
Kapitel 1: Der Dachboden der tickenden Schatten
Der Regen trommelte gegen die schrägen Dachfenster des alten Hauses in Nebelstein, als wollte er Einlass begehren. Für Jonas (14) war dieser Ort der Inbegriff von Langeweile. Während seine Freunde im Ruhrgebiet im Freibad hingen, saß er fest – in einem Dorf, in dem selbst die Kühe so aussah, als würden sie gleich im Stehen einschlafen.
„Glaubst du, Opa war eigentlich ein Geheimagent?“, fragte Finn (8) und wirbelte so viel Staub auf, dass Jonas niesen musste. Finn trug eine alte Fliegerbrille, die er in einer Kiste gefunden hatte, und fuchtelte mit einem zerfressenen Kochlöffel herum, als wäre es ein Laserschwert. „Opa war Uhrmacher, Finn. Das Spannendste, was er je gemacht hat, war, ein Zahnrad zu ölen“, erwiderte Jonas und starrte genervt auf sein Handy. Kein Empfang. Natürlich nicht. In Nebelstein hatten selbst die Funkwellen keine Lust auf Überstunden.
„Aber guck mal die Uhren an!“, beharrte Finn. Er zeigte auf die Wand des Dachbodens. Dort hingen Dutzende von Kuckucksuhren, Taschenuhren und Wanduhren. Doch keine einzige von ihnen bewegte sich. Es war eine unheimliche Stille, die nur vom Prasseln des Regens unterbrochen wurde. Jonas sah auf. Er musste zugeben, dass der Dachboden etwas Merkwürdiges an sich hatte. Es roch nach altem Papier, Bohnerwachs und etwas, das Jonas an verbrannten Zimt erinnerte. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Arbeitstisch, übersät mit Lupen, winzigen Schraubenziehern und Skizzen, die eher nach Sternenkarten als nach Uhrwerken aussah.
„Guck mal, Jonas! Die hier kitzelt!“, rief Finn plötzlich. Er stand vor einer riesigen Standuhr aus dunklem Eichenholz. Sie war fast zwei Meter hoch und mit Schnitzereien von rankenden Efeu und kleinen, grinsenden Waldgeistern verziert. „Finn, fass nichts an! Mama hat gesagt…“ Zu spät. Finn hatte bereits an einem kleinen, goldenen Gewicht in Form eines Tannenzapfens gezogen.
Ein tiefes, grollendes Geräusch vibrierte durch den Dielenboden. Jonas sprang auf. „Was hast du gemacht?“ „Nichts! Ich hab nur… vorsichtig gezogen“, stammelte Finn, dessen Augen hinter der Fliegerbrille jetzt so groß wie Untertassen waren. Plötzlich geschah etwas Unmögliches. Die Uhren an den Wänden begannen gleichzeitig zu ticken. Zuerst leise, dann immer lauter, bis das Geräusch wie ein hämmerndes Herz durch den Raum schlug. Aber sie tickten nicht im Gleichtakt. Jede Uhr schien eine andere Sprache zu sprechen – ein wildes, chaotisches Orchester aus Metall und Zeit.
„Jonas, die Standuhr! Sie leuchtet!“, flüsterte Finn. Aus den Ritzen der hölzernen Tür der Standuhr drang ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht. Es war kein elektrisches Licht, sondern ein Pulsieren, das sich wie Wärme auf der Haut anfühlte. Jonas trat näher, seine Skepsis war wie weggeblasen. Das war kein Trick. Das war Physik, die gerade Urlaub machte. Er legte die Hand auf das kühle Holz. Die Schnitzereien der Waldgeister schienen unter seinen Fingern zu kichern.
„Hier ist eine Inschrift“, bemerkte Jonas und wischte den Staub von einer Messingplatte unter dem Zifferblatt. „Für jene, die die Zeit nicht messen, sondern fühlen. Der Schlüssel liegt nicht im Schloss, sondern im Moment zwischen zwei Herzschlägen.“ „Das ist wie bei Harry Potter, nur mit mehr Zahnrädern!“, rief Finn begeistert und versuchte, die Tür der Uhr aufzuziehen. „Warte, Finn! Wir wissen nicht, was…“ Doch in diesem Moment blieb die Zeit im Raum buchstäblich stehen. Ein Regentropfen, der gerade durch eine Ritze im Dach fiel, verharrte mitten in der Luft. Eine dicke Hummel, die sich auf den Dachboden verirrt hatte, blieb wie festgefroren vor Jonas’ Nase hängen.
Nur Jonas und Finn konnten sich noch bewegen. Die Tür der Standuhr schwang knarrend auf. Doch dahinter war kein Pendel zu sehen. Dahinter war ein Wald. Ein Wald, in dem die Bäume aus Kupfer bestanden und der Himmel die Farbe von geschmolzenem Gold hatte. „Krass“, hauchte Jonas. „Das ist definitiv kein Schwarzwald-Urlaub mehr.“ Finn grinste breit. „Ich hab’s doch gesagt: Opa war ein Agent! Ein Zeit-Agent!“ Er machte einen entschlossenen Schritt über die Schwelle der Uhr – direkt hinein in eine Welt, in der die Zeit ihre eigenen Regeln schrieb.
Kapitel 2: Der Wald der kupfernen Blätter
Der Übergang war nicht so, wie Jonas es sich vorgestellt hatte. Er hatte mit einem Knall gerechnet oder zumindest mit einem Gefühl wie in einer Achterbahn. Stattdessen fühlte es sich an, als würde man durch eine unsichtbare Wand aus warmer Butter treten. Einen Herzschlag später standen sie nicht mehr auf dem staubigen Dachboden in Nebelstein, sondern auf einem weichen Boden aus metallisch glänzendem Moos.
„Heilige Makrele“, flüsterte Finn und rückte seine Fliegerbrille zurecht. „Jonas, guck dir die Bäume an! Die haben ja gar keine Rinde!“ Finn hatte recht. Die Bäume, die sie umgaben, sahen aus wie die Meisterwerke eines verrückten Kunstschmieds. Die Stämme bestanden aus poliertem Kupfer, an denen dicke Adern aus Messing wie Ranken emporliefen. An den Ästen hingen Blätter, die so fein aus Bronze gehämmert waren, dass sie im Wind ein leises, melodisches Klingen von sich gaben. Es klang wie tausend winzige Windspiele.
„Das ist unmöglich“, murmelte Jonas. Er bückte sich und hob ein heruntergefallenes Blatt auf. Es war schwer und kalt. „Das muss eine Art Freizeitpark sein. Eine extrem teure Kulisse. Vielleicht hat Opa sein ganzes Geld für Spezialeffekte ausgegeben?“ „Jonas, guck mal nach oben“, sagte Finn mit ehrfürchtiger Stimme. Jonas legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war nicht blau. Er hatte die Farbe von glühendem Bernstein, und statt einer Sonne drehten sich dort oben drei riesige, ineinandergreifende Zahnräder aus gleißendem Licht. Sie bewegten sich so langsam, dass man es kaum sah, aber ein tiefes, beruhigendes Brummen erfüllte die gesamte Luft.
