
Es war kurz nach Mitternacht, als Thomas Berger seine Jacke überzog, die Leine seines Hundes Balu nahm und in die kühle Herbstnacht hinaustrat. Der kleine Ort Rabenwald, in dem er lebte, lag am Rande eines dichten Forstes, dessen schwarze Silhouette sich wie eine dunkle Mauer gegen den Himmel abhob. Nur der blasse Schein des Mondes erhellte die feuchten Straßen, und irgendwo in der Ferne rauschte der Wind durch die Baumwipfel.
Balu, ein kräftiger Schäferhund mit aufmerksam gespitzten Ohren, zog ungeduldig an der Leine. Er liebte diese späten Spaziergänge, wenn alles still war und die Welt zu schlafen schien. Thomas dagegen genoss sie, weil sie ihm halfen, den Kopf frei zu bekommen. Der Tag war lang gewesen — zu viele Gedanken, zu viele Sorgen.
Sie schlenderten durch die schmale Gasse hinter seinem Haus, vorbei an den alten Fachwerkhäusern, deren Fenster längst dunkel waren. Nur irgendwo klapperte eine lose Fensterlade, und das rhythmische Geräusch hallte in der Nacht wider.
Als sie den Feldweg erreichten, der zum Wald führte, blieb Balu plötzlich stehen.„Na komm schon, alter Junge“, murmelte Thomas und zog leicht an der Leine. Doch der Hund rührte sich nicht. Seine Ohren waren steif nach vorn gerichtet, sein Körper angespannt.
Dann hörte Thomas es auch. Ein leises Klopfen. Dreimal. Klack … Klack … Klack. Er sah sich um, doch der Weg war leer. Nur Nebelschwaden zogen langsam vom Feld herüber. „Wahrscheinlich nur ein Ast, der im Wind gegen etwas schlägt“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Balu. Aber tief in seinem Inneren spürte er, dass etwas nicht stimmte.
Sie gingen weiter. Der Weg führte am Waldrand entlang, und das Rauschen der Blätter klang heute seltsam unruhig, fast flüsternd. Dann kam das Geräusch wieder. Diesmal näher.
Klack … Klack … Klack.
Balu knurrte leise, sein Fell stellte sich auf.
Thomas leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Dunkelheit. Zwischen den Bäumen war nichts zu sehen — nur das silberne Glitzern des Mondlichts auf den nassen Blättern. Doch als er die Lampe senkte, schien ihm, als habe sich dort etwas bewegt. Etwas Dunkles. Etwas Großes.
„Hallo? Ist da jemand?“ rief er in den Wald. Keine Antwort. Nur der Wind. Gerade wollte er weitergehen, da ertönte das Klopfen ein drittes Mal, diesmal direkt hinter ihm. Er wirbelte herum – aber da war nichts. Nur der leere Weg. Thomas’ Herz schlug schneller. Balu bellte plötzlich, laut und wütend, und riss an der Leine, als wolle er etwas vertreiben.
„Ruhig, Balu!“, rief Thomas, doch der Hund ließ nicht locker. Dann – abrupt – verstummte er. Er stand wie versteinert da, die Augen starr auf einen Punkt im Dunkeln gerichtet. Thomas folgte seinem Blick. Etwa zwanzig Meter entfernt, am Waldrand, stand eine Gestalt. Sie war kaum zu erkennen – groß, hager, in etwas gehüllt, das wie ein langer Mantel aussah. Der Kopf war gesenkt, und die Hände schienen reglos an den Seiten zu hängen.
„Hallo?“, sagte Thomas zögernd. „Geht’s Ihnen gut?“ Keine Reaktion.
Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Die Gestalt bewegte sich nicht, doch das Klopfen begann wieder – diesmal ganz leise, aber unaufhörlich. Klack … Klack … Klack … Thomas machte einen Schritt zurück. Dann noch einen. „Komm, Balu“, flüsterte er. „Wir gehen nach Hause.“
Doch als er sich umdrehte, war der Weg hinter ihm plötzlich von Nebel verschluckt. Die Laterne, die sonst dort am Feldrand brannte, war erloschen. Alles lag in Finsternis.
Dann hörte er ein Flüstern. Kein Wind, kein Rascheln – ein Flüstern, das seinen Namen zu sagen schien.„Thooomas …“ Er blieb wie erstarrt stehen. Das Klopfen wurde lauter. Klack … Klack … Klack. Er drehte sich um – die Gestalt war verschwunden. Nur der Nebel blieb.
Balu jaulte leise, zog Thomas panisch am Ärmel, als wolle er ihn fortzerren. Sie rannten los, blindlings den Weg zurück, bis endlich die ersten Häuser wieder sichtbar wurden. Als Thomas keuchend seine Haustür erreichte und sie hinter sich verriegelte, war sein Herzschlag das Einzige, was er noch hörte.
Er setzte sich auf die Treppe, atmete schwer. Balu legte sich zitternd neben ihn. Draußen war alles still. Doch als Thomas sich endlich zu beruhigen begann, ertönte es erneut – diesmal direkt an seiner Haustür: Klack … Klack … Klack.










