Die Pendlerin

Die Pendlerin

Das Summen der Schienen. Manche Menschen finden Ruhe in der Stille. Clara Stein fand sie im Rattern. Das monotone Schlagen der Schienen unter dem Zug war für sie wie ein Metronom, das den Takt ihres Lebens bestimmte.

6:17 Uhr – Abfahrt in Niedernhausen.

7:03 Uhr – Ankunft Frankfurt Hauptbahnhof.

Fünf Tage die Woche.

Seit sieben Jahren.

Sie war Pendlerin mit Leib und Seele. Nicht, weil sie das mochte, sondern weil Routine ihr die Illusion von Sicherheit gab. Sicherheit – ein Wort, das sie seit der Nacht verloren hatte, in der ihr Mann einfach nicht mehr nach Hause gekommen war.

Kapitel 1 – Der Fremde auf Platz 12

Dienstagmorgen.

Clara stieg in den vertrauten Waggon, den sie in- und auswendig kannte: die grauen Sitze, der Geruch nach kaltem Kaffee und Reinigungsmittel, das leise Pfeifen in der Lüftung. Doch heute war etwas anders. Jemand saß auf ihrem Platz. Reihe 12, Fenster rechts – ihr Platz.

Der Mann war mittelgroß, trug einen grauen Mantel, einen Filzhut, und hielt eine gefaltete Zeitung in der Hand. Seine Tasche stand neben ihm, ungewöhnlich groß für einen Pendler.

Als Clara zögerte, sah er auf. „Ist hier etwas?“ „Das ist… normalerweise mein Platz“, sagte sie unsicher. Er lächelte kaum merklich. „Heute ist er wohl meiner.“ Clara wich aus, setzte sich schräg gegenüber und spürte, wie ihr inneres Gleichgewicht verrutschte. Zum ersten Mal seit Jahren war ihr Pendelrhythmus gestört.

Kapitel 2 – Gespräch im Morgengrau

Am nächsten Morgen war er wieder da. Diesmal nickte er ihr zu. „Immer dieselbe Strecke?“, fragte er, als der Zug anfuhr. „Jeden Tag“, antwortete sie. „Frankfurt, Innenstadt. Buchhaltung.“ Er lächelte. „Keller. Ich bin in der Forensik. Kriminaltechnik. Viel Papier, wenig Schlaf.“ Das weckte ihr Interesse. „Polizei?“ „In gewisser Weise.“ Er war höflich, leise, und doch haftete ihm etwas Merkwürdiges an.

Etwas, das sie nicht benennen konnte. Seine Augen – grau, fast durchsichtig – wirkten wie Wasser, das keine Tiefe hat, aber dennoch alles reflektiert. Als sie ausstieg, fiel ihr auf, dass seine Tasche sich leicht bewegte. Ein kaum wahrnehmbares Zucken – als würde darin etwas leben.

Kapitel 3 – Die Frau im Artikel

Freitag.

Clara saß im Büro, übermüdet, doch konzentriert. Dann blieb ihr Blick an einem Artikel in der Regionalzeitung hängen:

> Frau vermisst – zuletzt gesehen im Pendlerzug von Niedernhausen nach Frankfurt. Polizei bittet um Hinweise. Das Foto zeigte eine Frau, Anfang dreißig, dunkle Haare, müdes Lächeln. Clara kannte dieses Gesicht. Sie hatte sie im Zug gesehen – zwei Reihen vor sich. Jeden Morgen. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie nahm ihr Handy, wollte die Polizei anrufen, legte aber wieder auf. Was sollte sie sagen? Dass ein Fremder mit einer großen Tasche neben ihr sitzt?

Kapitel 4 – Die Tasche

Montagmorgen. Keller war wieder da. Diesmal sprach er nicht. Er starrte aus dem Fenster, als sähe er Dinge, die außerhalb der Zeit lagen. Clara spürte, wie ihr Puls schneller ging, als er aufstand und den Wagen verließ – seine Tasche jedoch liegen ließ. Niemand achtete darauf. Niemand außer ihr. Sie stand auf, trat zögernd näher. Der Reißverschluss der Tasche war leicht geöffnet. Ein Geruch nach Erde, Metall und etwas Süßlichem stieg auf. Sie griff hinein – fühlte Stoff, kalt und feucht, und dann… etwas Hartes, Rundes.