„Okay“, gab Jonas zu, während sein wissenschaftliches Weltbild gerade lautlos in sich zusammenbrach. „Das ist kein Freizeitpark. Das ist… wo auch immer wir sind.“ „Wir sind in Chronos“, piepste eine Stimme direkt hinter ihnen. Die beiden Brüder wirbelten herum. Auf einem umgestürzten Zahnrad, das halb im Moos versunken war, saß ein Wesen, das aussah wie eine Mischung aus einem Eichhörnchen und einer Taschenuhr. Es hatte buschiges, rostrotes Fell, aber an seinen Flanken schimmerten kleine Zahnräder, die sich sanft drehten. Anstelle einer Nase trug es ein winziges Zifferblatt, und seine Augen leuchteten wie kleine LED-Lämpchen.
„Ein Eich-Uhr-Hörnchen!“, rief Finn begeistert und wollte es sofort streicheln. „Vorsicht!“, rief das Wesen und sprang mit einem metallischen Klong zur Seite. „Ich bin ein Zeit-Wächter, kein Kuscheltier! Und ihr seid spät dran. Sehr spät sogar. Genau genommen seid ihr dreiundvierzig Minuten und zwölf Sekunden hinter dem Zeitplan.“ Jonas blinzelte. „Hinter welchem Zeitplan? Wer bist du überhaupt?“ „Ich bin Tick-Tack“, sagte das Wesen und putzte sich mit einer Pfote, die verdächtig nach einem kleinen Zeiger aussah, das Gesicht. „Und ihr seid die Enkel von Meister Archibald, richtig? Dem Uhrmacher aus der ‚Anderwelt‘?“
„Opa Archibald?“, fragte Finn. „Wusste er von diesem Ort?“ Tick-Tack stieß einen Seufzer aus, der wie das Entweichen von Dampf klang. „Wusste er davon? Er war der Oberste Mechaniker des Großen Getriebes! Aber seit er weg ist, läuft hier alles… nun ja, unrund. Die Sekunden fangen an zu haken, die Minuten dehnen sich wie Kaugummi, und gestern ist eine ganze Stunde einfach im Sumpf der Vergessenheit versunken. Niemand hat sie wiedergefunden!“ Jonas massierte sich die Schläfen. „Lass mich das zusammenfassen: Wir sind durch eine Standuhr in eine mechanische Parallelwelt gereist, in der die Zeit kaputtgeht, und ein sprechender Wecker-Nager sagt uns, dass unser Opa hier der Chef war?“
„Ziemlich genau auf den Punkt gebracht“, bestätigte Tick-Tack. „Aber wir haben keine Zeit für Zusammenfassungen. Wenn das Große Getriebe im Zentrum von Chronos stehen bleibt, dann bleibt die Zeit überall stehen. Auch in eurer Welt. Für immer. Kein Morgen mehr, keine Ferien, kein Abendessen.“ „Kein Abendessen?“, rief Finn entsetzt. „Das ist eine Katastrophe! Jonas, wir müssen was tun!“ Jonas sah zurück zur Standuhr, doch dort, wo sie eben noch hergekommen waren, stand jetzt nur noch ein massiver Baum aus dunklem Eisen. Das Portal war zu. „Wir haben keine Wahl, oder?“, fragte Jonas und sah Tick-Tack an. „Wahlmöglichkeiten sind ein Luxus der Vergangenheit“, antwortete das Wesen kryptisch. „Folgt mir. Aber passt auf, wo ihr hintretet. Im Rost-Morast gibt es Zeitschlingen. Wer dort hineintritt, erlebt seinen zehnten Geburtstag immer und immer wieder – bis ihm vom Kuchenschneiden der Arm wehtut.“ Finn kicherte. „Kuchen für immer klingt gar nicht so schlecht!“ „Glaub mir“, sagte Tick-Tack ernst, „nach dem zweihundertsten Mal Schokoladenkuchen mit Oma Erna willst du nur noch eines: Fliehen.“ Mit diesen Worten verschwand das Wesen mit blitzschnellen Sprüngen im kupfernen Unterholz. Jonas und Finn blieb nichts anderes übrig, als in den Wald zu folgen – hinein in ein Abenteuer, das jede Sekunde wert war.
Kapitel 3: Die Brücke der tickenden Takte
Der Wald aus Kupfer wurde lichter, doch der Boden unter ihren Füßen veränderte sich. Statt des weichen Mooses traten jetzt große, ineinandergreifende Metallplatten hervor, die bei jedem Schritt hohl klangen. „Wir nähern uns der Schlucht der verlorenen Sekunden“, verkündete Tick-Tack, während er geschickt über eine rotierende Messingstange balancierte. Plötzlich endete der Pfad abrupt. Vor ihnen gähnte ein Abgrund, der so tief war, dass Jonas den Boden nicht sehen konnte. Stattdessen waberte dort unten ein silbriger Nebel, in dem hin und wieder kleine Lichtblitze aufzuckten. Es sah aus, als würden dort unten hunderte von Taschenlampen gleichzeitig an- und ausgehen.
„Das sind Augenblicke“, erklärte Tick-Tack und deutete nach unten. „Jeder Lichtblitz ist ein Moment, den jemand in der Anderwelt vergessen hat. Ziemlich hübsch, aber man sollte nicht hineinfallen. Man bleibt dort unten für eine sehr lange Zeit… nun ja, ein Augenblick eben.“ „Und wie kommen wir rüber?“, fragte Finn und hielt sich sicherheitshalber am Gürtel von Jonas fest. „Ich sehe keine Brücke. Nur eine Menge fliegender Zahnräder.“ Tatsächlich schwebten im Abgrund dutzende von runden Plattformen, die wie die Rädchen aus dem Inneren einer Uhr aussah. Sie bewegten sich jedoch nicht willkürlich; sie tanzten in einem komplexen, springenden Rhythmus auf und ab.
„Das ist die Takt-Brücke“, sagte Tick-Tack. „Sie erscheint nur für diejenigen, die den Rhythmus von Chronos verstehen. Wenn ihr im falschen Moment springt, lösen sich die Zahnräder unter euren Füßen einfach in Luft auf.“ In der Mitte des Abgrunds, auf einem Podest, stand eine seltsame Maschine: Eine Art riesiges Metronom mit einem goldenen Pendel, das jedoch stillstand. Daneben befand sich eine Schalttafel mit drei Hebeln. „Die Brücke ist im Standby-Modus“, seufzte das Eich-Uhr-Hörnchen. „Sie braucht einen Taktgeber. Jonas, du bist der Ältere. Du musst die Hebel bedienen. Finn, du hast die flinksten Beine. Du musst den Takt auf den Zahnrädern ‚tanzen‘, um sie zu stabilisieren.“
Jonas trat an die Schalttafel. Über den Hebeln standen seltsame Symbole: Ein Herz, ein Blitz und eine Schnecke. „Was soll ich damit anfangen? Das ist keine Mathematik, das ist… Musik-Theorie?“ „Hör auf die Welt, Jonas!“, rief Tick-Tack. Jonas schloss die Augen. Er hörte das tiefe Brummen der Zahnrad-Sonne am Himmel. BUMM… tick-tick… BUMM… tick-tick. Es war ein Dreivierteltakt. „Okay, Finn!“, rief Jonas und seine Stimme klang jetzt viel entschlossener. „Ich ziehe den Herz-Hebel für den Grundschlag. Du musst springen, wenn das Pendel ganz links ist. Und du darfst nicht zögern!“
Jonas legte den ersten Hebel um. Mit einem mechanischen Kreischen begann das Metronom zu schwingen. KLACK. KLACK. KLACK. Die erste Plattform schoss aus dem Nebel empor. „Jetzt, Finn!“, schrie Jonas. Finn sprang. Er landete punktgenau auf der kupfernen Scheibe. Kaum hatten seine Füße das Metall berührt, leuchtete die Plattform hellblau auf und blieb starr. „Nächster Hebel!“, rief Finn. „Der Blitz-Hebel! Die nächste Platte ist weiter weg!“ Jonas schwitzte. Er musste den Rhythmus halten, während er gleichzeitig die Entfernung berechnete. Er riss den Blitz-Hebel nach unten. Ein elektrisches Knistern erfüllte die Luft, und zwei Zahnräder begannen, sich wie verrückt im Kreis zu drehen.
