Der eigenwillige Herr Stachelberg

Der eigenwillige Herr Stachelberg

Lotti war ein Mädchen, das nicht nur mit Playmobil-Figuren sprach, sondern auch fest davon überzeugt war, dass der alte Apfelbaum im Garten ein Eigenleben führte. Daher war es für sie ganz normal, dass eines regnerischen Herbstnachmittags, als sie allein am Küchentisch Kastanienmännchen bastelte, eines davon plötzlich zurücksprach.

Sie hatte ihm gerade zwei Streichholzbeine und einen Hut aus einer Eichelschale aufgesetzt. Es war ein besonders großes, glänzendes Exemplar, das sie Herrn Stachelberg taufte, obwohl es gar keine Stacheln mehr hatte.

„Das war aber knapp“, raunte eine tiefe, knarzende Stimme.

Lotti zuckte zusammen und blickte sich um. Nur ihre Mutter klapperte oben mit Geschirr.

„Die Ohren, mein Kind, die Ohren!“, zischte Herr Stachelberg. „Wenn du mir schon keine Ohren aus Zahnstochern gibst, dann zumindest Augen, die in die richtige Richtung schauen!“

Lotti starrte das Kastanienmännchen an. Seine Augen – zwei kleine, schwarze Pfefferkörner – waren tatsächlich schielend angebracht.

„Du… du sprichst!“, flüsterte Lotti.

„Natürlich spreche ich“, erwiderte Herr Stachelberg mit einem Tonfall, als sei Lotti der eigentliche Einfaltspinsel. „Ich bin eine besonders reife Kastanie. Ich habe alles mitangehört, was du den ganzen Nachmittag mit diesem traurigen Exemplar da drüben besprochen hast.“ Er nickte in Richtung eines kleinen Kastanien-Igelchens. „Und seine Antworten waren, gelinde gesagt, uninspiriert.“

So begann die ungewöhnliche Freundschaft. Herr Stachelberg entpuppte sich als kleiner, scharfzüngiger Pedant.

Wenn Lotti einen Malstift auf den Tisch fallen ließ, seufzte Herr Stachelberg laut: „Schon wieder dieses Chaos! Können Kastanien hier eigentlich nie in Ruhe meditieren?“

Wenn Lottis kleiner Bruder mit seinem Spielzeugbagger am Küchentisch vorbeifuhr, brüllte er: „Vorfahrt gewähren! Das ist eine Fußgängerzone für feingliedrige Holz- und Nussgewächse!“

Eines Tages beschloss Lotti, ihrem Freund eine Freude zu machen. Sie verpackte ihn in einer kleinen Streichholzschachtel, bohrte Luftlöcher hinein und nahm ihn mit in den Garten. Sie wollte ihm den Apfelbaum zeigen.

„So, Herr Stachelberg, hier ist die Natur! Atmen Sie die frische Luft!“

Lotti öffnete vorsichtig die Schachtel. Herr Stachelberg blickte heraus.

„Natur? Das ist ja wohl ein schlechter Witz“, kicherte er ungnädig. „Überall Schlamm. Und diese riesigen, unhöflichen Grashalme versperren einem ja die gesamte Sicht. Außerdem ist es viel zu kalt. Nimm mich sofort wieder rein, bevor ich mir einen Streichholzhusten einfange.“

„Aber du bist doch aus der Natur!“, protestierte Lotti.

„Ich bin veredelt! Mit Lack und Streichhölzern! Ich bin jetzt eine Indoor-Kastanie, Lotti. Ich erwarte einen Teppich und eine Raumtemperatur von mindestens zwanzig Grad. Und vielleicht eine kleine Kerze, um die Beleuchtung zu verbessern.“

Lotti kicherte. Sie verstand, dass Herr Stachelberg eben nicht der Abenteurer war, den sie sich erträumt hatte, sondern ein grantiger, kleiner Stubenhocker. Aber genau das machte ihn so liebenswert.

Sie hob die Schachtel wieder auf. „Na gut, Herr Stachelberg. Wir gehen rein. Aber wenn du dich beschwerst, dass das Abendessen deinerseits langweilig riecht, gibt’s morgen nur den Igel als Gesprächspartner.“

„Eine leere Drohung“, murmelte Herr Stachelberg aus der Schachtel. „Aber sei’s drum. Los jetzt. Und pass auf, dass du mich nicht wieder so stark schüttelst. Ich bin doch keine Rassel!“

Lotti lächelte, schloss die Schachtel und trug ihren motzenden, aber geliebten neuen Freund zurück in die warme Küche. Im Herzen wusste sie, dass der Herbst mit diesem kleinen, eigenwilligen Kastanienmännchen der beste aller Herbste werden würde.

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