
Kapitel 1: Die Routine des Gewissens
Jens Schröder war fünfzig Jahre alt und kannte den Geruch von Superbenzin, Kaffee und abgestandenem Zigarettenrauch besser als den Duft seines eigenen Zuhauses. Seit zehn Jahren arbeitete er in der „Shell-Tankstelle am Ortseingang“ von Buchenhain, einer Kleinstadt, in der die Tankstelle oft das belebteste Geschäft war.
Jens war die Zuverlässigkeit in Person. Seine Schichten begannen immer pünktlich um 6:00 Uhr. Er wischte die Kaffeemaschine nicht nur ab, er demontierte sie, um wirklich jede Ecke sauber zu bekommen. Die Zeitschriftenständer waren akkurat geordnet, der Wischwasser-Eimer stets mit frischer Flüssigkeit gefüllt. Seine Arbeit war sein stiller Beweis seiner Würde und seines jahrzehntelang erworbenen Berufsethos.
Seine Kollegen hingegen waren eine Fluktuation junger Gesichter – Studenten, Schüler, Aushilfen. Da war Lukas, der regelmäßig zehn Minuten zu spät kam und sich mit einem „Chill mal, Alter!“ entschuldigte. Da war Sarah, die die Toiletten nur mit spitzen Fingern und einem Augenrollen reinigte, und die Kunden mit einem gelangweilten „Hömma, was willst du?“ bediente.
Das Frustrierendste: Es hatte nie Konsequenzen.
Der Chef, Herr Kroschke, ein aalglatter Mann, lächelte die jungen Leute weg. „Ach, die Jugend! Die ticken halt anders,“ sagte er achselzuckend. Pünktlichkeit, Sauberkeit, Service? Das war nur bei Jens ein Maßstab.
Kapitel 2: Der kalte Händedruck
Das Verhältnis zu Herrn Kroschke war ein Meisterwerk der Heuchelei. Vorne, in den Augen der Kunden, war Kroschke der freundliche Chef: „Der Jens ist Gold wert! So zuverlässig!“
Hinten, im Pausenraum, folgten die spitzen Nadelstiche. „Jens, ist dir aufgefallen, dass du für eine Packung Kaugummi 12 Sekunden länger brauchst als Lukas?“ (Weil Jens das Wechselgeld sorgfältig zählte.) „Deine Arbeitskleidung… die sieht so klassisch aus. Wir wollen ein junges, frisches Image.“
Die Ungerechtigkeit gipfelte in der jährlichen Gehaltsverhandlung. Kroschke lobte ihn in den Himmel, sprach von Wertschätzung, um ihm dann eine lächerliche Erhöhung anzubieten, die unter der Inflationsrate lag.
Eines Montagmorgens fand Jens einen Scherbenhaufen vor. Die Nachtschicht hatte eine Palette Energy-Drinks umgeworfen und nur notdürftig abgedeckt. Überall klebte Zucker. Der Mülleimer quoll über. Die Kaffeemaschine zeigte Alarm. Er putzte, schrubbte und reparierte.
Nach drei Stunden betrat er Kroschkes Büro.
Kapitel 3: Die ungeschminkte Wahrheit
Kroschke saß hinter seinem Schreibtisch. „Also, Jens. Die junge Generation ist ja leider etwas unordentlich. Danke, dass du das gerichtet hast. Aber darum geht es nicht. Es geht um deinen Urlaub. Du hast letztes Jahr 21 Tage genommen. Das ist zu viel, Jens. Wir müssen schauen, dass du produktiver bist.“
21 Tage. Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestanzahl. Die angestaute Ungerechtigkeit entlud sich.
„Herr Kroschke,“ sagte Jens, seine Stimme war ruhig, aber fest. „Wissen Sie, was produktiv ist? Produktiv ist, wenn die Toilette sauber ist. Produktiv ist, wenn die Kaffeemaschine nicht drei Stunden ausfällt. Produktiv ist Pünktlichkeit. Und Produktiv ist, wenn man die Kollegen fair behandelt.“
Kroschkes Lächeln verschwand.
„Ich sage Ihnen offen: Ich habe in den letzten zehn Jahren jeden Fehler Ihrer jungen Angestellten ausgebügelt. Ich bin nie zu spät gekommen. Meine Kasse stimmt immer. Und ich behandle die Kunden mit Respekt. Sie behandeln mich wie den letzten Dreck. Sie nutzen aus, dass ich diesen Job brauche, und Sie nutzen das aus. Sie führen diesen Laden nicht, Herr Kroschke. Sie lassen ihn von mir führen.„
Es war die Wahrheit, ungeschminkt und ehrlich.