„Warte… warte… JETZT!“, dirigierte Jonas. Finn machte einen gewaltigen Satz. Für einen Moment sah es so aus, als würde er das rotierende Rad verfehlen, doch er klammerte sich am Rand fest und schwang sich hoch. „Ganz schön rutschig hier oben! Jonas, der letzte Hebel! Die Schnecke!“ Jonas sah zum Schnecken-Symbol. Das musste die Verlangsamung sein. Er zog den Hebel, doch nichts geschah. Das Pendel des Metronoms begann stattdessen, wie wild auszuschlagen. Der Takt wurde unregelmäßig. „Tick-Tack, was ist los?“, rief Jonas panisch. „Der Rost!“, schrie das Wesen. „Die Scharniere sind verkantet! Jonas, du musst den Takt mit der Hand korrigieren! Fühl das Getriebe!“
Jonas zögerte nicht mehr. Er griff direkt in das Mechanik-Gehäuse der Schalttafel. Es war heiß und voller Öl, aber er spürte die Zahnräder unter seinen Fingern. Er drückte gegen ein klemmendes Rad, gab ihm den nötigen Schwung und plötzlich spürte er es: Den Herzschlag von Chronos. Er wurde selbst zum Metronom. Mit gleichmäßigen Bewegungen drückte und zog er die Hebel, passend zu seinem eigenen Puls. „Lauf, Finn!“, brüllte er. „Lauf einfach durch!“ Finn vertraute seinem Bruder blind. Er rannte über die letzten fünf Zahnräder, die unter seinen Füßen genau in dem Moment auftauchten, als er den Schritt ansetzte. Er erreichte das sichere Ufer und rollte sich über das kühle Metall. Jonas, der die Energie der Maschine noch immer in den Armen spürte, rannte ebenfalls los. Die Brücke hinter ihm begann bereits wieder, im Nebel zu versinken. Finn saß auf dem Boden und schnappte nach Luft. Er sah Jonas an und fing an zu lachen. „Du hattest recht, Jonas. Das war… absolut genial!“
Kapitel 4: Die Stadt der schwebenden Nester
Hinter der Takt-Brücke lichtete sich der kupferne Wald endgültig und gab den Blick auf ein Panorama frei, das Jonas den Atem raubte. Vor ihnen, eingebettet in ein tiefes Tal aus glänzendem Schiefer, lag Avis-Chronos – die Stadt der schwebenden Nester. Statt Häusern auf dem Boden hingen hunderte von riesigen, kugelförmigen Gebäuden an gewaltigen Ketten, die von den Klippenrändern gespannt waren. Die Kugeln bestanden aus geflochtenem Draht, buntem Glas und glänzendem Blech. Sie sahen aus wie überdimensionale, mechanische Christbaumkugeln, die sanft im Wind schaukelten.
„Guck mal, die Häuser fliegen!“, rief Finn und deutete auf eine besonders große, goldene Kugel. „Ob man da drin auch kopfüber schlafen muss?“ „Eher seitwärts“, krächzte eine neue Stimme. Vor ihnen auf einem Poller aus Messing saß ein Vogel, der Jonas an einen Pelikan erinnerte, allerdings bestand sein Schnabel aus poliertem Aluminium und sein Gefieder aus feinen Silberdrähten. „Gestatten? Barnabas von Schnabel, Oberster Logistik-Beauftragter für Luftpost und verlorene Minuten“, sagte der Vogel und verbeugte sich tief. DONG. „Hallo Herr von Schnabel“, sagte Finn höflich. „Wir suchen das Große Getriebe.“
Barnabas stieß ein Geräusch aus, das wie eine quietschende Tür klang. „Kaputt? Es hat Schluckauf! Und wenn das Getriebe Schluckauf hat, dann fängt die Stadt an zu zittern.“ Wie zur Bestätigung schwankten die schwebenden Nester über ihnen plötzlich heftig hin und her. Das Klirren von tausend Glasscheiben hallte durch das Tal. „Wir müssen nach oben“, sagte Jonas entschlossen. Barnabas äugte Jonas misstrauisch an. „Das kostet. Habt ihr was zum Tauschen? Eine glückliche Erinnerung? Einen freien Nachmittag? Oder vielleicht… ein belegtes Brot? Ich habe seit drei Epochen nichts mehr gegessen, das nach Käse riecht.“ Finn kramte sofort in seinem Rucksack. „Ich hab noch ein Käsebrot von Mama! Mit extra viel Butter.“ Der Vogel stürzte sich fast auf die in Alufolie gewickelte Kostbarkeit. Mit einem geschickten Ruck seines Schnabels verschlang er das Brot. „Ahhh… Gouda. Ein Klassiker der Anderwelt. Steigt ein, meine Herrschaften!“
Er flatterte zu einer kleinen Gondel. Jonas und Finn kletterten hinein. Die Gondel war innen mit rotem Samt ausgeschlagen, roch aber verdächtig nach Maschinenöl. Sobald sie saßen, löste Barnabas mit dem Fuß eine Sperre, und die Gondel sauste mit einem affenartigen Zahn an der Kette entlang. „Uiiiiiii!“, schrie Finn, während er die Hände in die Luft warf. Jonas hingegen klammerte sich am Rand fest, bis seine Knöchel weiß wurden. Unter ihnen zog die Stadt vorbei. In den Nestern konnten sie die Bewohner sehen: Seltsame Gestalten mit lupenartigen Brillen, die an winzigen Schrauben drehten. Doch mitten im Flug verlangsamte sich die Gondel. Ein Schatten legte sich über sie. Über der Stadt kreisten dunkle Gestalten. Sie sahen aus wie Flugsaurier, aber ihre Flügel waren zerfetzt und erinnerten an verrostete Regenschirme. „Zeit-Räuber“, flüsterte Barnabas. „Sie ernähren sich von den Sekunden, die anderen gehören. Sie spüren, dass ihr neu hier seid. Ihr habt noch so viel unverbrauchte Zeit in euren Taschen… für sie ist das wie ein Festmahl.“
Einer der Räuber stieß einen schrillen Schrei aus und stürzte direkt auf ihre Gondel zu. Er schlug mit seinen rostigen Krallen gegen das Glas. Ein Riss zog sich durch die Scheibe. „Finn, duck dich!“, brüllte Jonas. In diesem Moment bemerkte Jonas eine kleine Kurbel am Boden der Gondel. „Barnabas! Was passiert, wenn ich hier drehe?“ „Das ist der Turbo-Spuler! Aber Vorsicht, das ist nichts für schwache Mägen!“ Jonas packte die Kurbel und drehte, als ginge es um sein Leben. Ein grelles Pfeifen ertönte, und die Gondel schoss so schnell nach vorne, dass die Zeit-Räuber wie unbewegliche Statuen hinter ihnen zurückblieben. Mit einem heftigen Ruck stoppte die Gondel vor dem zentralen Nest – einer riesigen, silbernen Kugel. „Endstation: Die Zentrale der Zeit“, verkündete Barnabas. Jonas stieg mit wackeligen Knien aus. Seine Armbanduhr drehte sich jetzt im Kreis wie ein Propeller. „Okay, Finn. Jetzt wird es erst richtig kompliziert.“
Kapitel 5: Das Rätsel der rückwärtsfließenden Sekunden
Als Jonas und Finn die schwere, runde Stahltür zur Zentrale aufstießen, passierte etwas Merkwürdiges. Anstatt dass die Tür nach vorne aufschwang, schien sie Jonas’ Hand entgegenzukommen, noch bevor er sie richtig berührt hatte. „Das fängt ja gut an“, grummelte Jonas und schüttelte seine Hand. Das Innere der Zentrale war eine gigantische Halle, die aussah wie das Innere eines riesigen Uhrwerks. Überall gab es gläserne Röhren, in denen goldener Sand nach oben stieg, anstatt zu fallen. Zahnräder drehten sich gegen den Uhrzeigersinn, und an den Wänden hingen Kalenderblätter, die von Dezember nach Januar sprangen.
