Der Schneekristall-Killer

Einleitung: Düstere Weihnachten in den Alpen

Die dicken, feuchten Schneeflocken fielen wie ein schwerer, weißer Vorhang über Oberstdorf. Es war der Heilige Abend, doch in der exklusiven Berghütte „Zum stillen Gipfel“ herrschte alles andere als besinnliche Ruhe. Hauptkommissar Anton Gruber, ein Spezialist für Cold Cases, hasste Weihnachten. Dieses Jahr würde er es noch mehr hassen.

Sein Handy klingelte – eine unbekannte Nummer. Eine verzerrte Stimme flüsterte: „Der Schneekristall fällt heute. Eins, zwei, drei.“ Dann Stille. Gruber erstarrte. Der Anruf war der Auftakt. Vor genau einem Jahr hatte der „Schneekristall-Killer“ sein erstes Opfer gefordert: eine bekannte Opernsängerin, gefunden in einem Eislabor am Stadtrand, drapiert mit einem perfekten, künstlichen Schneekristall auf der Brust. Die Todesursache: Erfrieren. Der Fall war zur frustrierendsten Akte in Grubers Karriere geworden, ein kaltes Puzzle ohne erkennbares Motiv.

Gruber blickte aus dem Fenster seines kargen Büros auf die verschneite Fußgängerzone. Die Nachricht verbreitete sich schnell: Der Killer war zurück.

Kapitel 1: Das zweite Opfer und die kryptische Botschaft

Um 19:00 Uhr traf der nächste Schock ein. Eine junge, aus dem Ruhrgebiet stammende Touristin, die für die Feiertage ein Zimmer in der teuersten Pension des Ortes gemietet hatte, wurde vermisst gemeldet. Ihr Name: Anna Reimer.

Gruber und seine junge, aber scharfsinnige Kollegin, Lena Haas, eilten zum Ort des Verschwindens. Das Zimmer war unversehrt, das Gepäck noch da. Es gab keine Kampfspuren. Doch auf dem Nachttisch lag kein Abschiedsbrief, sondern ein kleiner, handgefertigter Lebkuchenstern. Auf der Rückseite war mit Zuckerguss eine einzige, kryptische Nachricht geschrieben: „2. Advent, zweite Stunde.“

„Das passt nicht zusammen“, murmelte Lena. „Der erste Mord war am ersten Weihnachtstag, mitten in der Nacht. Der Mörder ist ein Perfektionist, aber das Motiv ist unklar. Warum dieser kindliche Hinweis?“

Gruber seufzte. „Der Lebkuchenstern ist neu. Er will, dass wir ihn finden, Lena. Und der Schneekristall-Killer spielt ein Spiel nach seinen eigenen Regeln. Die Todesursache beim ersten Opfer – Erfrieren – war ungewöhnlich brutal. Jetzt eine Vermisste und eine kindliche Süßigkeit. Es ist eine Inszenierung. Der Schlüssel liegt in der Symbolik, in der weihnachtlichen Dekoration und den alten Traditionen.“

Sie zogen das örtliche Team zusammen. Die Zeit drängte. Wenn der Killer seinem Muster der „Drei“ folgte, wie er es angedeutet hatte, würde es bald ein drittes Opfer geben.

Kapitel 2: Der Kreis der Verdächtigen und ein altes Geheimnis

Der Kreis der Personen, die Anna Reimer kannten, war klein und erlesener, als es Gruber lieb war. Alle schienen eine makellose Fassade zu haben, wie die frisch verschneiten Gipfel.

  1. Dr. Maximilian Voss: Ein wohlhabender, geschiedener Kunsthistoriker, der sich auf historische Winterbräuche spezialisiert hatte. Er besaß eine einsame Hütte, nur wenige Kilometer von Annas Pension entfernt. Er wirkte während des Verhörs verdächtig gelassen, fast amüsiert.
  2. Frau Gerda Gruber (nicht verwandt mit dem Kommissar): Die strenge, aber herzliche Pensionswirtin, die Annas Zimmer vermietet hatte. Sie wusste alles über jeden in Oberstdorf, von den besten Skipisten bis zu den intimsten Geheimnissen. Ihre Augen wurden jedoch kalt, wenn sie über die „Sünde der Moderne“ sprach, die die Weihnachtsstimmung verderbe.
  3. Felix Brandt: Ein junger, talentierter Eiskünstler, der für seine makabren, aber wunderschönen Skulpturen bekannt war. Er hatte das Eislabor, in dem die Opernsängerin gefunden wurde, selbst mitgestaltet. Er verbrachte seine Tage damit, Eis zu formen – ein Mann, der das Kälteelement bis zur Perfektion beherrschte.

Gruber konfrontierte Brandt in seinem Atelier, das nach Sägemehl und feuchter Kälte roch. Überall lagen Eissplitter, die wie Diamanten funkelten. „Der Schneekristall ist das Symbol der absoluten Reinheit, Herr Brandt“, sagte Gruber. „Ist das Ihr Motiv? Eine Säuberungsaktion?“

Brandt lachte, ein hartes, trockenes Geräusch. „Reinheit? Nein, Kommissar. Es ist die Vergänglichkeit. Ein Schneekristall hält nur einen Augenblick, dann ist er weg. So wie die Erinnerung an diese Opfer verschwinden wird.“

Lena unterbrach das Verhör. Sie hatte etwas Wichtiges im Notizbuch des ersten Opfers, der Opernsängerin, gefunden: einen Eintrag über eine verhängnisvolle Weihnachtsfeier vor zehn Jahren, die in eben jener Berghütte „Zum stillen Gipfel“ stattfand.

