Der nächtliche Spaziergang – Teil III: Die Hütte im Wald

Der nächtliche Spaziergang – Teil III: Die Hütte im Wald

Der Morgen brach grau und still an. Über den Feldern hing dichter Nebel, und das Dorf schien in Watte gehüllt. Thomas hatte kaum geschlafen. Der Schlüssel lag noch immer auf dem Tisch, kalt und schwer wie ein Fremdkörper. Er konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Die Gestalt, das Klopfen, der Name, der ihm zugeflüstert worden war … und nun dieser Schlüssel. Er hatte in den alten Unterlagen seines verstorbenen Vaters gewühlt – und dort tatsächlich etwas gefunden: Einen vergilbten Zeitungsausschnitt.

„Mann aus Rabenwald spurlos verschwunden – Polizei vermutet tragischen Unfall.“ Das Datum: 6. Oktober 1995. Genau dreißig Jahre her – auf den Tag genau. Der Name des Vermissten: Heinrich Berger. Sein Großvater.

Noch am selben Nachmittag machte Thomas sich auf den Weg.

Balu lief neben ihm her, diesmal ungewöhnlich ruhig. Der Wind hatte nachgelassen, und der Nebel hing wie ein Schleier zwischen den Bäumen. Der Pfad zum alten Jagdhaus war längst überwuchert. Brennnesseln und Farn verdeckten die Spuren, doch Thomas folgte einer kaum erkennbaren Schneise, die wohl einst ein Weg gewesen war. Das Licht wurde schwächer, je tiefer er in den Wald drang. Nach einer halben Stunde sah er sie:

Die Hütte. Das Dach war eingefallen, die Fenster blind, die Tür halb aus den Angeln. Und doch … hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er trat näher. Der Schlüssel lag warm in seiner Hand – als hätte er eine eigene Energie. Er steckte ihn in das verrostete Schloss. Ein leises Klicken. Die Tür öffnete sich widerstandslos.

Drinnen roch es nach feuchtem Holz und alten Erinnerungen. Staub tanzte im fahlen Licht, das durch die Ritzen fiel. Auf einem Tisch stand noch immer eine rostige Petroleumlampe, daneben ein Notizbuch, dessen Seiten vom Alter gewellt waren. Thomas blätterte vorsichtig darin. Die Handschrift war zittrig, aber lesbar. Er begann zu lesen:

„Sie kommen nachts. Ich höre das Klopfen. Drei Schläge. Immer drei. Ich glaube, sie wollen, dass ich den Schlüssel verstecke. Der Schlüssel ist die Grenze. Wenn er gefunden wird, öffnen sich die Wege wieder …“

Thomas schluckte. „Was für Wege?“ flüsterte er. Dann spürte er es – eine Veränderung in der Luft. Die Temperatur sank schlagartig. Sein Atem bildete Nebelwolken. Hinter ihm begann der Boden zu knacken. Langsam drehte er sich um. Im Türrahmen stand die Gestalt. Diesmal sah er sie klar. Kein Schatten, keine Halluzination. Ein älterer Mann, bleich, mit leeren Augen – und doch … vertraut.

Thomas’ Herz raste. „Großvater?“ hauchte er. Die Gestalt nickte kaum merklich. „Du hast den Schlüssel gefunden“, flüsterte eine Stimme, so fern, als käme sie von überall und nirgends. „Der Kreis schließt sich.“

Thomas trat einen Schritt vor. „Was ist hier passiert?“ Der alte Mann hob die Hand. Drei Finger. „Drei Nächte. Drei Klopfer. Drei Wege.“ Dann senkte er den Arm. „Ich habe den Weg geöffnet, den ich hätte verschlossen halten sollen.“ Draußen begann der Wind zu heulen. Balu knurrte, doch die Luft vibrierte nun – wie unter Spannung.

„Du musst gehen“, sagte die Gestalt. „Noch heute. Wenn der Nebel sich senkt, wird die Grenze verschwimmen. Dann bin ich frei – oder du bist verloren.“ Thomas spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. „Aber … wer sind sie, die kommen?“ Der alte Mann lächelte traurig. „Nicht sie … es. Der Wald erinnert. Der Wald vergisst nie.“ Dann ertönte es wieder.

Klack … Klack … Klack.

Doch diesmal kam das Geräusch nicht von außen. Es kam aus dem Boden unter ihnen. Die Hütte begann zu beben, Staub rieselte von der Decke. Das Licht der Lampe flackerte – und plötzlich leuchteten feine Linien im Holz des Bodens auf, wie Adern aus blassem Licht, die sich in einem Kreis verbanden.

Der alte Mann trat zurück in den Schimmer. „Halte den Schlüssel fest“, sagte er. „Und geh. Wenn du bleibst, wirst du mich ablösen.“ Thomas wich zurück, stolperte hinaus in den Nebel. Er rannte, hörte das Donnern der Erde hinter sich, Balus Bellen, das Heulen des Windes – und dann, einen letzten Schlag:

Klack.

Stille.

Als er sich umdrehte, war die Hütte verschwunden. Nur der Nebel blieb – und eine kleine Lichtung, auf der der Boden glatt und unberührt wirkte, als hätte dort nie etwas gestanden. In seiner Hand lag der Schlüssel. Er war nun schwarz – verbrannt, geschmolzen – und zerfiel zu Staub, als Thomas die Finger öffnete.

Später, als er mit Balu zurück ins Dorf ging, fiel ihm auf, dass der Wind anders klang. Sanfter. Fast wie eine Stimme, die flüsterte:

„Danke, Thomas.“

Und in der Ferne, tief im Wald, ertönte ein letztes Mal das leise Echo von drei Schlägen.

Klack … Klack … Klack. Dann nie wieder.

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