
I. Der Treffpunkt am Ufer
Fünf Kinder trafen sich jeden Sommer. Sie trafen sich immer am sogenannten Silberfluss. Der Fluss lag versteckt hinter der alten Eichenallee. Es war ihr persönliches Königreich.
Jeden Tag um halb vier versammelten sie sich dort.
Leo (15) war der Anführer. Er war der Älteste und der stillste. Er trug immer ein altes Taschenmesser bei sich. Maya (14) war die Forscherin. Sie kannte jede Pflanze, jeden Stein. Ihr Wissen war beeindruckend.
Sam (12) war der Techniker. Er baute Fallen und reparierte alles. Er trug eine Schutzbrille auf dem Kopf. Lina (10) war die Kreative. Sie erfand die Geschichten und die Regeln. Sie sah die Magie in allem.
Zuletzt kam Finn (9). Finn war der Jüngste und der Mutigste. Er folgte Leo überall hin, ohne zu zögern. Er bewunderte seine älteren Freunde.
An diesem Dienstag war es besonders heiß. Das Wasser des Flusses glitzerte hell. Es versprach eine perfekte Abkühlung.
„Wir bauen heute ein Staudamm-Netzwerk“, verkündete Leo. Er holte Äste und Steine hervor.
Sam stimmte sofort zu. „Ich habe mein neues Drahtgeflecht dabei. Es hält bombenfest.“
Lina jedoch sah gelangweilt auf das Wasser. „Staudämme sind langweilig. Wir suchen heute einen Wasserkobold-Schatz.“
Maya lachte leise. „Die Kobolde sind heute sicher im Schatten. Wir bleiben beim Plan, Lina.“
II. Die Entdeckung am Schilf
Die fünf Kinder arbeiteten fast eine Stunde. Sie schleppten Steine. Sie stapelten dicke Äste. Der Damm wuchs langsam in die Höhe.
Finn stand in der Mitte. Er balancierte auf einem nassen Stein. Plötzlich sah er etwas.
Ein glänzender Punkt trieb langsam an der Strömung vorbei.
„Hey! Schaut mal!“, rief Finn. Er zeigte mit dem Finger auf das Wasser.
Es war eine Flasche. Sie war dickwandig und grünlich. Sie sah sehr alt aus. Das Glas glänzte in der Sonne.
„Eine leere Bierflasche“, murmelte Sam enttäuscht. Er legte seine Steine nieder.
Maya blickte genauer hin. Sie sah ein weißes Etwas im Inneren. „Nein, das ist keine Bierflasche. Da ist etwas drin!“
Leo reagierte sofort. Er warf sein Messer auf den Boden. Er sprang behände ins seichte Wasser.
Die Flasche trieb in Richtung Schilf. Leo watete schnell durch den Fluss. Er streckte die Hand aus.
Mit einem beherzten Griff fing er die Flasche. Er hielt sie triumphierend hoch. Das Wasser tropfte von seinem T-Shirt.
Er watete zurück zum Ufer. Die anderen Kinder umringten ihn gespannt.
III. Die geheimnisvolle Nachricht
Die Flasche war mit einem alten Korken verschlossen. Der Korken sah spröde aus. Er war von Moos bedeckt.
„Mach auf! Mach auf!“, drängelte Lina aufgeregt. Ihre Augen glänzten.
Leo zögerte. „Wir müssen vorsichtig sein. Wenn der Korken bricht, wird der Inhalt nass.“
Sam holte sofort einen kleinen Multifunktionsschlüssel aus seiner Hosentasche. Er wählte den Korkenzieher. Sam war immer vorbereitet.
Vorsichtig setzte er den Korkenzieher an. Er drehte langsam. Alle hielten den Atem an.
Plopp.
Der Korken gab nach. Er löste sich mit einem leisen Geräusch.
Leo neigte die Flasche. Er schüttelte sie sanft. Ein gefaltetes Stück vergilbtes Papier rutschte heraus.
Das Papier fühlte sich dick und fast lederartig an. Es roch nach Salz und Moder.
Maya nahm das Papier entgegen. Sie faltete es vorsichtig auseinander. Sie sah sofort, dass es keine moderne Nachricht war.
Die Tinte war dunkel. Die Schrift war elegant, aber schwer zu entziffern.
„Lest vor!“, befahl Finn. Er konnte es kaum erwarten.
Maya begann langsam zu lesen. Jedoch musste sie einige Wörter buchstabieren.