„Jonas, guck mal!“, rief Finn und deutete auf einen Brunnen in der Mitte der Halle. Das Wasser spritzte nicht nach oben, sondern die Tropfen schwebten vom Boden zurück in die Düse. Finn versuchte, einen Schluck zu nehmen, aber das Wasser entwich seinem Mund, noch bevor er schlucken konnte. „Das schmeckt wie… wie gestern!“, prustete er. „Hier drin läuft die Zeit rückwärts“, stellte Jonas fest. Er versuchte, einen Schritt nach vorne zu machen, landete aber zwei Schritte weiter hinten. „Finn, wir müssen anders denken. Wenn du nach vorne willst, musst du so tun, als würdest du zurückgehen.“ „Wie beim Moonwalk?“, fragte Finn und begann sofort, rückwärts über den glatten Metallboden zu rutschen. Tatsächlich kam er so der Treppe am Ende der Halle näher.
Plötzlich hörten sie ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein Satz, der rückwärts abgespielt wurde. „!nieH !tmmok reW ?timatS“ Ein kleiner Mann mit einer Lupe vor dem Auge tauchte auf. Er trug einen Anzug aus lauter Uhrenzifferblättern. „Ah, Besucher! Oder sollte ich sagen: Besucher-Abgänger? Ich bin Sekunden-Sammler Schlamassel. Hier in der Rückwärts-Zone ist alles ein bisschen… nun ja, unordentlich.“ „Wir wollen zum Großen Getriebe“, sagte Jonas, während er mühsam versuchte, nicht umzufallen. „Zum Getriebe?“, wiederholte Schlamassel. „Hört zu, die Zeit-Räuber haben das Rückwärts-Modul manipuliert. Sie wollen, dass wir alle jünger werden, bis wir nur noch Babys sind, die nicht mehr wissen, wie man Uhren repariert!“
Finn sah an sich herunter. „Werde ich jetzt wieder sechs? Muss ich dann wieder in den Kindergarten?“ „Nicht, wenn wir das Umkehr-Zahnrad finden“, sagte Jonas. Er bemerkte eine riesige Wand aus Hebeln. Das Problem war: Jeder Hebel, den er anfassen wollte, bewegte sich von seiner Hand weg. „Finn!“, rief Jonas. „Wir müssen es gemeinsam machen. Ich tue so, als würde ich den Hebel loslassen, und du musst im gleichen Moment so tun, als hättest du ihn schon gezogen!“ Es war ein kompliziertes Spiel mit der Logik. Jonas und Finn stellten sich vor den zentralen Hebel, der knallrot leuchtete. „Drei… zwei… eins… JETZT!“ Er riss die Arme nach oben, Finn sprang gleichzeitig in die Luft. KLACK-TSCHING! Ein helles Licht flutete den Raum. Der goldene Sand in den Röhren hielt inne und begann dann ganz langsam und ordentlich nach unten zu rieseln. Das Wasser im Brunnen plätscherte wieder normal. Jonas atmete tief durch. Sein Magen beruhigte sich endlich.
Schlamassel sah sie beeindruckt an. „Ihr habt das Rückwärts-Rätsel gelöst. Euer Opa Archibald wäre stolz gewesen.“ Doch die Erleichterung währte nur kurz. Ein tiefes, unheilvolles Grollen kam aus dem Boden. Es klang, als würde ein gigantisches Herz aus Metall gegen seine Rippen schlagen. „Das Getriebe“, flüsterte Schlamassel und sein Gesicht wurde aschfahl. „Es fängt an zu haken. Die Zeit-Räuber sind bereits in der Herzkammer. Wenn sie die Hauptwelle blockieren, wird das ‚Heute‘ für immer zum ‚Niemals‘.“ Jonas sah Finn an. „Bereit für das Finale?“ Finn zog seine Fliegerbrille fest. „Ich hab noch ein halbes Käsebrot. Die haben keine Chance!“
Kapitel 6: Die Herzkammer des Großen Getriebes
Das Grollen unter ihren Füßen wurde lauter. Es war kein bloßes Geräusch mehr; es war eine Vibration, die durch ihre Knochen drang und Jonas das Gefühl gab, sein eigenes Herz würde versuchen, sich dem Rhythmus der Maschine anzupassen. Schlamassel, der Sekunden-Sammler, wies den Weg durch den sogenannten „Arterien-Gang“.
Die Wände bestanden aus unzähligen, ineinandergreifenden Zahnrädern, die sich rhythmisch verengten und weiteten, wie ein atmender Organismus aus Metall. Es roch hier nach heißem Öl, Ozon und etwas, das Jonas an den metallischen Geschmack von Batterien auf der Zunge erinnerte.
„Immer im Takt bleiben!“, rief Jonas über den Lärm hinweg. „Zwei Schritte vor, ein Schritt Pause! Finn, jetzt!“ Sie rannten durch den pulsierenden Korridor, während die massiven Kupferplatten der Wände nur Zentimeter an ihren Schultern vorbeizischten. Schließlich erreichten sie eine gigantische Kuppel, deren Decke so hoch war, dass sie im Schatten verschwand.
In der Mitte stand das Große Getriebe – eine Konstruktion so groß wie ein Haus, die bis zur Decke reichte. Doch es bewegte sich nur noch stockend, mit einem gequälten Quietschen, das Jonas in den Ohren wehtat. Um die Basis des Getriebes standen die Zeit-Räuber, verrostete Gestalten mit Augen wie trübe Sanduhren. Und in ihrer Mitte saß sie: Stillstand.