Kapitel 3: Die alte Schuld und die Zahl Drei

Die Weihnachtsfeier vor zehn Jahren: Ein tragischer Unfall, bei dem ein junger Mann namens Michael nach übermäßigem Glühweinkonsum in den Bergen erfror. Er war der Cousin oder Bruder einer der Anwesenden. Die Opfer des Schneekristall-Killers – Anna Reimer, die vermisste Touristin, und die Opernsängerin – waren alle Gäste auf dieser Party. Sie hatten nicht nur geschwiegen, sondern den Verantwortlichen aktiv gedeckt, um einen Skandal zu vermeiden.

Der Schneekristall-Killer war kein Perfektionist der Kriminalität, sondern ein Perfektionist der Rache.

Gruber erkannte das wahre Muster: Der Killer wählte Opfer, die direkt oder indirekt am Tod Michaels vor zehn Jahren beteiligt waren. Aber warum dann der Lebkuchenstern? Und der Hinweis: „2. Advent, zweite Stunde“?

Plötzlich klingelte Grubers Handy. Eine SMS: „Drei ist die Zahl der Heiligen. Die Hütte. 20:00 Uhr.“ Es war 19:45 Uhr. Der dritte Fall stand unmittelbar bevor. Es musste jemand sein, der in die Berghütte involviert war. Der Verantwortliche von damals.

Gruber und Lena rasten zur Berghütte „Zum stillen Gipfel“ – dem Ort, der dem Killer den Namen für seine Taten und sein Motiv für die Kälte gegeben hatte.

Kapitel 4: Finale am Stillen Gipfel

Die Berghütte lag verlassen und gespenstisch still im tiefen Schnee. Im Inneren war es eisig kalt. In der Mitte des Wohnzimmers stand eine makellose, aber unheimliche Eisskulptur in Form einer Krippe.

„Wo sind sie?“, knurrte Gruber. Die Hütte war leer.

Lena deutete auf einen geöffneten Wandschrank, der sonst als Lagerraum diente. Darin lag ein drittes Opfer: der Kunsthistoriker Dr. Voss. Er war nicht erfroren. Er war erstickt, aber auch auf seiner Brust lag ein künstlicher Schneekristall.

„Voss ist das dritte Opfer, Gruber“, sagte Lena mit zitternder Stimme. „Er war der Fahrer damals! Er war der Verantwortliche für Michaels Tod! Der Killer hatte es auf ihn abgesehen, aber die anderen beiden waren Zeugen, die er zum Schweigen bringen musste.“

Gruber sah sich um. Er bemerkte eine dünne Eisschicht auf dem Boden, die nicht natürlich war, wie von geschmolzenem Eis. Jemand war gerade hier gewesen.

„Der Mörder ist hier, Lena. Er hat die ganze Zeit einen doppelten Boden benutzt! Er hat uns hierher gelockt!“


Der twistreiche Schlussabsatz: Die Entlarvung

Die Wahrheit traf Gruber wie ein eisiger Wind. Er sah auf den Lebkuchenstern im Zimmer des zweiten Opfers zurück. „2. Advent, zweite Stunde.“ Es war kein Datum, sondern ein Verweis auf ein altes Kinderlied. Er blickte auf das erste Opfer, die Opernsängerin. Sie hatte ihren Tod selbst inszeniert. Oder eher… sie wurde dazu gezwungen.

Gruber starrte Lena an. „Frau Gruber… die Pensionswirtin. Sie hat uns die falschen Spuren gelegt. Sie wusste alles. Sie hat uns abgelenkt. Sie ist Michaels Tante! Aber warum der Schneekristall auf dem dritten Opfer, wenn es erstickt wurde?“

Lena griff ruhig in ihre Manteltasche und holte einen identischen, glitzernden, künstlichen Schneekristall hervor.

„Weil er IHN töten wollte, Kommissar“, sagte sie, und ihre Augen waren nun so kalt wie die Alpenluft. „Voss war nicht das dritte Opfer. Er war das erste, das der Killer wirklich treffen wollte. Die anderen waren nur Ablenkung. Aber Voss hat überlebt und ihn beinahe entlarvt. Er wurde in der Hütte gefangen gehalten, bis… und der Schneekristall-Killer ist nicht Er, Kommissar. Es ist Ich.“

Die junge Frau, die Gruber in seinen schwierigsten Momenten zur Seite gestanden hatte, war die rachsüchtige Schwester des Toten. Sie hatte ihre gesamte Ermittlungsarbeit genutzt, um ihren Rachefeldzug zu tarnen und Gruber gezielt auf die falschen Fährten zu locken, während sie ihre Opfer nach ihrem eigenen, eisigen Zeitplan eliminierte.

„Der Lebkuchenstern, die Stunde, die Eiskrippe… alles Symbolik für meinen Bruder, der seine Kindheit nie beenden durfte“, hauchte sie.

Bevor Gruber reagieren konnte, zog Lena eine kleine, scharfe Eisspitze aus dem Ärmel. Sie hatte keine Waffe nötig, wenn sie das Element Kälte und ihre Umgebung beherrschte.

Ein dumpfer Schuss hallte durch die verschneiten Alpen. Die Spur des Schneekristall-Killers endete an diesem Heiligen Abend – aber die Frage nach der wahren Schuld in der glitzernden Bergidylle blieb.

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