
Der Fluch des ewigen Eises
In den Hochalpen, dort, wo die Zivilisation nur noch ein flackerndes Licht in der Ferne ist, liegt das Dorf St. Vigil. Es ist ein Ort, der von Traditionen lebt und von seinen Geheimnissen stirbt. Wenn der Winter kommt, schneidet er das Tal von der Außenwelt ab. Doch in diesem Jahr ist die Kälte anders. Sie ist nicht bloß ein Wetterphänomen; sie ist ein Bote. Wer steckt hinter der perfekten Rache, die über Jahre hinweg geplant wurde? Wenn die Kälte am stärksten ist, schlägt der Mörder zu.
Prolog: Die Nacht der Scherben (Vor 15 Jahren)
Der Wind heulte wie ein verletztes Tier um die alte Jagdhütte am Fuße des Gletschers. Drinnen tranken sie. Sechs junge Menschen, die sich für unbesiegbar hielten. Lukas, der Anführer; Sarah, die Schöne; Marc, der Schläger; Julia, die Mitläuferin; Thomas, der Skeptiker; und mittendrin Elias.
Elias war anders. Er war der Junge mit den flinken Händen und dem wachen Verstand, der nicht in das starre Gefüge des Dorfes passte. Was als Mutprobe begann, endete im Chaos. Sie trieben ihn hinaus in die klirrende Nacht, nur mit einem dünnen Hemd bekleidet. „Lauf, Elias! Wenn du überlebst, gehörst du dazu!“, hatte Lukas gerufen.
Elias lief. Er lief, bis seine Lungen brannten und seine Zehen taub wurden. Er lief direkt in das Herz des Gletschers. Er kam nie zurück. Die Gruppe schwor sich unter Tränen und Alkohol: „Es war ein Unfall. Er ist weggegangen. Wir wissen von nichts.“ Das Eis schluckte die Wahrheit. Vorerst.
Kapitel 1: Die gefrorene Vogelscheuche
Fünfzehn Jahre später. Kriminalkommissar Erik Larson war aus der Großstadt nach St. Vigil versetzt worden, um der Hektik zu entfliehen. Ein Fehler, wie er bald feststellen musste.
Am Morgen des 21. Dezembers, dem Tag der Wintersonnenwende, erreichte das Thermometer minus 24 Grad. Bauer Merten entdeckte die „Bescherung“ auf seinem Feld. Als Larson eintraf, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Lukas Bender, inzwischen ein erfolgreicher, aber skrupelloser Makler, war tot. Er stand aufrecht, festgefroren an einem Marterpfahl. Seine Haut war bläulich-weiß, seine Augen weit geöffnet und von einer Eisschicht überzogen.
Das Skurrile: Er trug genau die Kleidung, die Elias in jener Nacht vor 15 Jahren getragen hatte – ein dünnes, zerrissenes Leinenhemd. In seine Brust war mit chirurgischer Präzision ein Wort geritzt worden: ERSTLING.
„Das ist keine Tat aus Leidenschaft“, murmelte Larson und sah zu, wie sein Atem in der Luft gefror. „Das ist eine Inszenierung. Eine Ernte.“
Kapitel 2: Das Netzwerk der Lügner
Larson begann zu graben. Er stieß schnell auf die Mauer des Schweigens, die das Dorf umgab. Doch die Angst war stärker als die Loyalität. Er suchte Sarah auf, die jetzt die Apotheke leitete. Sie zitterte, obwohl der Kamin in ihrem Haus loderte.
„Er ist zurück, nicht wahr?“, fragte sie mit brüchiger Stimme. „Wer, Sarah? Wer ist zurück?“, drängte Larson. „Die Kälte. Sie hat ein Gedächtnis. Wir dachten, wir hätten es vergraben, aber das Eis gibt nichts her, ohne einen Preis zu verlangen.“
Bevor Larson mehr erfahren konnte, fiel der Strom im ganzen Viertel aus. Ein gezielter Anschlag auf das Umspannwerk. In der Dunkelheit von St. Vigil war nun jeder auf sich allein gestellt. Der Mörder kannte die Geografie des Dorfes und die Schwächen seiner Bewohner. Er war kein Fremder. Er war ein Schatten, der mit dem Frost verschmolz.
Kapitel 3: Die zweite Garbe
Die Suche nach dem Mörder wurde durch einen Jahrhundertsturm behindert. Die Sichtweite betrug keine zwei Meter. In dieser Nacht schlug das Phantom erneut zu.