Sie war eine Gestalt aus dunklem, wogendem Rauch, ihre Krone bestand aus spitzen, verrosteten Sekundenzeigern. „Na, wenn das nicht der kleine Zeit-Agent und sein nutzloser Anhang ist“, zischte sie. Ihre Stimme klang wie schleifendes Metall auf Stein. „Ich habe schon gehört, dass ihr meine Spielzeuge in der Rückwärts-Zone durcheinandergebracht habt.“
„Lassen Sie das Getriebe in Ruhe!“, rief Jonas, obwohl seine Knie zitterten. „Wenn die Zeit stehen bleibt, gibt es kein Morgen mehr!“ Die Anführerin lachte, ein hohles, freudloses Geräusch. „Zukunft ist nur ein Wort für Sekunden, die man verschwenden kann. Ich bin das Ende aller Dinge. Ich bin der Stillstand.“ Sie hob ihre rauchige Hand und deutete auf die goldene Hauptwelle, die von Zeit-Räubern mit schweren, öligen Ketten blockiert wurde. Sie begannen bereits, die glänzenden Sicherungs-Zahnräder mit Gewalt aus ihren Halterungen zu reißen. „Dieses Getriebe schlägt heute zum letzten Mal.“
Kapitel 7: Der Plan der gestohlenen Augenblicke
Das Kreischen von Metall auf Metall war nun fast ohrenbetäubend. Stillstand beobachtete mit einem grausamen Lächeln, wie ihre Schergen die letzte Kette um die Hauptwelle legten. Jeder Ruck des Getriebes fühlte sich an, als würde die Welt ein Stück ihrer Farbe verlieren. Jonas sah, wie das helle Gold der Wände langsam in ein schmutziges Grau überging.
„Wir können sie nicht einfach im Kampf besiegen“, flüsterte Jonas und zog Finn hinter eine riesige, vibrierende Kupferfeder. „Die sind aus Schatten und Rost. Aber sie haben eine Schwachstelle: Ihre Gier nach dem, was sie selbst nicht haben.“
Jonas kramte in seinem Rucksack. Er suchte nicht nach einer Waffe, sondern nach seinem Handy. Es war nutzlos ohne Netz, aber er hatte einen Plan. „Hör zu, Finn. Wenn die Zeit-Räuber Zeit fressen wollen, dann geben wir ihnen welche. Aber nicht unsere echte Zeit, sondern eine Illusion.“ „Wie ein Zaubertrick?“, flüsterte Finn mit leuchtenden Augen.
„Genau. Schlamassel!“, rief Jonas dem Sekunden-Sammler zu. „Hast du noch ein paar dieser ‚Augenblicke‘ aus dem Brunnen? Die hellen Lichtblitze?“ Schlamassel nickte eifrig und zog einen kleinen Beutel aus seinem Gürtel. Er funkelte, als hätte er eine Handvoll Sterne eingefangen. „Das sind Momente des reinen Glücks, die jemand vergessen hat. Sie leuchten heller als alles andere, halten aber nur für einen Wimpernschlag.“
„Perfekt. Finn, du bist der Köder. Du musst die Zeit-Räuber von der Hauptwelle weglocken. Lauf im Kreis und wirf immer wieder einen dieser Lichtblitze in die Luft. Die Räuber werden sich darauf stürzen wie Tauben auf Brotkrumen.“ „Drei… zwei… eins… JETZT!“
Finn schoss hinter der Feder hervor. „Hey, ihr Rost-Vögel! Habt ihr Hunger? Hier gibt es das beste Dessert von ganz Chronos!“ Er warf den ersten Lichtblitz hoch in die Kuppel. Das grelle, goldene Licht explodierte in der Luft – es war der Moment eines ersten Kusses, eines gewonnenen Fußballspiels und eines Sommertages am See, alles in einem Blitz. Die Zeit-Räuber hielten inne. Ihre Augen-Sanduhren drehten sich wild. Mit einem gierigen Kreischen ließen drei von ihnen die Ketten an der Hauptwelle los und stürzten sich auf das Licht.
Jonas nutzte die Verwirrung und kletterte flink wie ein Affe in Richtung der blockierten Welle. „Schlamassel, jetzt!“ Jonas aktivierte das Dauerlicht seines Handys und hielt es direkt in einen der Hohlspiegel des Sekunden-Sammlers. Der gebündelte Strahl traf einen Zeit-Räuber direkt im Gesicht, der für Sekunden in grauen Nebel zerfiel. Jonas erreichte die Hauptwelle. Er sah die Ketten. Mit seinem Taschenmesser und der Hebelwirkung von Finns Kochlöffel stemmte er sich gegen das blockierte Zahnrad.
„Es klemmt zu fest!“, schrie er. Stillstand tauchte plötzlich direkt vor ihm auf. Sie schwebte in der Luft, und ihre Sanduhren-Augen liefen rückwärts. „Ich bin das Ende, Jonas. Und das Ende kommt immer pünktlich.“ „Sie kommen gar nicht!“, entgegnete Jonas. Er riss nicht an der Kette, sondern klemmte den Kochlöffel als Keil in ein winziges Nebenrad. Die absichtliche Blockade erzeugte eine Rückkopplung. Die gesamte Welle zuckte kurz rückwärts. KNACK. Die Verschlüsse der Ketten sprangen mit einem Knall auf. Die Welle war frei! Mit einem gewaltigen Ruck, der die ganze Halle erschütterte, begann das Große Getriebe wieder zu schlagen. BUMM. BUMM. BUMM. Ein Windstoß aus reiner Energie fegte durch die Herzkammer und wirbelte Stillstand und ihre Schattenwesen einfach davon wie trockenen Staub.
Kapitel 8: Der Schlüssel zu Opas Geheimnis
Die Herzkammer leuchtete nun in einem warmen, stetigen Goldton. Das bedrohliche Grollen war einem rhythmischen, beruhigenden Summen gewichen, das fast wie ein fernes Schnurren klang. Das Große Getriebe arbeitete wieder mit der Präzision, die nur ein Meister wie Archibald hätte einstellen können.
Jonas bückte sich und hob den goldenen Schlüssel auf. Er fühlte sich in seiner Hand seltsam warm an, fast so, als würde ein kleiner Puls darin schlagen. Das Wappen auf dem Griff – ein Zahnrad, das von einem Löwen gehalten wurde – war exakt dasselbe, das auch auf Opas altem Siegelring graviert war.
„Ist das der Schlüssel nach Hause?“, fragte Finn leise. Er wirkte plötzlich viel kleiner als noch während der Jagd mit den Zeit-Räubern. Der Adrenalinkick ließ nach und die Erschöpfung forderte ihren Tribut. „Ich weiß es nicht, Finn“, antwortete Jonas und drehte den Schlüssel im Licht. „Aber er gehört definitiv Opa. Vielleicht ist es nicht nur ein Schlüssel für eine Tür, sondern für eine Antwort.“
Schlamassel trat näher und betrachtete das Schmuckstück mit seinen Lupen-Augen. „Oh, das ist kein gewöhnlicher Portalschlüssel. Das ist ein Chronos-Memoriam. Ein Speicherschlüssel. Er öffnet die verborgenen Kammern der Erinnerung. Stillstand muss ihn Archibald gestohlen haben, als er Chronos verließ.“ „Erinnerungen?“, Jonas runzelte die Stirn. „Wo führt er uns hin?“
„Dorthin, wo alles begann“, sagte Schlamassel geheimnißvoll und deutete auf eine unscheinbare, kleine Holztür hinter dem großen Pendel, die sie vorher im Schatten der Zeit-Räuber völlig übersehen hatten. Die Tür war schlicht, fast deplatziert in dieser Welt aus Metall, und sah genauso aus wie die Tür zu Opas alter Werkstatt im Münsterland.
