
Kapitel 1: Die Stadt ohne Träume
Eldoria war eine Stadt aus grauen Steinen und noch graueren Gedanken. Hier, am Rande der bekannten Welt, regierte die Logik mit eiserner Hand. Phantasie, Vorstellungskraft, Träume – all das galt als gefährlicher Aberglaube, als „der emotionale Irrtum“, der das rationale Gleichgewicht der Gemeinschaft störte. Seit Generationen lehrten die Ältesten, dass nur das Sichtbare, das Messbare, das Reale zählte.
Doch für Elara war Eldoria ein Gefängnis aus Vernunft. Mit ihren zwanzig Jahren war sie eine Meisterin darin, ihre Gedanken zu verbergen. Aber nachts, wenn die Sterne wie rationale Gleichungen am Himmel standen, suchte sie Zuflucht im Flüstermeer. Das Flüstermeer war der verbotene, dichte Wald, der sich jenseits der Stadtmauer wie eine dunkle, unkontrollierte Laune erstreckte. Die Ältesten warnten, der Wald sei ein Ort der Illusionen und der Verrücktheit. Für Elara war es der einzige Ort, an dem sie atmen konnte.
Wichtiger Kontext: Die Unterdrückung von Kreativität in Eldoria ist nicht nur philosophisch, sie ist physisch. Jedes Mal, wenn Elara intensiv träumte oder phantasierte, spürte sie einen scharfen, stechenden Schmerz in ihrer Brust – eine Erinnerung daran, dass ihre Seele nicht konform war.
Die schleichende Krankheit
In den letzten Monden hatte sich eine subtile, furchtbare Krankheit in Eldoria ausgebreitet. Man nannte sie das Graue Vergessen. Die Opfer begannen, Details zu vergessen – die Namen ihrer Kinder, die Gesichter ihrer Lieben, ihre eigenen Berufe. Bald darauf verloren sie die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden. Sie wurden zu lebenden, atmenden Hüllen, deren Augen leer und rational waren.
Die städtischen Räte der Wahrheit erklärten die Krankheit als eine seltene neurale Degeneration. Ihre Antwort war immer dieselbe: noch mehr Rationalität. Sie verboten jegliche Freizeitbeschäftigung, jedes Lied, jede bunte Kleidung, in der Hoffnung, die Ordnung würde die Krankheit heilen.
Aber Elara wusste, dass es mehr gab.
„Es ist, als würde ihnen etwas entzogen“, sagte sie eines Abends zu ihrem einzigen Freund, Tomas, einem besonnenen Bäckerlehrling. „Sie verlieren nicht ihre Erinnerungen, Tomas. Sie verlieren die Farbe ihrer Erinnerungen.“
Tomas zuckte nervös mit den Schultern. „Du musst vorsichtig sein, Elara. Die Wache hört alles. Und du weißt, was mit jenen passiert, die zu viel nachdenken.“
Doch als Elaras eigene Großmutter, die ihr heimlich Märchen erzählt hatte, dem Grauen Vergessen anheimfiel und Elara nicht mehr erkannte, war die Entscheidung gefallen. Elara musste die Ursache finden – und sie war überzeugt, dass die Antwort nicht in den rationalen Büchern der Stadt, sondern im unkontrollierten Chaos des Flüstermeeres lag.
Kapitel 2: Jenseits des Bekannten
Mit nichts als einem alten Kompass (der seltsamerweise immer nach Nordosten, tief in den Wald, zeigte) und einem Messer machte sich Elara in der Morgendämmerung auf den Weg.
Das Flüstermeer war genau so, wie die Ältesten es beschrieben hatten: dicht, laut und von Illusionen durchzogen. Äste schienen sich zu bewegen, wenn man wegsah, das Licht spielte verrückt, und seltsame, unbestimmte Geräusche wehten durch das Dickicht. Elara drängte ihre rationalen Instinkte zurück und ließ zum ersten Mal seit Jahren die Neugier zu – die gefährlichste aller Emotionen.
Nach Stunden des Marsches, als sie schon fast aufgeben wollte, führte der Kompass sie zu einer Lichtung. Mitten auf der Lichtung stand nicht etwa ein Baum, sondern eine Struktur, die Elaras Verstand fast zum Stillstand brachte.
Es war eine Barriere, ein schimmernder, fast unsichtbarer Vorhang aus Luft, durchzogen von farbigen Lichtblitzen, die aussahen wie gefangene Regenbogen. Es roch nach Ozon und Träumen. Dies war der Schleier.
Als Elara den Schleier berührte, durchfuhr sie eine Welle von Empfindungen: die Freude eines ungesehenen Lächelns, die Trauer eines verlorenen Liedes, die Aufregung eines endlosen Abenteuers. Es war die gesammelte Phantasie einer ganzen Welt.
Hinter dem Schleier lag Aetheria.
Sie sah es sofort: die majestätische, hoch aufragende Zitadelle, die nicht aus Stein, sondern aus leuchtendem Kristalleis erbaut war. Sie spiegelte sich in einem ruhigen, tintenblauen See wider, umgeben von einem Himmel, der wie flüssige Sterne wirkte. Es war die gleiche Vision, die sie in ihren verbotenen Träumen verfolgt hatte.