„An den Finder dieses Zeichens. Wenn die Sonne den Gipfel des Steinhügels küsst, und der Schatten der Großen Linde dreimal wandert, dann suche den verborgenen Punkt. Nur der Sohn des Windes kennt den Weg. Der Schatz wartet seit siebzig Jahren auf seine Befreiung. Er liegt unter dem Zeichen des springenden Hirsches.“
IV. Die Analyse des Rätsels
Stille herrschte am Flussufer. Die Botschaft klang wie aus einem alten Piratenfilm.
Lina war die Erste, die sprach. „Das ist kein Kobold-Schatz. Das ist ein echter Schatz!“
Sam blickte skeptisch. „Das ist bestimmt nur ein Witz. Eine Art Sommerlager-Spiel.“
Leo hielt das Papier gegen das Licht. „Die Tinte ist alt. Das Papier ist echt alt. Außerdem lag es im Fluss. Wir müssen das Rätsel lösen.“
Maya begann sofort mit der Analyse. Sie war die Expertin für Details.
„Erstens: Der Steinhügel“, sagte sie. „Das muss der alte Tumulus am Waldrand sein. Der ist der höchste Punkt hier.“
„Zweitens: Der Schatten der Großen Linde“, fuhr sie fort. „Die Linde steht neben dem Tumulus. Sie hat einen riesigen Stamm.“
Sam unterbrach sie. „Die Linde wirft ihren Schatten dreimal, weil sie sich dreht? Das ist Quatsch.“
Leo schüttelte den Kopf. „Nein, es bedeutet drei verschiedene Zeitpunkte. Wahrscheinlich Morgen, Mittag, Abend. Oder es sind drei Markierungen, die der Schatten im Tagesverlauf trifft.“
Finn, der aufmerksam zuhörte, fragte: „Und wer ist der Sohn des Windes?“
Lina strahlte. „Ein Falke! Oder vielleicht ein Drachenflieger? Ein geheimer Code!“
Leo sah Finn an. „Du hast das Rätsel gut erfasst, Finn. Wir müssen das herausfinden. Es ist der Schlüssel.“
V. Die Vorbereitung der Expedition
Die Kinder waren elektrisiert. Der Staudamm war vergessen. Sie packten ihre Sachen zusammen.
„Wir müssen morgen früh zum Steinhügel“, bestimmte Leo. Er faltete die Nachricht sorgfältig. Er steckte sie in eine Plastiktüte.
Maya holte ihr Notizbuch heraus. „Wir brauchen Karten. Ich zeichne morgen die Linde und den Hügel ein. Wir müssen die Schattenlinien messen.“
Sam nickte eifrig. „Ich nehme mein Teleskop mit. Es ist zwar für Sterne, aber wir können damit den verborgenen Punkt besser sehen.“
Finn fand plötzlich die Lösung für ein Teilrätsel. „Der springende Hirsch! Das ist das Schild an der alten Försterhütte! Sie steht genau am Fuß des Hügels.“
Alle sahen ihn überrascht an. Finn hatte richtig kombiniert.
„Super, Finn!“, lobte Leo. „Du bist der Sohn des Windes! Du hast uns den Weg gezeigt.“
Lina war fast außer sich vor Freude. „Das wird unser größtes Abenteuer! Wir brauchen Ausrüstung!“
Sie erstellten eine Ausrüstungsliste: Seil, Spaten, Kompass (von Sams Vater geliehen), Wasserflaschen, Taschenlampen.
Die Sonne sank langsam. Die Mission war klar. Sie mussten den Schatz finden, bevor jemand anderes die Flaschenpost entdeckte.
VI. Die erste Etappe am Hügel
Am nächsten Morgen trafen sie sich schon um 7:00 Uhr. Die Luft war kühl und feucht. Sie kletterten den Steinhügel hinauf.
Oben stand die alte Linde. Der Schatten war lang und dünn.
Maya legte ihr Notizbuch auf den Boden. Sie befestigte ein langes Maßband an der Basis des Baumstammes. „Erste Markierung: Morgenschatten“, sagte sie.
Der Schatten zeigte genau auf einen großen, runden Findling.
Sie warteten. Die Stunden vergingen langsam. Sie verbrachten die Zeit damit, die Umgebung zu beobachten.
Um 12:00 Uhr stand die Sonne fast senkrecht. Der Schatten der Linde war sehr kurz. Er fiel direkt auf die Mitte des Tumulus.
„Zweite Markierung: Mittagsschatten“, notierte Maya. „Das ist sicher kein Zielpunkt. Es ist zu offensichtlich.“
Die Kinder aßen ihre Brote. Sie tranken ihr Wasser. Sie warteten weiter.