Ein Schmuckstück? Ein Anhänger? Bevor sie es herausziehen konnte, hörte sie seine Stimme hinter sich: „Was tun Sie da?“ Sie fuhr herum. Keller stand da, das Gesicht im Schatten, ein leises Lächeln auf den Lippen. „Ich dachte, Sie hätten etwas vergessen.“ Er trat näher. „Das habe ich wohl.“

Kapitel 5 – Stille Signale

Seit diesem Tag sprach Clara mit niemandem mehr über Keller. Aber sie begann, ihn zu beobachten. Er stieg immer an der gleichen Station ein. Manchmal in anderen Waggons, manchmal gar nicht. Und immer dann, wenn er fehlte, passierte etwas. Ein Artikel über eine vermisste Person. Ein Notarztwagen am Bahnsteig. Ein Polizist, der unauffällig Fotos zeigte. Clara notierte alles in einem kleinen Notizbuch, das sie „Zugtage“ nannte. Sie beschrieb seine Kleidung, seine Bewegungen, sogar die Abstände zwischen seinen Atemzügen.

Der Gedanke, dass sie die Einzige war, die ihn wirklich sah, gab ihr ein seltsames Gefühl von Kontrolle – oder Abhängigkeit. Eines Abends fand sie in ihrer Jackentasche ein Stück Papier, eingerollt wie ein Geheimnis. Darauf stand in sauberer Schrift: > „Sie beobachten mich. Aber wer beobachtet Sie?“

Kapitel 6 – Die Spur

Clara war kein Mensch, der an Zufälle glaubte. Also begann sie zu recherchieren. „Keller“ – kein Eintrag im Polizeiverzeichnis. Kein Kriminaltechniker dieses Namens. Sie suchte weiter. Alte Vermisstenfälle. Zugunglücke. Alles, was mit Pendlern zu tun hatte. Bis sie auf einen Bericht aus dem Jahr 2008 stieß:

> Zugunglück auf der Strecke Frankfurt – Niedernhausen. Drei Tote, darunter ein Ermittler der Spurensicherung – Name: Tobias Keller. Clara starrte auf den Bildschirm. Das Foto zeigte denselben Mann. Kein Zweifel. Doch wie konnte das sein?

Kapitel 7 – Schatten im Abteil

Dienstag. 6:17 Uhr. Der Zug war halb leer, Nebel lag über den Gleisen. Clara nahm ihren Platz ein, starrte auf das Fenster. In der Scheibe spiegelte sich ihr Gesicht – und hinter ihr: Keller. Er lächelte im Spiegel. „Sie haben mich gefunden.“ Sie drehte sich um. Das Abteil war leer. Nur ihre Tasche stand da. Und darin lag – sorgfältig gefaltet – eine Zeitung. Auf der Titelseite:

> „Pendlerin tot aufgefunden – Leiche im Taunus entdeckt.“

Darunter ein Foto. Von ihr.

Kapitel 8 – Das letzte Gleis

Als der Zug in Frankfurt einfuhr, bemerkte niemand, dass sie nicht ausstieg. Nur eine schwarze Tasche blieb auf ihrem Platz zurück. Später, als der Zug gereinigt wurde, fand man sie – leer, bis auf einen silbernen Anhänger in Form eines Zugrades. Die Ermittler vermerkten: Unauffällig. Kein Hinweis auf Fremdverschulden. Aber einige Wochen später sah eine Pendlerin im Morgenlicht eine Frau am Bahnsteig stehen. Schlank, in Mantel und Schal, mit einem silbernen Anhänger um den Hals. Sie stieg in den Zug, Reihe 12, Fenster rechts. Lächelte. Und neben ihr – ein Platz, der immer frei blieb.

Epilog

Der Zug nach Frankfurt fährt jeden Morgen um 6:17 Uhr. Und manchmal, wenn der Nebel dicht ist und die Schienen singen, schwören Pendler, eine Frau zu sehen, die in der Fensterscheibe lächelt. Ein leises, wissendes Lächeln. So, als würde sie auf jemanden warten. Oder jemanden beobachten.

 ENDE

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