Der Wächter am Rand
Elara zögerte nicht lange. Sie atmete tief durch und schritt durch den Schleier. Die Welt um sie herum explodierte in Farben und Klängen, die in Eldoria keinen Namen hatten.
Als sie auf der feuchten Erde von Aetheria stand, hörte sie ein scharfes Geräusch.
„Du solltest nicht hier sein“, sagte eine tiefe, raue Stimme.
Vor ihr stand ein Mann, Kael. Er war groß, trug eine Rüstung aus dunklem Leder, das mit opalartigen Steinen besetzt war, und hielt einen Speer in der Hand, der schwach blau leuchtete. Seine Augen waren die Farbe des tiefen Ozeans. Er strahlte eine Mischung aus Misstrauen und tiefer Müdigkeit aus.
Elara versuchte, rational zu argumentieren. „Ich suche die Quelle einer Krankheit, die meine Welt befällt.“
Kael lachte höhnisch, aber das Lachen klang hohl. „Krankheit? Dies ist Aetheria, das Reich der Formgewordenen. Deine Krankheit ist die Abwesenheit. Und sie kommt von hier.“
Er erklärte, dass die Zitadelle, Luminos, einst das Zentrum der reinen Schöpfungskraft war. Aber jetzt wurde sie von einem dunklen Phänomen umgeben, dem Nebel der Leere. Dieser Nebel saugte die Essenz der Phantasie aus Aetheria und drang durch die dünnsten Stellen des Schleiers – wie den Standort, an dem Elara stand – in ihre Welt Eldoria ein.
„Der Nebel stiehlt eure Gedanken, eure Kunst, eure Liebe – all das, was ihr verboten habt“, sagte Kael. „Eldoria verhungert, weil es die Nahrung der Seele abgelehnt hat.“
Kapitel 3: Die Erbin der zwei Welten
Kael bemerkte, dass Elara nicht zerfiel. Im Gegensatz zu den wenigen anderen, die versehentlich den Schleier durchschritten hatten und schnell von den überwältigenden Sinnen Aetherias in den Wahnsinn getrieben wurden, blieb Elara stabil.
„Wer bist du wirklich?“, fragte er. „Deine Augen sehen die Magie, aber deine Haltung ist die der eisernen Logik deiner Welt.“
Elara gestand ihre Träume und die unerträgliche Anziehungskraft, die sie immer zur Zitadelle gezogen hatte. Kael berührte ihre Stirn und seine Augen weiteten sich.
„Du bist eine Erbin“, flüsterte er. „Nicht nur eine Magierin, sondern eine Formgeberin. Du hast das Gleichgewicht in dir: die Stabilität deiner logischen Welt und das Feuer der Phantasie. Du kannst die Magie nicht nur nutzen, du kannst sie umformen.“
Er enthüllte, dass die ursprünglichen Wächter, die die Schleier zwischen den Welten schufen, genau wie Elara waren – Wesen, die die rationalen Grundlagen nutzten, um die kreativen Energien zu kanalisieren. Mit der Zeit ging dieses Wissen verloren, und die Magier von Aetheria wurden entweder zu starren Kontrollfreaks oder zu ziellosen Träumern.
Die Entscheidung
Kael wusste, dass der Nebel der Leere bald den Schleier an dieser Stelle vollständig auflösen würde. Wenn das geschah, würde die Phantasie unkontrolliert und zerstörerisch über Eldoria hereinbrechen, während Eldoria selbst im Grauen Vergessen enden würde.
„Wir müssen zur Zitadelle, Elara“, drängte Kael. „Nicht, um sie zu bekämpfen, sondern um die Quelle des Lichts zu finden, bevor der Rat des starren Lichts sie missbraucht oder der Nebel sie verschluckt.“
Elara blickte zurück auf den schimmernden Schleier, der Eldoria verbarg. Sie dachte an die rationalen Mauern, die sie ihr Leben lang umgeben hatten, und an die kalten Augen ihrer Großmutter. Die rationale Wahl wäre, zurückzukehren und zu versuchen, die Ältesten zu warnen. Die wahre Wahl lag vor ihr, auf dem Weg zum See, zur glitzernden, gefährlichen Zitadelle.
Sie nahm Kaels Hand. Die Kälte des Kristalleises, die sie in ihren Träumen gespürt hatte, war nun real.
„Führe mich“, sagte Elara, ihre Stimme fest. „Ich werde meine Phantasie nicht länger verbergen. Wenn Eldoria gerettet werden soll, muss ich Jenseits der Phantasie gehen.“
Sie folgten dem Ufer des tintenblauen Sees. Vor ihnen thronte Luminos, die Zitadelle. Sie sah aus wie ein Traum – wunderschön, eisig, und voller verborgener Gefahren. Elara, die rationale Denkerin, betrat das Land der reinen Vorstellungskraft, bereit, die Illusion zu durchbrechen, die sie für Realität gehalten hatte.