Jonas und Finn tauschten einen Blick aus. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie auf die Tür zu. Jonas steckte den Schlüssel in das Schloss. Es passte perfekt. Mit einem sanften Klick schwang die Tür auf. Dahinter lag kein Wald und keine Fabrik. Es war ein kleiner, gemütlicher Raum, der exakt so eingerichtet war wie Archibalds Arbeitszimmer. Überall lagen Skizzen, halbe Uhrwerke und – was Jonas am meisten überraschte – Fotos von ihnen. Da war ein Bild von Jonas bei seiner Einschulung und eines von Finn, wie er mit Schokolade verschmiert im Garten saß.
„Opa hat uns von hier aus beobachtet?“, flüsterte Finn und strich über eines der Fotos. „Er hat uns nicht nur beobachtet“, sagte Jonas und entdeckte ein dickes, in Leder gebundenes Buch auf dem Schreibtisch. Auf dem Einband stand in Opas geschwungener Handschrift: „Für Jonas und Finn – Wenn die Zeit reif ist.“
Jonas schlug die erste Seite auf.
„Meine lieben Enkel. Wenn ihr dies lest, habt ihr den Weg nach Chronos gefunden. Es tut mir leid, dass ich euch dieses Erbe verschwiegen habe, aber die Zeit ist eine gefährliche Gefährtin. Ich habe Chronos verlassen, um euch in der Anderwelt zu beschützen, denn Stillstand suchte nach einem Nachfolger. Sie dachte, sie könnte meinen Geist brechen, aber sie hat nicht mit der Dickköpfigkeit eines echten Uhrmachers gerechnet.“
Jonas schluckte schwer. Er erinnerte sich an die letzten Jahre mit Opa. Er war oft geistesabwesend gewesen, hatte immer auf seine Taschenuhr gestarrt. Jetzt ergab alles einen Sinn. Er war kein verschrobener alter Mann gewesen – er war ein Wächter auf Posten. „Guck mal hier, Jonas!“, rief Finn. Er hatte eine kleine Schublade geöffnet. Darin lag eine Taschenuhr, die genau wie Jonas’ Armbanduhr aussah, aber sie hatte ein drittes Zifferblatt. „Da steht ‚Heimweg‘ drauf!“
Plötzlich begann der Raum zu zittern. Nicht gefährlich, sondern eher wie ein Weckruf. „Die Zeit-Ebenen gleichen sich wieder an“, rief Schlamassel von der Türschwelle aus. „Wenn ihr jetzt nicht geht, werdet ihr Teil des Getriebes! Ihr müsst zurück, bevor die Standuhr auf dem Dachboden zwölf schlägt!“ „Aber was ist mit den Zeit-Räubern? Was ist mit Stillstand?“, fragte Jonas hastig, während er das Tagebuch unter seinen Arm klemmte. „Ihr habt das Herz repariert“, lächelte Schlamassel. „Chronos kann sich jetzt selbst heilen. Aber vergesst uns nicht. Ein Uhrmacher ist nur so gut wie die Geschichten, die er bewahrt.“
Jonas packte Finn an der Hand. „Komm schon, Kleiner! Wir müssen laufen!“ Sie rannten zurück durch die Herzkammer, vorbei an Barnabas von Schnabel, der ihnen mit seinem Zylinder zuwinkte, und sprangen direkt auf das Portal zu, das wie ein schimmernder Vorhang aus Licht in der Luft hing. Es gab keinen Knall. Nur ein kurzes Gefühl von Schwerelosigkeit, als würde man in einen tiefen, weichen Traum fallen.
TICK. TACK. TICK. TACK. Jonas riss die Augen auf. Er lag auf dem staubigen Holzboden des Dachbodens. Der Regen trommelte immer noch gegen die Fenster, aber das Geräusch klang jetzt viel freundlicher. Finn lag direkt neben ihm und schnarchte leise, seine Fliegerbrille saß schief auf seiner Nase. War das alles nur ein Traum? Jonas sah an sich herunter. Seine Hände waren immer noch schmutzig vom Maschinenöl der Zentrale. Und unter seinem Arm spürte er den harten Einband von Opas Tagebuch. Er sah zur Standuhr. Die Zeiger standen auf exakt einer Sekunde vor zwölf. Dann sprang der Zeiger um. BONG. In der Tasche fühlte er den kalten, goldenen Schlüssel. Das Abenteuer hatte gerade erst eine ganz neue Wendung genommen.
Kapitel 9: Die Uhr ohne Zeiger im Keller
Der Duft von altem Holz und kühlem Stein schlug Jonas und Finn entgegen, als sie am nächsten Morgen in den Keller des Hauses ihres Opas schlichen. Die Aufregung der gestrigen Reise nach Chronos hatte sie kaum schlafen lassen. Finn hatte davon geträumt, wie er ein ganzes Meer aus Käsebroten vor Zeit-Räubern verteidigte, und Jonas hatte das stetige Summen des Großen Getriebes noch in den Ohren.
„Opa muss ein echtes Doppelleben geführt haben“, flüsterte Finn, während er über eine staubige Weinflasche strich. „Ein Uhrmacher im Dorf und ein Ober-Mechaniker in einer magischen Welt. Das ist viel cooler als meine Lehrerin, die nur im Kleingartenverein ist.“ Jonas nickte. Er hielt Opas Tagebuch fest in der Hand. Die Seite mit dem entscheidenden Hinweis lag aufgeschlagen vor ihm: „Das Getriebe in Chronos ist nur der Anfang. Sucht nach der Uhr ohne Zeiger im Keller…“
Der Keller war ein Labyrinth aus Regalen, auf denen sich alte Einmachgläser, Werkzeugkisten und vergilbte Zeitungen stapelten. Es roch nach Erde und Vergangenheit. Zwischen den Spinnweben suchten sie nach einer Uhr, die es eigentlich nicht geben dürfte. „Was ist, wenn die Uhr auch rückwärts läuft?“, fragte Finn und bückte sich unter einem Berg alter Zeitungen hindurch. „Sollen wir dann rückwärts reingehen, damit sie vorwärts läuft?“ Jonas musste grinsen. „Ich hoffe nicht. Ich bin noch nicht bereit, die Käsebrotsuppe von gestern Abend noch mal zu erleben.“
Sie durchsuchten jede Ecke. Hinter einem Regal voller eingelegter Gurken fand Jonas eine schmale Nische, die sie bisher übersehen hatten. Sie war halb von einer Plane verdeckt, unter der sich etwas Großes und Eckiges verbarg. „Hier!“, rief Jonas. „Ich glaube, ich hab sie!“
Gemeinsam zogen sie die Plane weg. Darunter kam ein massiver, alter Holzschrank zum Vorschein. Er war dunkel und wirkte viel älter als alles andere im Keller. Und auf seiner Flügeltür war ein großes, rundes Zifferblatt ohne Zeiger eingefräst. Nur das Wappen ihrer Familie – der Löwe mit dem Zahnrad – war als Relief in der Mitte eingelassen. „Das ist sie!“, rief Finn begeistert. Er strich über die glatte Holzfläche. „Aber wie geht die auf? Ich sehe kein Schloss.“
Jonas legte seine Hand auf das Zifferblatt. Er erinnerte sich an das Gefühl, als er das Große Getriebe in Chronos berührt hatte. Er schloss die Augen und versuchte, den Takt der Zeit zu spüren, so wie er es gelernt hatte. BUMM. TICK. TACK. Plötzlich spürte er eine leichte Vibration unter seinen Fingerspitzen. Er sah nach unten. Direkt unter dem Zifferblatt gab es eine kleine Mulde, die genau die Form des goldenen Schlüssels hatte, den er von Stillstand gefunden hatte. „Der Chronos-Memoriam!“, rief Jonas und zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Er steckte ihn in die Mulde.
