Der Tagträumer im Graupelschauer: Eine Geschichte über das Denken einer Geschichte

Der Tagträumer im Graupelschauer: Eine Geschichte über das Denken einer Geschichte

Es war einer dieser Tage, an denen die Welt draußen beschloss, ihre Farben zu dämpfen. Ein kalter Spätherbsttag. Fünf Grad Celsius. Eine Temperatur, die sich mehr nach feuchtem Grau anfühlte als nach einer messbaren Zahl. Zwischen den wenigen sonnigen, fast schon verhöhnenden Abschnitten, peitschten kurze, hastige Regenschauer gegen die Fensterscheibe. Manchmal, ganz leise, mischte sich Graupel in den Regen – winzige, eisige Versprechen des kommenden Winters.

Ich, der Worttänzer, saß an meinem Schreibtisch. Der Schreibtisch war ein alter Eichentisch, massiv und ehrlich, dessen Oberfläche von vielen Stunden des Schreibens und Nachdenkens gezeichnet war. Vor mir lag ein leeres Notizbuch. Cremefarbenes Papier. Bereit. Aber leer.

Der Duft von starkem, frisch gebrühtem Kaffee hing in der Luft, eine warme, würzige Barriere gegen die Kälte, die das Glas durchdringen wollte. Ich hatte die Tasse bewusst weit rechts platziert, um mir den Weg zur Inspiration nicht zu verbauen.

Ich starrte nicht auf das leere Blatt. Ich starrte durch das leere Blatt. Ich starrte in die Schleier des Regens, die jetzt wieder dichter wurden. Es war der perfekte Tag, um innezuhalten. Es war der perfekte Tag, um eine Geschichte zu denken.

Der Funke: Wie die Kreativität beginnt

Der erste Gedanke für die neue Geschichte war kein lauter Knall, keine dramatische Offenbarung. Es war nur ein winziges, unspektakuläres Detail.

Ein Geräusch.

Ich hörte es über das leise Rauschen des Regens hinweg. Das Quietschen einer alten Schaukel im Park, der jetzt menschenleer war. Das kalte Metall, das gegen eine feuchte Kette rieb.

Quietschen.

Das war der Funke. Das Geräusch einer rostigen Schaukel, einsam in einem kalten Novemberwind.

Sofort stellte sich die erste Frage ein, die jede gute Geschichte braucht: Wem gehört die Schaukel?

Die Figur findet ihren Namen

Ich schloss die Augen. Der Name musste zur Atmosphäre passen: melancholisch, aber mit einem Hauch von Widerstandskraft. Nicht zu gewöhnlich, nicht zu abgedreht.

Marius. Marius klang gut. Es hatte eine leicht klassische, fast schon staubige Note. Marius, der Schaukler.

Was machte Marius an diesem kalten, graupeligen Tag auf einer leeren Schaukel? War er Kind? Nein. Das wäre zu einfach. War er alt? Vielleicht. Aber eine alte Person, die schaukelt, ist eine Anekdote, keine Geschichte.

Marius musste in den besten Jahren sein. Vierzig. Die Mitte des Lebens. Der Punkt, an dem die meisten Menschen aufhören, wirklich zu schaukeln.

Also: Marius, 40 Jahre alt, sitzt auf dieser Schaukel.

Die Geschichte in meinem Kopf nimmt Form an

Die ersten Szenen spielten sich ab wie ein Stummfilm, den ich selbst synchronisieren musste:

Marius zieht den Kragen seines Wollmantels hoch. Er hat keinen Schirm. Er will keinen Schirm. Der Graupel prasselt auf seine Mütze. Das Quietschen des Eisens ist der einzige Rhythmus, den er braucht.

Er schaukelt nicht, um Spaß zu haben. Er schaukelt, um nachzudenken.

Aber worüber? Über eine Frau? Über Geld? Über einen verpassten Zug? Alles zu abgenutzt.

Es musste etwas sein, das zur Kälte passte, das zur Einsamkeit passte, das zum Quietschen passte.

Marius musste etwas verloren haben. Nicht etwas Materielles. Etwas Unwiederbringliches.

