
Kapitel 1: Die Arroganz der Routine
Der Dienstag begann wie jeder andere Tag im Leben von Markus. Der Wecker klingelte um 06:15 Uhr, das Licht der Stuttgarter Morgensonne fiel in Streifen durch die Jalousien. Markus, 44 Jahre alt, Architekt und leidenschaftlicher Mountainbiker, fühlte sich schwer, ein wenig wie durch den Wolf gedreht.
„Du hast die ganze Nacht geschwitzt, Markus. Das Laken ist klatschnass“, sagte seine Frau Sarah besorgt, während sie ihm den Kaffee reichte. „Nur eine Grippe im Anmarsch, Schatz. Ich geh heute kurz bei Dr. Weber vorbei, hol mir ein paar Vitamine und eine Krankschreibung für zwei Tage. Dann ziehe ich den Entwurf für das Museum durch.“
Er küsste seine achtjährige Tochter Leni auf den Scheitel, schnappte sich seine Aktentasche und fuhr los. Er fühlte sich unverwundbar. Er war Nichtraucher, Bergsteiger, ein Macher. Krankheiten waren für ihn Dinge, die anderen passierten – den Unvorsichtigen, den Älteren.
Kapitel 2: Das Wartezimmer – Die Ruhe vor dem Sturm
Die Praxis von Dr. Weber war voll. Es roch nach einer Mischung aus nassem Regen, billigem Kaffee und dem süßlichen Duft von Desinfektionsmittel. Markus saß auf einem der harten Holzstühle und tippte ungeduldig auf seinem Smartphone. Er checkte E-Mails, gab Anweisungen an sein Büro und ärgerte sich über die verlorene Zeit. Um ihn herum saßen Menschen mit geröteten Augen und laufenden Nasen. Markus fühlte sich fehl am Platz. Er gehörte auf die Baustelle, in die Welt der Schöpfer.
„Herr Dr. Weber erwartet Sie in Zimmer 3“, sagte die Sprechstundenhilfe schließlich. Ihr Blick war flüchtig, routiniert. Noch.
Kapitel 3: Die Untersuchung – Das erste Zögern
Dr. Weber war ein Mann der Tat. „Na, Markus, auch mal wieder hier? Die Grippewelle hat dich wohl erwischt?“ „Sieht so aus, Klaus. Schreib mir kurz ein Rezept auf, gib mir was gegen das Gliederschweren und ich bin wieder weg.“
Weber lächelte, griff zum Stethoskop und begann die Routine. Doch als Weber die Hand auf Markus’ Oberbauch legte, um die Organe abzutasten, veränderte sich die Atmosphäre. Das lockere Plaudern verstummte. Weber drückte tiefer, unter den linken Rippenbogen. Markus zuckte leicht zusammen.
„Markus, deine Milz ist deutlich vergrößert. Viel zu groß für einen banalen Infekt. Und deine Lymphknoten sind hart.“ „Was heißt das? Pfeiffersches Drüsenfieber?“ „Vielleicht“, sagte Weber, aber seine Augen sagten etwas anderes. „Ich will sofort ein großes Blutbild. Wir machen das ‚cito‘ – mit höchster Priorität. Bleib direkt hier.“
Kapitel 4: Die Diagnose – Der Moment, in dem die Welt verstummt
Zwei Stunden später saß Dr. Weber an seinem Schreibtisch. Vor ihm lag ein Ausdruck, übersät mit roten Markierungen. Er sah Markus direkt an – ein Blick, den man nur bekommt, wenn das Leben, wie man es kennt, gerade endet.
„Setz dich, Markus. Dein Blutbild ist verheerend. Die weißen Blutkörperchen sind bei über 150.000. Markus, das ist keine Grippe. Es gibt keinen sanften Weg: Es ist eine akute myeloische Leukämie (AML). Aggressiver Blutkrebs. Ich habe bereits in der Onkologie angerufen. Sie erwarten dich in einer Stunde. Fahr nicht selbst. Ruf Sarah an.“
Der Schock war kein Schrei. Es war das Geräusch eines Kartenhauses, das lautlos in sich zusammenfiel. Während Sarah ihn zur Klinik fuhr, starrte Markus aus dem Fenster auf die vertrauten Straßen Stuttgarts. Das Einkaufszentrum, der Parkplatz des Baumarkts – alles wirkte plötzlich wie eine Kulisse aus einem früheren Leben. Einem Leben, zu dem er keinen Zutritt mehr hatte.
Kapitel 5: Die weiße Kälte – Ankunft im Vakuum
In der Uniklinik wurde Markus zur Nummer. Patient K., Zimmer 402, Isolierstation. Er tauschte sein Maßhemd gegen ein namenloses Krankenhaushemd. Man nahm ihm seine Uhr ab, seinen Ehering legte er auf den Nachttisch. Er hörte auf, der Architekt zu sein. Er wurde zum „Fall“.