Kapitel 4: Der Tritt
Die Reaktion Kroschkes war kalte, berechnende Verachtung.
„Haben Sie fertig, Herr Schröder?“ sagte er, sein Blick hart. „Da Sie ja offensichtlich so viel Zeit haben, meine Führungsqualitäten zu analysieren, haben Sie wohl zu wenig Arbeit.“
Er lehnte sich vor. „Die ‚jungen Leute‘, wie Sie sie nennen, bringen Energie. Sie sind billig. Und sie meckern nicht. Und im Gegensatz zu Ihnen, Herr Schröder, wissen die, dass ich der Chef bin.“
Kroschke drückte Jens das Dokument in die Hand. Es war die Kündigung.
„Wir brauchen hier keine Besserwisser. Wir brauchen loyale Mitarbeiter. Und da Sie sich so offen über meine Geschäftsführung beschwert haben, war das wohl die einzige Konsequenz.“
Jens stand da, die Ehrlichkeit hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er war mit Füßen getreten worden, nicht weil er schlecht war, sondern weil er zu ehrlich war. Er drehte sich um, sagte kein Wort und nahm seine Sachen.
Als er durch die Tankstelle ging, die nun wieder ordentlich und sauber war, blickte er auf Lukas und Sarah. Sie würden seinen Job übernehmen. Aber das war nun nicht mehr sein Problem.
Er atmete tief den kalten Wind ein, der nicht nach Benzin roch. Er hatte seinen Job verloren, aber seine Würde behalten. Er war frei.
Kapitel 5: Der Schutt und die Reue
Drei Monate später. Es war der Tag, an dem Jens offiziell nicht mehr im Dienstplan stand.
Herr Kroschke saß in seinem Büro und starrte auf einen Stapel Beschwerden. Die Telefonleitungen des Lieferanten glühten, weil die Bestellungen nicht mehr logisch aufgegeben wurden.
Die Tankstelle roch nicht mehr nach frischem Kaffee, sondern nach saurer Milch und altem Fett. Die Kaffeemaschine war seit zwei Tagen defekt, weil niemand wusste, wie man das Entkalkungsprogramm richtig startete. Die Kunden, meist Stammkunden aus Buchenhain, beschwerten sich offen an der Kasse.
Lukas war heute Morgen dreißig Minuten zu spät gekommen. Sarah hatte im Kundengespräch mit dem Handy telefoniert, was zu einem Wutausbruch eines älteren Herrn führte, der nun drohte, nie wieder hier zu tanken.
Kroschke spürte, dass der Laden auseinanderfiel. Jens hatte nicht nur die Schichten gefüllt; er hatte das gesamte System am Laufen gehalten. Er war der unsichtbare Klebstoff gewesen, der die Inkompetenz der anderen ausglich.
Kroschke hatte ihn gefeuert, weil er seine Führungsschwäche aufgezeigt hatte. Er hatte ihn nicht für seine Ineffizienz gefeuert, sondern für seine Wahrheit.
Er griff zum Hörer und wählte Jens‘ Nummer. Nach drei Freizeichen meldete sich eine unbekannte Frauenstimme: „Hier ist das Büro der ‚Buchenhainer Autopflege‘. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Kroschkes Hand erstarrte.
„Ich… ich suche Herrn Schröder.“
„Jens ist gerade im Kundengespräch,“ sagte die Frau freundlich. „Er ist seit zwei Monaten unser neuer Betriebsleiter. Soll ich ihm etwas ausrichten, wenn er fertig ist?“
Kroschke legte den Hörer auf. Er blickte auf den beschmierten Kassenbereich, auf die unordentlichen Zeitungsständer und die defekte Kaffeemaschine. Er hatte seine zuverlässigste und ehrlichste Arbeitskraft mit Füßen getreten, nur um seine eigene Eitelkeit zu schützen.
Nun hatte Jens nicht nur einen besseren Job, er hatte einen Job, in dem seine Erfahrung und sein Gewissen belohnt wurden. Und Kroschke saß inmitten des Chaos, das er selbst verursacht hatte, umgeben von unzuverlässigen, aber billigen Mitarbeitern.
Der Geruch von Benzin und Verrat lag noch immer in der Luft, aber für Jens roch die Zukunft jetzt nach sauberen Waschhallen und echtem Respekt.










