seinem knarrenden Einkaufswagen manövrierte er geschickt um eine Pappaufsteller-Oma herum und bog in den Weinkeller-Bereich ein.

Dort stand er. Ein Mann, ungefähr Noahs Alter, mit dunklen, wachen Augen und einem Anzug, der so gut saß, dass Noah sich in seinen ausgelatschten Sneakers plötzlich sehr underdressed fühlte. Der Mann studierte eine Flasche Barolo, seine Stirn war in Grübelfalten gelegt.

„Aus dem Weg, du…“, murmelte Noah in Gedanken und schielte auf die spanischen Rotweine. Er schob seinen Wagen etwas zu schnell. Ein lautes „KLONK!“ hallte durch den ansonsten stillen Gang.

Der Mann vor dem Barolo-Regal zuckte zusammen. Seine Hand riss vom Flaschenhals ab, und die Flasche kippte bedenklich. Mit blitzschneller Reaktion fing er sie auf, drehte sich dann aber mit einem Ausdruck tiefster Entrüstung um.

„Haben Sie eigentlich Augen im Kopf?!“, zischte er. Seine dunklen Augen blitzten gefährlich. „Mein Fuß! Und fast mein Barolo! Sind Sie lebensmüde, mit dieser ratternden Todesmaschine hier herumzurennen?“

Noahs Wangen glühten. Er war kein Schläger, aber er war auch kein Freund von Anfeindungen. „Entschuldigung! War keine Absicht! Und Sie stehen hier rum wie angewurzelt, als wäre es eine Kunstgalerie!“

Der Mann schnaubte. „Das hier ist eine Kunstgalerie für Kenner! Ich wollte nur in Ruhe einen Wein auswählen, und Sie fahren mir mit Ihrem Vehikel in die Hacken! Sehen Sie sich das an!“ Er deutete auf seinen teuren Lederschuh, auf dem nun ein leichter, aber deutlich sichtbarer schwarzer Streifen vom Rad des Einkaufswagens prangte.

Noah verkniff sich einen Kommentar über überteuerte Schuhe. „Gut, ich hab’s vermasselt. Ich… ich biete Ihnen an, den Barolo zu bezahlen, wenn Sie den Schuh nicht putzen können.“

Der Mann mit den zornigen Augen musterte Noah kritisch. „Den Barolo kann ich mir leisten, danke. Aber der Schuh…“ Er seufzte. „Er ist ruiniert.“

„Dann…“, Noah überlegte fieberhaft. „Dann… lade ich Sie zum Essen ein. Heute Abend. Als Entschädigung.“ Er konnte es selbst kaum glauben, dass er das gerade gesagt hatte. Normalerweise war er nicht so spontan. Oder so dumm.

Der Anzugträger hob eine Augenbraue. Die Wut wich einem Ausdruck von Überraschung, gemischt mit einer Spur Neugier. „Sie laden mich zum Essen ein? Sie haben mir gerade fast den Fuß gebrochen und meinen Schuh zerstört.“

„Eben drum“, sagte Noah, jetzt etwas sicherer. „Ich stehe zu meinen… Verbrechen. Oder ich putze den Schuh selbst, wenn Sie wollen.“ Er grinste schief.

Eine leichte Mundwinkelzuckung spielte um die Lippen des anderen Mannes. Ein fast unsichtbares Lächeln. „Das ist… unkonventionell. Aber gut. Mein Name ist Elias.“

„Noah“, erwiderte Noah und streckte ihm eine Hand entgegen, die Elias zögernd annahm. Sein Händedruck war fest.

„Und wo gedenken Sie, diese… Entschädigung einzulösen? In der Fast-Food-Ecke hier im Supermarkt?“ Elias’ Tonfall war spöttisch, aber nicht mehr feindselig.

„Nein“, sagte Noah. „Ich koche. Ich kann ganz passabel kochen. Risotto mit dem besagten Merlot zum Beispiel.“ Er zeigte auf die Flasche in Elias’ Hand.

Elias‘ Augen weiteten sich leicht. „Sie kochen? Das ist ja… unerwartet.“ Er dachte kurz nach. „Also gut, Noah. Ich nehme Sie beim Wort. Aber ich erwarte einen wirklich sehr guten Merlot. Und… ein wirklich sehr gutes Risotto.“ Er zog eine Visitenkarte aus seiner Innentasche. „Hier ist meine Nummer. Und meine Adresse.“

Noah nahm die Karte entgegen. Elias Vanderhoof, Architekt. Da war auch eine E-Mail-Adresse. Die Visitenkarte war so elegant, wie Noah es erwartet hatte.

„Großartig“, sagte Noah, das Herz hämmerte in seiner Brust. „Dann… bis später?“

Elias nickte. Er sah wieder auf seinen Schuh, dann auf Noah. Ein echtes, wenn auch kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja, Noah. Bis später. Und bitte, fahren Sie bis dahin vorsichtiger mit Ihrem… Gefährt.“

Noah musste lachen. Er schob seinen Einkaufswagen weiter, das dumpfe „KLONK“ klang jetzt fast wie eine Siegesfanfare. Er hatte nicht nur einen Merlot gefunden, sondern vielleicht auch das Rezept für eine unerwartete Romanze.

Am Abend, als Elias in Noahs gemütlicher Wohnung saß und einen weiteren Schluck des – tatsächlich sehr guten – Merlots nahm, betrachtete er den dampfenden Teller Risotto vor sich.

„Wissen Sie, Noah“, sagte er, ein warmes Lächeln auf den Lippen. „Der schwarze Streifen auf meinem Schuh ist vielleicht doch nicht so schlimm. Er hat sich gelohnt.“

Noah lächelte zurück, sein Herz schlug eine glückliche Melodie. Manchmal begann die schönste Geschichte eben mit einem „KLONK!“ am Weinregal.

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