Ein leises Klicken ertönte, und die Flügeltür des Schranks schwang langsam auf. Doch dahinter war kein weiterer geheimer Gang oder ein Portal. Es war ein kleines, blitzsauberes Labor. Auf einem Arbeitstisch standen Reagenzgläser, die in Regenbogenfarben schimmerten, daneben lagen feine Zeichnungen von Uhrwerken, die Jonas noch nie gesehen hatte. Und in der Mitte des Raumes stand eine Art großer Projektor, der mit Zahnrädern und Linsen gespickt war.
„Das ist Opas echtes Geheimlabor!“, flüsterte Finn. „Der hat hier im Keller Experimente gemacht!“ „Nicht nur Experimente“, murmelte Jonas, während er Opas Tagebuch aufschlug und die letzten Seiten las.
„Die Uhr ohne Zeiger ist keine Tür. Sie ist eine Aufzeichnung. Mit dem Chronos-Memoriam könnt ihr nicht nur die Zeit selbst fühlen, sondern auch die Erinnerungen in mir lesen. Ich habe die Geschichte unserer Familie hier verschlüsselt, denn ich konnte sie euch nicht mit Worten erzählen. Sucht nach dem Herz des Projektors. Und seid bereit. Nicht jede Wahrheit ist einfach.“
Jonas ging auf den Projektor zu. Er sah eine kleine Öffnung, die exakt die Form des goldenen Schlüssels hatte. Er steckte den Schlüssel hinein. Ein leises Summen erfüllte den Raum. Der Projektor erwachte zum Leben. Ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht strahlte von der Linse und traf die gegenüberliegende Wand. Dort begann sich ein Bild zu formen. Es war Opas Gesicht, jung und voller Energie. Er stand in einer Welt, die aussah wie Chronos, aber alles war noch in perfektem Zustand. Er war bei einer jungen Frau mit dunklem, lockigem Haar. Sie lachten.
„Wer ist das?“, fragte Finn. „Das ist unsere Oma. Als sie jung war“, flüsterte Jonas. „Und sie ist nicht nur hier. Sie ist mit Opa in Chronos.“ Das Bild auf der Wand wechselte. Sie sahen Opa und Oma, wie sie gemeinsam an dem Großen Getriebe arbeiteten, umgeben von unzähligen, glücklichen Zeit-Wächtern. Doch dann wechselte das Bild zu einer dunkleren Szene. Die glückliche Frau, ihre Oma, stand vor Stillstand. Aber Stillstand war nicht böse. Sie war jung, sah traurig aus und trug keine Krone aus Sekundenzeigern. Sie sah aus wie eine jüngere Version von Oma.
„Stillstand ist… Oma?“, keuchte Finn. Jonas blätterte panisch im Tagebuch. Eine Seite war markiert.
„Stillstand ist meine eigene Tochter. Eure Tante Elena. Sie ist in Chronos geboren und hat versucht, die Zeit zu ‚verbessern‘, nachdem ein großes Unglück unsere Familie traf. Sie konnte den Verlust ihrer Mutter nicht ertragen und glaubte, wenn die Zeit stillstünde, würde der Schmerz für immer verschwinden. Ich musste sie aufhalten, aber ich konnte sie nicht besiegen, ohne Chronos zu zerstören. Deshalb musste ich gehen. Und ich musste hoffen, dass meine Enkel eines Tages meine Arbeit beenden und Stillstand retten würden.“
Jonas spürte, wie ihm kalt wurde. Die wahre Gegnerin war nicht nur seine Tante, sondern auch von Trauer verzehrt. „Wir müssen Tante Stillstand retten“, sagte Finn leise. Das Licht des Projektors flackerte. Die Tür zum Geheimlabor schlug mit einem dumpfen Geräusch zu. Der goldene Schlüssel steckte noch im Projektor. Sie waren nicht nur zurück im Keller, sie waren auch gefangen.
Kapitel 10: Das Echo der Erinnerung
Das Labor im Keller fühlte sich plötzlich viel enger an. Die Wände aus schwerem Stein schienen die Luft zu schlucken, und das einzige Licht kam von dem flackernden Projektor, der immer noch das Bild der jungen Stillstand an die Wand warf. „Jonas, die Tür geht nicht auf!“, rief Finn und rüttelte verzweifelt am Griff der „Uhr ohne Zeiger“. „Sie ist wie festgeschweißt!“
Jonas starrte auf den Projektor. Das Tagebuch seines Opas lag schwer in seinen Händen. „Opa hat geschrieben, dass die Zeit nicht nur aus Zahnrädern besteht, Finn. Er hat geschrieben, dass wir die Kraft der Erinnerungen nutzen müssen. Der Projektor ist nicht nur ein Fernseher – er ist ein Sender!“ „Ein Sender?“, Finn wischte sich den Staub von der Fliegerbrille. „Meinst du, wir können Radio damit hören?“
„Nein“, sagte Jonas und trat an den Projektor heran. „Wir müssen eine Botschaft nach Chronos schicken. Stillstand denkt, dass die Zeit nur Schmerz bringt, weil sie jemanden verloren hat. Wir müssen ihr zeigen, dass Zeit auch bedeutet, dass man jemanden lieb hat – egal, wie viel Zeit vergeht.“ Jonas sah den goldenen Schlüssel im Projektor stecken. Er begann, an den Linsen zu drehen. Das Bild an der Wand verschwamm und wurde zu einem strahlenden weißen Punkt.
„Finn, hilf mir! Erinnere dich an etwas wirklich Schönes mit Opa. Als er uns im Garten das Baumhaus gebaut hat oder als er uns die erste Uhr erklärt hat. Wir müssen dieses Gefühl in den Projektor leiten!“ Finn schloss die Augen. Er dachte an den Geruch von Opas Werkstatt – nach Öl und altem Holz – und an das warme Lachen, wenn er Finn hochgehoben hatte. Jonas legte seine Hand auf Finns Schulter und dachte an die Abende, an denen Opa ihm erklärt hatte, dass jede Sekunde ein kleines Geschenk ist.
Ein helles, blaues Licht begann im Inneren des Projektors zu pulsieren. Es war kein technisches Licht; es fühlte sich warm an wie Sonnenstrahlen im Frühling. Die Zahnräder des Projektors begannen so schnell zu rotieren, dass sie nur noch als goldener Schimmer zu sehen waren. „Es funktioniert!“, rief Jonas. „Der Projektor nutzt den Schlüssel als Antenne nach Chronos!“
Plötzlich riss der Lichtstrahl das Portal im Schrank wieder auf. Doch diesmal war es kein Waldweg. Es war ein Tunnel aus reinem Licht, in dem Tausende kleiner Bilder wie Seifenblasen schwebten – Erinnerungen an ihre Familie. „Springen wir?“, fragte Finn und nahm Jonas’ Hand. „Wir springen“, sagte Jonas entschlossen.
