Leos erste Reise ins Phantasialand

Leos erste Reise ins Phantasialand

Leo war kein Mann der Extreme. Sein Leben war geordnet, seine Tage strukturiert, seine Wochenenden der Gartenarbeit oder einem guten Buch gewidmet. Achterbahnen? Zu laut. Überfüllte Orte? Zu stressig. Freizeitparks? Eine Ansammlung all dessen, was er zu vermeiden suchte. Doch seine Nichte Mia, ein Wirbelwind von sieben Jahren, hatte einen Weg gefunden, seine sorgfältig konstruierte Welt zu durchbrechen: „Onkel Leo, bitte, bitte! Alle gehen ins Phantasialand, nur ich nicht! Und du versprichst immer, dass wir mal was Besonderes machen!“ Mias Augen waren so groß und glitzernd, dass Leo, obwohl sein Magen sich bei dem Gedanken an „Silver Star“ oder „Taron“ leicht verkrampfte, kapitulierte.

So kam es, dass Leo an einem sonnigen Samstagmorgen, eine viel zu große Tasche mit Proviant und einer aufblasbaren Quietscheente (Mias Amulett für den Mut) beladen, vor den Toren des Phantasialands stand. Er atmete tief durch. Rechts und links von ihm strömten Familien herein, Kinder lachten, bunte Ballons schwebten in den Himmel. Erwartung lag in der Luft, eine Energie, die Leo beinahe greifen konnte. Mia zog ihn schon ungeduldig am Ärmel. „Komm, Onkel Leo! Ich will Drachen sehen!“

Der erste Schritt über die Schwelle war wie ein Sprung in eine andere Dimension. Der Lärm der Welt draußen verstummte, ersetzt durch thematische Musik, das Rauschen von Wasserfällen und das ferne Kreischen von Achterbahnen. Die realistische Kulisse des „Berlin“ der 1920er-Jahre umfing sie. Leo, der eigentlich nur darauf gefasst war, eine Eintrittskarte zu entwerten, fand sich umgeben von prachtvollen Gebäuden, kleinen Cafés und dem Geruch von frischem Gebäck.

„Schau mal, Onkel Leo! Ein Karussell!“, rief Mia und zog ihn zum Dampfkarussell, das majestätisch seine Runden drehte. Leo, der insgeheim die ruhige Fahrt genoss, während Mia vor Freude juchzte, spürte zum ersten Mal seit Langem eine kindliche Leichtigkeit.

Die Tiefen des Phantasie-Imperiums

Danach ging es weiter, tiefer in die fantastische Welt des Parks. Sie betraten „Fantasy“, wo die Felsformationen aussahen wie aus einem Märchenbuch. Mia zerrte ihn zum „Temple of the Nighthawk“, einer dunklen Achterbahn, die Leo mit einem mulmigen Gefühl betrat. Doch als sie in völliger Dunkelheit durch Kurven sausten und unerwartet in die Höhe schossen, überraschte ihn nicht die Angst, sondern ein ungewohntes Gefühl der Freiheit. Er lachte, ein lautes, kehliges Lachen, das er selbst kaum wiedererkannte.

Das wahre Wunder aber wartete in „China Town“. Hier tauchten sie in eine Welt aus roten Laternen, goldenen Dächern und dem Duft von fernöstlichen Gewürzen ein. Die Liebe zum Detail war atemberaubend. Leo, der sich sonst wenig für Architektur begeistern konnte, staunte über die filigranen Schnitzereien und die authentische Atmosphäre. Sie aßen Frühlingsrollen, beobachteten eine chinesische Akrobatikshow und Leo vergaß für einen Moment seine zurückhaltende Natur.

