
Die Luft roch nach nasser Erde, verbranntem Holz und einem unausweichlichen Ende. In den letzten drei Tagen hatte der Himmel über Old Harbor eine Farbe angenommen, die Ava nur als „trauerndes Blei“ bezeichnen konnte. Die Blätter, die die Ahornbäume in der Hauptstraße des kleinen Küstenstädtchens seit Wochen eisern festgehalten hatten, kapitulierten nun im Minutentakt, tanzten verzweifelt auf dem windgepeitschten Asphalt und verstopften die Abflussrinnen.
Ava liebte diesen kleinen, verschlafenen Ort im Sommer, aber der Herbststurm, der sich zusammenzog, brachte eine beunruhigende Stille mit sich, die alle Bewohner in ihre alten Holzhäuser zwang.
Sie stand am Fenster ihres kleinen Antiquitätenladens, „The Forgotten Find“ (Das Vergessene Fundstück), und sah zu, wie ihr Nachbar, Mr. Hemlock, mit zitternden Händen eine Sperrholzplatte über das Schaufenster seiner Bäckerei nagelte. Er war ein Mann, der fest an die „Voraussicht der Alten“ glaubte, und seine Nervosität war ansteckend.
Ava selbst hatte ihre Tür verriegelt und die alten, schweren Vorhänge aus dunkelrotem Samt zugezogen. Der Laden war ihr Heiligtum, gefüllt mit dem Duft von altem Papier und poliertem Messing.
Sie hatte sich gerade mit einer Tasse Tee und einem uralten, ungelesenen Manuskript in ihren Sessel zurückgezogen, als die erste Windböe die Stille brach. Es war kein bloßer Windstoß; es war das metallische Schreien eines gigantischen Ungeheuers, das gegen die Fassade ihres Hauses schlug. Die Lichter im Laden flackerten einmal, zweimal und erloschen dann endgültig.
Dunkelheit.
Ava seufzte. Ein Stromausfall war bei den saisonalen Stürmen nichts Ungewöhnliches. Sie zündete die Petroleumlampe auf ihrem Schreibtisch an. Das warme, flackernde Licht warf lange, tanzende Schatten auf die gestapelten Bücher und die Vitrinen mit Porzellan.
Als sie sich wieder in ihren Sessel fallen ließ, hörte sie es. Ein Geräusch, das nicht zum Sturm gehörte. Ein Geräusch, das im Laden war.
Es klang wie das Rasseln feiner Kette über blankem Holz.
Ava hielt den Atem an. Ihr Herz begann, wie ein eingesperrter Vogel gegen ihre Rippen zu schlagen. Sie lebte allein in dem alten Haus, das gleichzeitig ihr Laden war.
Sie griff nach dem nächstbesten, schweren Gegenstand: einer gusseisernen Buchstütze in Form einer Eule.
Das Rasseln kam aus dem hinteren Teil des Ladens, aus der Sektion, die sie liebevoll „The Archive of the Unknown“ (Das Archiv des Ungewissen) nannte – ein Regal voller Gegenstände, deren Geschichte unvollständig, widersprüchlich oder schlicht unheimlich war.
Mit klopfendem Herzen schlich Ava, die Eule fest umklammert, durch die dunklen Gänge. Die Petroleumlampe war ihre einzige Waffe gegen die Dunkelheit und den Sturm, der draußen heulte. Das Fenster des Ladens ächzte und stöhnte, als würde es jeden Moment nachgeben.
Das Rasseln verstummte, als sie das Archiv erreichte.
„Hallo?“, flüsterte sie, ihre Stimme klang brüchig.
Nichts. Nur das Heulen des Windes.
Sie hob die Lampe. Das Licht fiel auf das mittlere Regal. Dort stand ein Gegenstand, den sie vor etwa einer Woche von einem fahrenden Händler gekauft hatte: eine kleine, kunstvolle Spieluhr aus Mahagoni.
Die Spieluhr war geöffnet. Der Deckel, den sie fest verschlossen hatte, stand offen, und das winzige Zahnradwerk im Inneren drehte sich. Langsam, aber stetig. Und es spielte eine Melodie. Eine süße, fast kindliche Melodie, die in scharfem Kontrast zum Chaos draußen stand. Die Ketten, die sie gehört hatte, waren die feinen Metallglieder, die das Spielwerk antrieben.
Doch da war noch etwas. Im Inneren der Spieluhr, dort, wo das Spielwerk und die Walze lagen, war ein Zettel.