Mit einem Satz tauchten sie in das Licht ein. Der Keller verschwand, und einen Moment lang fühlten sie sich, als würden sie durch ein Meer aus Zeit schwimmen. Als sie die Augen wieder öffneten, standen sie auf dem Altar aus Eis in Chronos. Über ihnen hing die riesige, gläserne Sanduhr, die fast vollständig mit dem dunklem Rauch des „Niemals“ gefüllt war. Und dort stand sie: Stillstand. Ihre Krone aus Sekundenzeigern zitterte. „Ihr seid zurückgekommen“, zischte sie, doch ihre Stimme klang nicht mehr nur böse – sie klang erschöpft. „Warum könnt ihr nicht einfach die Zeit verstreichen lassen?“
„Weil wir wissen, wer du bist, Tante Elena“, sagte Jonas ruhig und trat einen Schritt vor. Das Wort „Tante“ schien sie wie ein elektrischer Schlag zu treffen. Der dunkle Rauch um sie herum wirbelte wild auf. „Nenn mich nicht so! Dieser Name gehört in die Vergangenheit!“ „Ist sie nicht“, rief Finn. „Opa hat dich nicht verlassen, weil er dich nicht liebte. Er wollte dich beschützen! Er hat uns alles im Keller gezeigt!“
Jonas hielt das Tagebuch hoch. „Opa hat nie aufgehört, an dich zu denken. Stillstand, du musst die Sanduhr nicht füllen. Du musst sie zerbrechen.“ „Niemals!“, schrie sie und hob ihre Krallen. Die Sanduhr über ihnen gab ein gefährliches Knacken von sich. Jonas rannte nicht auf die Sanduhr zu, sondern direkt auf Stillstand. Er wich ihren Rauch-Attacken aus und, anstatt sie anzugreifen, legte er ihr den goldenen Schlüssel direkt in die Hand. „Hier“, sagte Jonas. „Das ist das Einzige, was Opa dir hinterlassen wollte. Es ist die Erinnerung an den Tag, an dem du in Chronos geboren wurdest.“
Als Stillstands Finger den Schlüssel berührten, geschah etwas Unglaubliches. Der dunkle Rauch begann zu schmelzen. Ein helles, goldenes Licht strömte aus dem Schlüssel in ihren Körper. Die riesige Sanduhr über ihnen löste sich in Millionen kleiner Lichtpunkte auf. Stillstands Gestalt veränderte sich. Der Rauch wich einer Frau mit traurigen, aber gütigen Augen. „Papa?“, flüsterte sie und sah auf den Schlüssel in ihrer Hand. Tränen aus flüssigem Silber liefen über ihre Wangen. „Er wartet immer noch“, sagte Jonas sanft. „In unseren Herzen.“
„Ich habe so viel Zeit verschwendet“, sagte die Frau, die einmal Stillstand war. Sie reichte Jonas eine kleine, unscheinbare Taschenuhr ohne Zifferblatt. „Nehmt das hier mit. Sie wird euch daran erinnern, dass ihr die Herren über eure eigenen Augenblicke seid.“ Ein fernes Läuten war zu hören. Das Portal schloss sich endgültig. Jonas und Finn rannten hindurch.
Epilog: Der Herzschlag der Welt
Drei Wochen waren vergangen, seit Jonas und Finn aus dem Keller gestiegen waren. Im beschaulichen Nebelstein schien alles beim Alten zu sein. Die Kühe kauten immer noch gemächlich auf den Weiden, und die alte Kirchturmuhr schlug zuverlässig jede Stunde. Doch für die beiden Brüder war nichts mehr wie zuvor.
Jonas saß am Schreibtisch in seinem Zimmer und hatte Opas altes Tagebuch vor sich liegen. Daneben lag die Taschenuhr ohne Zifferblatt, die ihm seine Tante geschenkt hatte. Er hatte gelernt, dass man keine Zeiger brauchte, um zu wissen, wie spät es war. Man musste nur kurz die Hand darauflegen und tief einatmen, dann spürte man das leise, beruhigende Pulsieren von Chronos – ein Beweis, dass dort drüben alles in Ordnung war.
„Jonas! Guck mal!“, rief Finn und platzte ohne anzuklopfen ins Zimmer. Er hielt eine alte Armbanduhr in der Hand, die er auf dem Flohmarkt im Dorf für zwei Euro ergattert hatte. Das Glas war gesprungen und das Armband fehlte, aber Finn strahlte über das ganze Gesicht. Jonas nahm die Uhr entgegen. Er öffnete das Gehäuse mit einem feinen Schraubenzieher, genau so, wie er es in Opas Skizzen gesehen hatte. „Das Ankerrad klemmt nur ein bisschen, Finn. Ein Tropfen Öl und ein kleiner Impuls, dann läuft sie wieder.“
Finn beobachtete jede Bewegung seines Bruders mit einer Ernsthaftigkeit, die man einem Achtjährigen kaum zugetraut hätte. „Glaubst du, Tante Elena guckt uns gerade zu?“ Jonas hielt inne und lächelte. „Ich bin mir sicher. Sie hat jetzt viel zu tun, um Chronos wieder zum Glänzen zu bringen.“ Finn kicherte. Er griff in seine Hosentasche und holte ein winziges Zahnrad hervor, das er als Souvenir aus der Herzkammer mitgeschmuggelt hatte.
„Wir sind jetzt auch Uhrmacher, oder?“, fragte Finn leise. „Nicht nur Uhrmacher“, korrigierte Jonas ihn und klappte das Gehäuse der alten Armbanduhr mit einem zufriedenen Klick zu. „Wir sind Wächter. Wir passen auf, dass die Sekunden nicht einfach nur verstreichen, sondern dass sie mit Leben gefüllt werden.“
In diesem Moment rief ihre Mutter von unten: „Jungs! Das Essen ist fertig! Kommt ihr?“ Früher hätte Jonas geantwortet: „Gleich! Nur noch fünf Minuten!“, während er genervt auf sein Handy gestarrt hätte. Aber heute sah er Finn an, grinste und sprang auf. „Wir kommen!“, riefen sie gleichzeitig.
Denn sie wussten jetzt eines ganz genau: Eine Minute mit der Familie war viel kostbarer als tausend Stunden allein vor einem Bildschirm. Während sie die Treppe hinunterliefen, tickten im ganzen Haus die Uhren. Es war kein chaotisches Durcheinander mehr, sondern ein harmonischer Gleichklang. Ein Orchester der Zeit, das ihnen zuflüsterte, dass jedes Ende in Wirklichkeit nur der Anfang von etwas Neuem war.
Und tief im Keller, hinter der verschlossenen Tür der „Uhr ohne Zeiger“, leuchtete ganz kurz ein bernsteinfarbenes Licht auf – ein letzter Gruß aus einer Welt, die durch den Mut zweier Brüder ihren Herzschlag zurückerhalten hatte.
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Doch wie bei den großen Maschinen in Chronos braucht auch das Getriebe hinter meinen Geschichten „Öl“, um reibungslos zu laufen. Hinter den Kulissen fallen Kosten an, die man beim Lesen nicht direkt sieht: Das Hosting dieser Webseite, die Gebühren für Schreib-Software und natürlich die unzähligen Stunden, in denen ich für euch Welten wie Nebelstein erschaffe.
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Euer Ralf (der Worttänzer)