Am Nachmittag, als die Sonne langsam tiefer sank, erreichten sie „Klugheim“. Mia hatte schon längst ihre Quietscheente vergessen und stürmte auf die „Rookburgh“-Welt zu, die von Steampunk und industrieller Mystik geprägt war. Die Schienen des „F.L.Y.“, der weltweit ersten Flying-Coaster-Achterbahn, schlängelten sich über und unter den Köpfen der Besucher. Leo, dessen Nerven bei den ersten Blicken auf die majestätische, in dunklen Farben gehaltene Stahlkonstruktion erneut auf die Probe gestellt wurden, weigerte sich standhaft. „Nein, Mia. Das ist… das ist nichts für Onkel Leo.“

Doch Mia hatte eine Idee. „Dann gehen wir zu ‚Maus au Chocolat‘, Onkel Leo! Das ist wie ein Spiel!“ Leo, der ein Faible für Schokolade hatte, stimmte zu. Im Dunkeln saßen sie in Gondeln, bewaffnet mit Spritzbeuteln, und schossen auf 3D-Leinwände, um hungrige Mäuse zu vertreiben. Leo, der normalerweise jede Art von Videospiel mied, fand sich plötzlich ehrgeizig wieder, feuerte auf die animierten Nager und feierte seine Treffer mit Mia.

Der Ritt des Löwen in Afrika

Nach diesem schokoladigen Abenteuer warf Mia einen sehnsüchtigen Blick auf das afrikanische Thema „Deep in Africa“. „Wollen wir in den Dschungel?“, fragte sie.

In der Warteschlange für „Black Mamba“ – einer Achterbahn, die sich wie eine Schlange durch tiefe Schluchten wand – fühlte Leo wieder das vertraute Unbehagen. Er sah die verschlungenen Schienen, die steilen Abfahrten. „Mia, ich warte hier auf dich. Du fährst mit dem netten Mann hinter uns“, schlug er vor. Mia sah ihn an, und in diesem Blick lag keine Wut, nur reine Enttäuschung. „Aber ich dachte, wir machen das zusammen, Onkel Leo.“

Die ehrliche Verletzlichkeit ihrer Stimme traf ihn härter als jede G-Kraft. In diesem Moment erkannte Leo, dass das Wunder dieses Tages nicht in der Magie des Parks, sondern im geteilten Erlebnis lag. Er blickte auf die Quietscheente, die er immer noch unbewusst unter dem Arm hielt. Er schluckte. „Na gut, Mia. Aber du musst mir die Hand halten.“

Sie nahmen in der „Black Mamba“ Platz. Das Händchen seiner Nichte war warm und fest in seiner. Der Wagen rollte langsam in die Höhe, die Kette klickte rhythmisch. Leo schloss die Augen. Als sie den Gipfel erreichten und der Wagen in die Tiefe stürzte, hörte er Mia nur kurz aufschreien, bevor sie vor Vergnügen losjauchzte. Leo öffnete die Augen. Sie schossen durch einen Tunnel, wirbelten durch einen Looping, und er spürte, wie seine Sorgen des Alltags – die unerledigten Rechnungen, die ungemähten Rasenflächen – aus ihm herausgeschleudert wurden. Er fühlte sich nicht nur lebendig, sondern entfesselt.

Epilog: Die Dämmerung in Mexiko

Als der Abend über dem Park hereinbrach und sie durch das farbenfrohe „Mexico“ schlenderten, war Leo erschöpft, aber glücklich. Die Lichter erstrahlten, die Musik war pulsierend. Mia lehnte sich müde an seine Hüfte.

„Und, Onkel Leo? War es besonders?“, fragte Mia gähnend.

Leo sah hinauf zum Himmel, wo die Dunkelheit die beleuchteten Türme des „Hotel Matamba“ umrahmte. Er dachte an das laute Lachen in der dunklen Achterbahn, den Kampf gegen die Schokoladenmäuse und das Adrenalin, das ihn auf der Black Mamba beinahe überwältigt hätte.

„Mia“, sagte er leise, beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Es war nicht nur besonders. Es war, als hätte mir jemand gezeigt, dass es neben all der Ordnung in meinem Leben noch eine ganze Welt voller wunderbarer Verrücktheit gibt. Und ich habe es genossen.“

Er hob die Quietscheente vom Boden auf. „Und weißt du was? Ich glaube, ich habe heute einen Löwen geritten.“

Mia kicherte müde und zog ihn zum Ausgang. Leo, der ordentliche Mann, der er immer gewesen war, verließ das Phantasialand. Aber er verließ es mit einem neuen Blick auf die Welt – einem Blick, der nun ein wenig mehr Abenteuer und ganz viel Phantasie zuließ

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