Gegen 15:30 Uhr begann der Schatten wieder zu wachsen. Er wurde lang und dunkel.
Er zog sich über die Wiese. Schließlich traf der Schatten eine Reihe von drei kleinen, bemoosten Steinen.
Leo sah die Steine an. „Der Schatten ist dreimal gewandert: zum Findling, zur Mitte, zu diesen Steinen. Das ist der verborgene Punkt.“
VII. Das Zeichen des springenden Hirsches
Die Kinder stiegen den Hügel hinab. Sie eilten zur Försterhütte.
Die Hütte war seit Jahren verlassen. Das Holz war grau und verwittert. Über der Tür hing das alte, verrostete Schild. Es zeigte einen springenden Hirsch. Finns Beobachtung war perfekt.
„Der Schatz muss hier sein“, flüsterte Lina.
Sie suchten den Bereich unter dem Schild ab. Der Boden war hart und voller Wurzeln.
„Wir graben hier!“, entschied Sam. Er holte den Spaten hervor.
Sie gruben abwechselnd. Die Erde war steinig und schwer. Ihre Hände waren bald voller Blasen.
Nach zwanzig Minuten stieß Sam auf etwas Hartes. Klong!
„Ich habe etwas gefunden!“, rief er begeistert.
Sie gruben schneller. Sie entfernten die restliche Erde.
Es war eine kleine Holzkiste. Sie war nass und das Holz war fast schwarz. Sie roch stark nach feuchter Erde.
Leo benutzte sein Taschenmesser. Er hebelte den verrosteten Verschluss auf.
Alle fünf Kinder drängten sich um die Kiste. Die Spannung war riesig.
VIII. Der Schatz im Inneren
Leo öffnete den Deckel langsam. Die Holzfugen quietschten leise.
Sie sahen hinein. Es waren keine Juwelen oder Goldmünzen.
In der Kiste lagen:
- Ein kleines, silbernes Medaillon mit einer Gravur: „Für E. – Immer in Gedanken.“
- Ein Stapel alter Fotos. Sie zeigten eine lachende Frau und einen jungen Mann in Uniform.
- Ein dickes Lederbuch. Es war das Tagebuch des Mannes.
- Eine Postkarte mit einem Datum von vor siebzig Jahren.
Lina war zuerst enttäuscht. „Das ist kein Piratenschatz! Das ist nur alter Kram.“
Maya griff nach dem Tagebuch. „Es ist besser als Gold, Lina. Es ist eine Geschichte!“
Sie blätterte durch die Seiten. Der Mann, der die Kiste versteckt hatte, war ein junger Soldat. Er hatte seine Geliebte vor dem Krieg schützen wollen.
Er hatte das Medaillon und die Fotos seiner großen Liebe gewidmet. Er hatte es als Liebesbeweis versteckt. Er hoffte, sie würde es nach dem Krieg finden.
Der Soldat war nie zurückgekommen. Die Geliebte hatte nie gewusst, wo er den Schatz versteckt hatte.
Leo verstand die Tragödie sofort. „Der wahre Schatz ist die Erinnerung. Wir haben ein Geheimnis gelüftet.“
IX. Die neue Aufgabe
Die Kinder saßen lange schweigend da. Sie fühlten das Gewicht der Geschichte.
„Wir können das nicht einfach wieder vergraben“, sagte Finn leise.
„Nein“, stimmte Maya zu. „Wir müssen die Frau finden. Oder ihre Familie. Jemand muss wissen, dass er sie geliebt hat.“
Sam holte ein modernes Smartphone hervor. „Wir können die Postkarte suchen. Wir können die Namen und das Datum überprüfen.“
Lina sah die Fotos an. „Wir müssen diese Gesichter zeigen. Jemand muss sie kennen.“
Leo nickte entschlossen. „Unsere Aufgabe ist nicht die Schatzsuche mehr. Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Geschichte zu vollenden. Wir sind die neuen Hüter dieser Erinnerung.“
Sie entschieden, die Kiste mitzunehmen. Sie verstauten die Gegenstände sicher in Sams Rucksack.
Ihr Abenteuer war nicht vorbei. Es hatte gerade erst begonnen. Es führte sie nicht zu Gold, sondern zu einem echten, wichtigen Geheimnis der Vergangenheit.
Der Silberfluss hatte ihnen mehr geschenkt als nur eine Abkühlung: Er schenkte ihnen eine Mission.