Ava legte die Buchstütze ab und hob die Lampe höher. Sie holte vorsichtig den gefalteten, vergilbten Zettel heraus. Er war so dünn, dass sie befürchtete, ihn zu zerreißen.
Sie entfaltete ihn und hielt ihn ins Licht. Der Sturm draußen schien für einen Moment innezuhalten, nur um ihrem Lesen zu lauschen.
Auf dem Zettel stand mit feiner, alter Tinte:
„I’m not finished yet.“ (Ich bin noch nicht fertig.)
Caleb, ihr stiller Mitbewohner, mit dem sie diesen Ort teilte, hatte ihr in den letzten zehn Jahren keine einzige Nachricht hinterlassen.
Er war der unsichtbare Gast, die stille Präsenz, die die unvollendeten Geschichten und die ungelösten Rätsel in ihren Gegenständen hinterließ. Caleb war der Schöpfer von Diskrepanzen, das lebende Gegenargument zur Logik, der in der Stille des Ladens lauerte.
Doch diese Nachricht, in ihrem eigenen Laden, während eines Sturms… das war neu. Es war ein direktes Kommunikationsangebot.
Als sie den Zettel wieder zusammenfaltete, hörte sie ein Rumpeln von oben. Es kam nicht von der Dachrinne. Es kam vom Dachboden.
Der Dachboden, den sie seit dem Kauf des Ladens nie betreten hatte. Der Dachboden, dessen Tür mit einer dicken, verrosteten Kette und einem Vorhängeschloss gesichert war.
Ava steckte den Zettel in die Tasche ihrer Strickjacke. Die Angst wich einer brennenden Neugier.
Sie fand die schwere Tür zum Dachboden in der hintersten Ecke des Ladens, versteckt hinter einem Kleiderschrank aus dem späten 19. Jahrhundert. Der Sturm schlug nun so wütend gegen das Gebäude, dass die gesamte Konstruktion zu zittern schien.
Die Kette um die Tür war durchtrennt. Nicht aufgebrochen, nicht entriegelt. Durchtrennt. Die Enden waren glatt und sauber, als wären sie mit einem Laser geschnitten worden.
Ava hob ihre Lampe. Die Tür knarrte, als sie sie aufstieß.
Der Dachboden roch nach Moder, Fledermauskot und etwas… elektrischem.
Sie stieg die knarzende Holztreppe hinauf. Der Lichtkegel ihrer Lampe tanzte über Spinnweben und vergessene Möbelstücke. Und dann sah sie es.
In der Mitte des Dachbodens stand ein riesiger, komplizierter Apparat. Er war gebaut aus Teilen von Dingen, die Caleb im Laufe der Jahre aus ihrem Laden entwendet hatte: Uhrwerke, Messingzahnräder, alte Fernrohrlinsen und Kupferdrähte. Die Maschine pulsierte mit einem schwachen, kobaltblauen Licht.
Und dort, vor der Maschine, stand Caleb.
Er war groß, schlank, mit dunklen Augen, die die Farbe des Himmels nach einem Gewitter hatten. Er trug Kleidung, die so wirr und unlogisch war wie seine Existenz: eine antike Fliegerbrille auf der Stirn, einen fein gewebten Schal über einem groben Leinenhemd.
Caleb drehte sich um, ein leichtes, entschuldigendes Lächeln auf den Lippen.
„Ava“, sagte er. Seine Stimme war tief und beruhigend, im Gegensatz zum tobenden Sturm. „Ich hoffe, ich habe Ihre… Ruhe nicht zu sehr gestört.“
„Die Kette“, hauchte Ava, immer noch die Eulen-Buchstütze im Sinn. „Sie war verschlossen. Was… was ist das hier?“
„Das ist eine Übertragungshilfe„, erklärte Caleb, seine Hand auf die pulsierende Maschine legend. „Ich bin hier. Aber das ist nicht mein hier. Ich bin… Fiktion. Ein Residuum der Geschichten, die diese Stadt vor der Großen Archivierung erzählt hat. Ich bin das, was sie gelöscht haben.“
Er deutete auf den Sturm draußen, dessen Wut jetzt ein Höchstmaß erreicht hatte. Der Wind schien die Sprache der unveröffentlichten Träume zu sprechen.
„Jeder Herbststurm hier in Old Harbor ist ein temporärer Riss in der Logik. Der Wind rüttelt an den Fundamenten, und für eine kurze Zeit kann ich mehr sein als nur eine Ahnung. Ich kann handeln.“
„Und was tun Sie?“, fragte Ava, ihre Stimme wurde fester.