Marc, der ehemalige Schläger, der heute einen Sicherheitsdienst leitete, wurde in seinem eigenen Panikraum gefunden. Der Raum war eigentlich undurchdringlich, doch der Mörder hatte die Belüftungsanlage manipuliert und flüssigen Stickstoff eingeleitet. Marc war buchstäblich schockgefroren worden, während er versuchte, die Tür aufzubrechen.
Auf dem Überwachungsmonitor, den der Täter absichtlich laufen ließ, sah Larson später eine Gestalt in einem weißen Camouflage-Anzug. Keine Fingerabdrücke, keine DNA. Nur eine hinterlassene Nachricht auf dem Eisblock: DIE SPREU TRENNT SICH VOM WEIZEN.
Larson kombinierte: Die Opfer wurden nach ihrer Rolle in der Tat von damals ausgewählt. Lukas war der Initiator, Marc der Vollstrecker. Wer war der Nächste?
Kapitel 4: Das Labor des Wahnsinns
Larson durchsuchte das verlassene Anwesen der Familie von Elias am Waldrand. Im Keller fand er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war kein gewöhnlicher Keller; es war ein Kühlhaus, das auf extreme Minustemperaturen eingestellt war.
An den Wänden hingen Fotos der verbliebenen Vier. Julia, Thomas, Sarah und der damalige Dorfpolizist, der die Ermittlungen vertuscht hatte. Überall waren Notizen über Gefrierpunkte, die Leitfähigkeit von Eis und die psychologischen Auswirkungen von extremer Kälte zu finden.
„Wer steckt hinter der perfekten Rache?“ Larson las den Namen auf einem alten Postpaket, das im Eck lag: Dr. Aris Vossen. Vossen war der Onkel von Elias, ein ehemaliger Kryobiologe, der vor Jahren untergetaucht war. Er hatte Jahrzehnte damit verbracht, die Technik zu perfektionieren, um das Leid seines Neffen an jenen zu rächen, die ihn in den Kältetod getrieben hatten.
Kapitel 5: Die Nacht der Abrechnung
Der Sturm erreichte seinen Höhepunkt. Larson wusste, dass Sarah das nächste Ziel war. Er raste zu ihrem Haus, doch er kam zu spät. Die Haustür stand sperrangelweit offen, Schnee türmte sich im Flur.
Er folgte den Schleifspuren im Schnee, die hinauf zum zugefrorenen Bergsee führten – dorthin, wo vor 15 Jahren alles begann.
Dort, auf der spiegelglatten Fläche des Sees, hatte Vossen ein bizarres Szenario aufgebaut. Die verbliebenen drei Freunde knieten im Kreis, aneinandergekettet. In der Mitte stand ein Eimer mit Wasser. Vossen hielt eine Fernbedienung in der Hand.
„Wenn die Kälte am stärksten ist, schlägt der Mörder zu“, sagte Vossen ruhig, als Larson seine Waffe zog. „Aber ich bin kein Mörder, Kommissar. Ich bin ein Erntehelfer. Ich ernte nur das, was diese Herrschaften damals gesät haben.“
Er erklärte seinen Plan: Jede halbe Stunde würde er Wasser über sie gießen, bis sie Teil des Sees wurden – genau wie Elias, dessen Leiche Vossen Monate nach der Tat heimlich geborgen und in flüssigem Stickstoff konserviert hatte, um sie nun als stummen Zeugen gegenüberzustellen.
Kapitel 6: Das bittere Ende
Larson versuchte zu verhandeln, doch der Frost hatte Vossens Verstand längst zerfressen. In einem verzweifelten Kampf auf dem glatten Eis gelang es Larson, Vossen zu überwältigen, doch eine Kugel aus Larsons Dienstwaffe traf das Eis. Ein tiefes Grollen ging durch den See.
Das Eis, das über Jahre die Sünden des Dorfes verborgen hatte, gab nach. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen riss die Oberfläche auf. Vossen, der die Rache über alles gestellt hatte, sank zusammen mit der konservierten Leiche seines Neffen in die Tiefe.
Larson konnte Julia und Thomas im letzten Moment retten, doch Sarah wurde von den eiskalten Fluten mitgerissen. Die Natur hatte ihre eigene Gerechtigkeit gefordert.
Epilog: Wenn der Frühling nicht kommt
Wochen später taute der See auf, doch die Leichen von Vossen und Sarah wurden nie gefunden. In St. Vigil sagt man, dass man in besonders kalten Nächten immer noch das Kratzen an den Fenstern hört – als würde jemand Einlass begehren, dem vor langer Zeit die Wärme verweigert wurde.
Eisige Saat – Die erste Ernte des Jahres war eingeholt. Doch jeder Gärtner weiß: Nach der Ernte ist vor der Saat. Und der Winter kommt jedes Jahr zurück.