Seinen Schlüssel.

Nein, Blödsinn.

Sein Talent.

Das war es. Marius hatte sein Talent verloren. Er war ein Uhrmacher. Nicht irgendein Uhrmacher. Er hatte einmal die kompliziertesten, kleinsten Uhren der Welt gebaut. Mechanismen, die nur er verstand.

Und seit sechs Monaten konnte er keine einzige Feder mehr richtig einsetzen. Seine Hände zitterten, wenn er die Lupe aufsetzte.

Die Herausforderung: Das innere Drama entwickeln

Jetzt begann die eigentliche Arbeit des Worttänzers: Das innere Drama zu entwerfen. Die Geschichte musste mehr sein als die Beschreibung eines traurigen Mannes.

Das Dilemma

Warum zitterten Marius‘ Hände? War es eine Krankheit? (Zu einfach, zu medizinisch). War es eine psychische Blockade? (Zu vage).

Es musste ein konkretes Ereignis geben, das ihn aus der Bahn warf.

Ich sah das Bild: Marius steht in seiner kleinen Werkstatt. Der Geruch von Öl und Metall. Er arbeitet an seiner Meisteruhr, einem Mechanismus, der das Ticken einer menschlichen Halsschlagader imitieren soll. Ein Lebenswerk.

Und dann: Die Katastrophe. Nicht ein Feuer. Nicht ein Diebstahl. Sondern ein Geräusch.

Klick.

Marius hatte die winzige Ankerwelle, das Herzstück des Mechanismus, falsch eingesetzt. Er hatte sie in seiner Hektik zerbrochen. Nicht die Welle war das Problem. Das Problem war, dass er den Klang des Bruchs nie vergessen konnte.

Dieser eine leise Klick hatte sein gesamtes feines Gefühl für Symmetrie und Präzision zerstört. Er hörte ihn immer wieder. Er war der Grund für das Zittern.

Die Ablenkung: Der Hund und die Tasse

In diesem Moment, als der Klick in meinem Kopf laut widerhallte, spürte ich eine leichte Berührung an meinem Bein.

Es war mein Hund. Er hatte leise seinen Platz verlassen und schob nun seine feuchte, kalte Schnauze unter meine Hand. Er seufzte leise, wie er es immer tat, wenn ich zu lange in die Ferne starrte. Er erinnerte mich daran, dass es eine reale Welt außerhalb des Fensters gab.

Ich streichelte ihn kurz, ein Anker in der Realität.

Ich nahm einen Schluck Kaffee. Er war nicht mehr heiß. Er war genau lauwarm.

Lauwarm. Ein passendes Wort für Marius‘ Gefühlswelt. Er war weder heiß vor Zorn noch kalt vor Verzweiflung. Er war lauwarm in seiner Existenz.

Ich sah wieder auf die leere Seite. Die Geschichte brauchte eine Wendung.

Die Wendung: Der geheime Mechanismus

Marius sitzt auf der Schaukel und schaukelt. Das Quietschen ist sein Metronom. Es ist der Rhythmus des Wartens.

Worauf wartet er? Auf die Lösung.

Die Lösung musste in seiner Welt liegen: Zeit.

Ich beschloss, dass Marius nicht nur sein Talent verloren hatte. Er war auch der Besitzer der Schaukel. Sie gehörte ihm. Sie stand in seinem Garten. Aber er hatte sie an einem öffentlichen Park grenzen lassen. Eine Geste der Großzügigkeit, die jetzt zu seiner Strafe wurde.

Die Begegnung

An der Schaukel tritt eine neue Figur auf: Elsa. Eine junge Frau, vielleicht Ende zwanzig. Sie hat einen alten, roten Regenschirm und ein Notizbuch in der Hand. Sie ist das Gegenteil von Marius: Sie ist enthusiastisch, aber planlos.

Elsa setzt sich auf die Schaukel neben Marius. Sie schaukelt. Aber ihre Kette quietscht nicht. Sie ist geölt.