Caleb sah sie direkt an. Seine Augen funkelten mit dieser gefährlichen, aufregenden Logik-Verweigerung.
„Ich vollende die Geschichten. Die Maschine hier erlaubt es mir, die Emotionen und die Erwartungen der Menschen zu sammeln – all das, was sie unter der Logik des Systems unterdrücken müssen. Ich brauche die Energie des Sturms, um diese Geschichten aus dem Reich des Ungewissen herauszuziehen und ihnen einen Platz in dieser Welt zu geben.“
Er deutete auf das Manuskript, das auf einem Tisch neben ihm lag – dasselbe Manuskript, das Ava gerade gelesen hatte.
„Der Drache von Azmar. Eine großartige Geschichte, die nie ihr Ende bekommen hat. Die Welt braucht diesen Drachen, Ava. Sie muss sich erinnern können, was es bedeutet, an das Unmögliche zu glauben.“
Ein ohrenbetäubender Blitz zerriss den Himmel. Der Strom in der Maschine schoss hoch. Das kobaltblaue Licht blendete.
„Es ist fast soweit!“, rief Caleb. „Ich muss nur noch die letzte Zeile hinzufügen!“
Ava verstand. Er brauchte einen letzten Funken, eine letzte Bestätigung der freien Entscheidung, um die Fiktion zu realisieren.
„Und warum ich?“, fragte sie über den Lärm hinweg.
„Weil du glaubst„, erwiderte Caleb, sein Lächeln war so warm, dass es die Kälte des Dachbodens vertrieb. „Du sammelst das, was sie vergessen wollen. Du hast den Schlüssel zur Vorstellungskraft immer in deiner Hand gehalten.“
Der Sturm schien nun wie ein riesiger Orgelspieler zu wüten.
„Was soll ich tun?“, schrie Ava.
Caleb griff nach ihrer Hand und zog sie an die Maschine. Die Metallteile fühlten sich seltsam lebendig an.
„Fügen Sie die letzte Zeile ein, Ava. Entscheiden Sie das Ende. Entfesseln Sie den Drachen!“
Ava sah das offene Manuskript. Die letzte Seite wartete. Ava griff nach dem Federkiel, der daneben lag. Sie dachte an die traurige, bleierne Farbe des Himmels, an die Angst in Mr. Hemlocks Augen und an die kalte, leere Logik.
Sie tauchte den Federkiel in die Tinte und, obwohl der Sturm ihr fast die Hand wegfegte, schrieb sie mit fester Hand die letzte Zeile des Epos:
„And so Azmar rose, not to destroy the world, but to show it that it was allowed to dream again.“
In diesem Moment zerbarst die Maschine. Es gab keine Explosion, sondern eine Kakophonie aus Tönen – Lachen, Musik, das Schlagen von Flügeln und das leise Knistern von neu entfachter Hoffnung.
Der Dachboden füllte sich mit einem reinen, weißen Licht, und Caleb war verschwunden.
Als Ava wieder sehen konnte, lag sie keuchend auf dem Boden. Das Dach des Dachbodens war unversehrt. Die Maschine war weg.
Sie stieg die Treppe hinunter in ihren Laden. Es war immer noch dunkel, aber die Luft war anders. Sie war lebendig.
Sie trat ans Fenster, zog die schweren Samtvorhänge beiseite.
Draußen tobte der Sturm immer noch, aber der Himmel war nicht mehr Blei. Ein breiter, tief orangeroter Streifen kämpfte sich durch die Wolken, und die fallenden Blätter funkelten, als wären sie mit winzigen Diamanten bestreut.
Und dann sah sie es.
Hoch über den Wellen, die gegen die Küste von Old Harbor peitschten, war eine kobaltblaue Gestalt zu sehen, die in den orangeroten Streifen hinein und wieder herausflog. Es war unmöglich, es war Fiktion, es war wunderschön.
Es war der Drache von Azmar, der in den Windböen tanzte.
Ava lächelte. Sie wusste, dass Caleb nicht wirklich weg war. Er war jetzt in jedem unvollendeten Buch, in jedem Lächeln, das die Bürger von Old Harbor nun wagten, und in jedem Funken, der in ihren Herzen entzündet wurde.
Der Herbststurm tobte weiter, aber jetzt war es nicht mehr der Klang der Zerstörung. Es war die Musik der Schöpfung. Und Ava, die Hüterin des Vergessenen, wusste, dass sie nun Teil einer viel größeren, viel bunteren Geschichte war.










