
Prolog: Endstation Kirschgarten
Der Nebel kroch am Abend vor Rosenmontag zäh durch die Gassen der Mainzer Altstadt. Im Kirschgarten, wo die Fachwerkhäuser normalerweise eine heimelige Kulisse für Touristen bieten, wirkten die steinernen Fratzen der Gebäude heute beinahe hämisch.
Zwischen weggeworfenen Flyern und zerdrückten Pappbechern lag er: der Bajazz. Das klassische Kostüm in Schwarz, Weiß und Rot war schmutzig, die stolze Halskrause zerfleddert. Doch das Erschreckendste war die Stille. In Mainz ist es vor Rosenmontag niemals still.
Kapitel 1: Zwei Welten prallen aufeinander
Oberkommissar Lukas Lauer starrte auf die Leiche. Er war erst vor sechs Monaten aus Münster nach Mainz versetzt worden. Für ihn war die Fastnacht ein soziologisches Rätsel – ein organisierter Ausnahmezustand, der ihm zutiefst suspekt war. Er trug eine schlichte Regenjacke über seinem Anzug; die Verkleidungspflicht ignorierte er beharrlich.
„Lukas, du guckst schon wieder, als hättest du in eine saure Gurke gebissen“, erklang die Stimme von Meike Müller. Seine Kollegin war das exakte Gegenteil. Sie trug stolz ihre Uniform der Mainzer Garde, die Goldknöpfe glänzten im Licht der Taschenlampen. „Das hier ist Tim. Tim S. Der beste Nachwuchs-Büttenredner, den wir seit Jahren hatten. Ein echter Mainzer Bub.“
Lauer kniete nieder. In Tims starrer Hand steckte eine Karte für die „Prunksitzung des Schreckens“. „Kein Raubmord“, stellte Lauer fest. „Das Portemonnaie ist noch da. Aber schau dir die Finger an. Er hat gegen etwas gekämpft – oder versucht, etwas festzuhalten.“
Kapitel 2: Der Zorn des Präsidenten
Die Ermittlungen führten sie noch in derselben Nacht in den „Hof Ehrenfels“, das Stammlokal der „Goldigen Meenzer“. Der Duft von Handkäs mit Musik und altem Wein hing in der Luft. An einem schweren Eichentisch saß Dr. Klaus-Ludwig von Zitzewitz, der Vereinspräsident.
„Ein Jammer, sicher“, dröhnte Zitzewitz und strich sich über seinen massiven Bauch, der kaum in die Prunkweste passte. „Aber Tim war… schwierig. Er wollte die Fastnacht modernisieren. Er hat Witze über die falschen Leute gemacht. Politik, Immobilienhaie, Sie wissen schon.“
Lauer bemerkte, wie Zitzewitz’ Hand zitterte, als er seinen Schoppen hob. „Hat er auch über Sie gelacht, Herr Dr. Zitzewitz?“ Der Präsident knallte das Glas auf den Tisch. „In Mainz lacht man miteinander, Herr Kommissar. Wer das nicht versteht, gehört nicht dazu.“
Meike zog Lauer zur Seite. „Er lügt, Lukas. Tim hatte eine neue Rede geschrieben. Er nannte sie ‚Der nackte Wagenbauer‘. Es ging um Korruption beim Bau der Motivwagen für den Rosenmontagszug.“
Kapitel 3: Das Geheimnis der Wagenbauhalle
Um drei Uhr morgens verschafften sich die Ermittler Zutritt zur großen Wagenbauhalle des MCV. Es war ein surrealer Ort. Überall ragten riesige Köpfe aus Styropor und Pappmaché in die Höhe – Politiker mit langen Nasen, karikierte Teufel und Engel.
Lauer fühlte sich unwohl. Seine leichte Klaustrophobie meldete sich angesichts der engen Gänge zwischen den tonnenschweren Wagen. „Meike, guck dir das an.“ Er deutete auf den Wagen Nummer 11. Er sollte die „Gier der Stadt“ symbolisieren.
Anstatt des üblichen hochwertigen Holzes und der Sicherheitsverstrebungen bestand das Innere des Wagens aus billigem, leicht entflammbarem Kunststoff. „Das ist lebensgefährlich“, flüsterte Meike. „Wenn da ein Funke überspringt, brennt der ganze Zug innerhalb von Minuten.“
Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Ein Schatten huschte hinter dem Kopf einer riesigen Kanzler-Figur vorbei. Lauer nahm die Verfolgung auf, doch in dem Labyrinth aus Pappmaché verlor er den Unbekannten. Am Boden fand er jedoch eine Quittung: Ausgestellt auf die Firma „Mainz-Bau GmbH“ – die Firma des Stadtrats, den Tim in seiner Rede angreifen wollte.
Kapitel 4: Showdown im Fastnachtsmuseum
Der Rosenmontagmorgen dämmerte. Die ersten Trommeln der Spielmannszüge waren in der Ferne zu hören. Lauer und Müller wussten: Wenn der Zug rollt, ist es zu spät.
Sie fingen den Stadtrat, einen Mann namens Gregor Meyer, im Mainzer Fastnachtsmuseum ab. Er wollte dort gerade eine offizielle Eröffnungsrede halten. Meyer sah tadellos aus in seinem Smoking, doch seine Augen huschten nervös umher.
„Wir wissen von dem Material, Meyer“, sagte Lauer laut, sodass die Umstehenden es hören konnten. „Tim hatte Beweise, dass Sie die Gelder für die Sicherheitsvorkehrungen der Wagen in Ihre eigene Tasche gesteckt haben. Er wollte es heute in der Bütt öffentlich machen.“
Meyer lachte kalt. „Wer würde einem kleinen Narren glauben?“ „Ich“, sagte Meike und hielt ihr Smartphone hoch. „Wir haben die Lieferlisten in der Halle gefunden. Und Tims letzte Aufnahme. Er hat seine Rede auf dem Handy aufgezeichnet, bevor er starb. Er hat Sie beim Namen genannt.“
Meyer versuchte zu fliehen, doch Lauer, der sich für diesen Moment doch noch ein Narrenkostüm geliehen hatte, stellte ihm mit einem gezielten Bein stellen ein Ende. Der Stadtrat landete unsanft in einem Haufen Konfetti.
Epilog: Ein Schoppen auf die Wahrheit
Drei Stunden später standen Lauer und Müller am Rande des Schillerplatzes. Der „Narrhallamarsch“ dröhnte aus den Boxen. Die Sonne glitzerte auf den Helmen der Gardisten.
Lauer hielt einen Becher Wein in der Hand. „Vielleicht“, gab er zu, „ist dieser Wahnsinn hier doch zu etwas gut. Er bringt die Dinge ans Licht, die sonst im Dunkeln bleiben.“ Meike lächelte und stieß mit ihm an. „Willkommen in Mainz, Lukas. Helau!“
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