Der Dialog beginnt:

Elsa: „Wunderschönes Quietschen.“ Marius: „Es ist kaputt.“ Elsa: „Nein, es hat Charakter. Es klingt wie eine Zeitmaschine, die nicht weiß, wohin sie soll.“

Genau diese unorthodoxe Betrachtungsweise brauchte Marius. Elsa ist Autorin. Sie sucht nach Charakteren, nach Geschichten. Sie hat keine Angst vor dem Ungewissen.

Sie erzählt Marius von ihrer eigenen Schreibblockade. Sie will über die Zeit schreiben. Über die verlorene Zeit. Über das Gefühl, dass die Zeit manchmal quietscht und nicht tickt.

Der innere Tanz der Worte

Marius hört zu. Er hat seit Monaten mit niemandem über Uhren gesprochen. Elsa spricht über Zeit als Konzept, nicht als Mechanismus.

Sie sagt: „Ich brauche ein Symbol. Ich brauche etwas, das die Zeit nicht nur misst, sondern spürt.“

Marius sieht in diesem Moment nicht Elsas Augen. Er sieht das rote Öl an ihrer Schaukelkette. Das rote, neue, frische Öl.

Der Klick des zerbrochenen Zahnrads, der ihn seit Monaten plagte, wird für einen Moment leiser.

Er erkennt, dass Elsa – die völlig Ahnungslosigkeit von Uhren – ihm die Lösung präsentiert. Er muss die Zeit nicht reparieren. Er muss sie neu ölen.

Die Auflösung: Neue Perspektiven der Kreativität

Marius springt von der Schaukel. Zum ersten Mal seit sechs Monaten tut er es ohne zu zögern.

Er blickt Elsa nicht einmal an. Er rennt zurück zu seiner Werkstatt.

Die Geschichte endet nicht damit, dass Marius seine Meisteruhr repariert. Das wäre zu kitschig.

Die Geschichte endet damit, dass Marius etwas Neues beginnt.

Er nimmt seine zitternden Hände. Er nimmt das feinste Öl, das er besitzt. Und er beginnt, die Scharniere aller Fenster und Türen im Haus zu ölen. Alle Geräusche des Hauses müssen ruhig werden. Alle müssen geschmeidig laufen.

Er repariert nicht die Zeit. Er repariert den Raum.

Und während er die Türklinke ölt, bemerkt er, dass seine Hände still sind. Das Zittern ist verschwunden. Nicht, weil er etwas Perfektes erschaffen hat. Sondern weil er sich auf die einfachste Form der Reparatur konzentriert hat: die Funktionalität des Alltags.

Der Klick ist nicht mehr da. Er hört nur noch das leise Zischen des Öls.

Er wird die Meisteruhr nicht fertigstellen. Aber er wird eine neue Uhr bauen. Eine Uhr, die nicht tickt, sondern zischt. Eine Uhr für Elsa. Eine Uhr, die die Zeit spürt.

Epilog am Schreibtisch des Worttänzers

Ich öffnete meine Augen. Der Kaffee war kalt. Der Hund schnarchte leise am Fuß meines Stuhls. Draußen war der Graupelschauer vorübergezogen. Die Sonne kämpfte sich mühsam durch die Wolkendecke und warf einen schmalen, goldenen Streifen über das leere Notizbuch.

Ich nahm meinen Stift.

Ich schrieb nicht den ersten Satz der Geschichte. Ich schrieb das Gefühl auf.

„Manchmal braucht man den kalten Wind, das Quietschen einer Schaukel und einen Fremden, um die eigene Blockade zu ölen.“

Ich hatte Marius, Elsa und das rote Öl. Ich hatte den Klick und das Zischen. Die Geschichte war fertig. Nicht auf dem Papier, aber im Kopf.

Jetzt begann der Tanz.

Ich begann, den ersten Satz zu schreiben:

„Der Spätherbsttag umklammerte die Stadt mit nassen, grauen Fingern. Fünf Grad Celsius. Und Marius, der Uhrmacher, saß auf der Schaukel, deren Quietschen ihm längst den Verstand raubte.“

Das leere Notizbuch füllte sich. Der Worttänzer hatte seine Schritte gefunden. Die Kreativität war zurück.

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