Die erste Nacht war ein Konzert der Maschinen. Das rhythmische Pling-Pling des Infusionsautomaten, das Surren der Blutdruckmanschette. Markus lag starr auf dem Rücken und starrte die Neonleuchte an der Decke an. „Warum ich?“, flüsterte er in die Dunkelheit. Er begriff die grausame Wahrheit der Biologie: Der Krebs war kein Schicksalsschlag, der nach Moral urteilte. Er war ein statistischer Fehler, eine Amok laufende Zelle ohne Ethik.
Kapitel 6: Das Gift und der Verfall
Die Chemotherapie begann – die „rote Peitsche“. Das Gift floss lautlos in seine Venen. Der Geschmack von Wasser wurde metallisch, jeder Geruch löste Übelkeit aus. Zehn Tage später hielt Markus das erste Büschel seiner dunklen Haare in der Hand. Er ließ sich den Kopf rasieren, bevor der Zerfall siegreich sein konnte. Im Spiegel sah ihn nun ein Geist an. Die Wangen eingefallen, die Augen tief in dunklen Schatten.
Der schwierigste Moment war der Besuch von Leni. Sie durfte ihn nur durch eine Glasscheibe sehen. „Papa, warum hast du keine Haare mehr?“, fragte sie leise. „Ich bin jetzt ein Astronaut, Leni“, krächzte er gegen den Schmerz in seinem entzündeten Mund an. „Ich bereite mich auf eine Mission vor.“ Leni drückte eine Zeichnung gegen das Glas. Es war ein Haus. „Komm bald nach Hause, Papa.“ In dieser Nacht weinte Markus das erste Mal seit seiner Kindheit.
Kapitel 7: Die trügerische Hoffnung
Nach drei Monaten der Qual geschah das Wunder: Remission. Die Krebszellen waren nicht mehr nachweisbar. Markus durfte nach Hause. Der Winter in Stuttgart war der intensivste seines Lebens. Er saß auf der Terrasse und beobachtete die Vögel. Er begann wieder zu planen, glaubte, er hätte dem Tod ein Schnippchen geschlagen. „Sarah“, sagte er eines Abends, „ich habe mein ganzes Leben Häuser gebaut, die Jahrhunderte überdauern sollen. Aber ich habe vergessen, darin zu wohnen.“
Kapitel 8: Der Rückfall – Wenn die Statik bricht
Der Rückfall kam im März. Ein blauer Fleck am Arm, ein stechender Kopfschmerz. Die Diagnose war endgültig: Rezidiv. Die Zellen waren mutiert, die Chemie wirkte nicht mehr. „Wie lange?“, fragte Markus sachlich. „Wochen. Vielleicht Monate“, antwortete Dr. Arndt, die Chefärztin.
Markus entschied sich gegen die Intensivstation. „Ich will nach Hause“, flüsterte er. „Ich will den Himmel sehen, Sarah. Ich will die Bäume sehen.“ Ein Krankenbett wurde im Wohnzimmer aufgestellt, direkt vor dem großen Fenster mit Blick auf die Stadt.
Kapitel 9: Das letzte Vermächtnis
In den Momenten der Klarheit, die das Morphium ihm ließ, tat Markus etwas Unglaubliches. Er ließ sich sein Skizzenbuch bringen. Mit zitternder Hand zeichnete er keine Museen mehr. Er zeichnete Bäume, die Hand seiner Frau und schrieb Briefe für Lenis 18. Geburtstag, für ihren ersten Liebeskummer, für ihre Hochzeit.
„Leni“, sagte er an seinem letzten wachen Nachmittag, „suche das Schöne in den kleinen Dingen. Wenn der Wind in den Bäumen rauscht, ist das meine Stimme. Ich gehe nicht weg, Leni. Ich wechsle nur die Form der Anwesenheit.“
Kapitel 10: Der letzte Vorhang
In einer regnerischen Nacht im Mai wurde sein Atem flacher. Er fühlte sich leicht, fast schwerelos. Sein letztes inneres Bild war kein Erfolg seiner Karriere, sondern Leni, wie sie im Garten lief, die Arme weit ausgebreitet, als wollte sie den Wind umarmen. Um 03:14 Uhr hörte das Herz des Mannes auf zu schlagen, der acht Monate zuvor nur wegen einer „Grippe“ zum Arzt gegangen war.
Auf der Beerdigung stand Leni im gelben Regenmantel am Grab. Sie warf eine weiße Feder hinunter. „Gute Reise, Papa.“
Nachwort: Ein Brief an die Welt
Wochen später fand Sarah eine Notiz in seinem Skizzenbuch:
„Man braucht keinen Stahlbeton, um Sicherheit zu schaffen. Man braucht nur Liebe und einen Ort, von dem aus man die Sterne sehen kann. Das Leben ist nicht die Summe der Jahre, sondern die Summe der Momente, in denen man sich lebendig fühlt.“
Markus’ Geschichte ist eine Mahnung an uns alle. Wir leben oft so, als hätten wir unendlich viel Zeit. Wir verschieben Träume auf später. Doch das „Später“ ist nicht garantiert. Hör auf zu warten. Ruf jemanden an, den du liebst. Atme tief ein. Das Leben findet jetzt statt.
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