
Prolog: Das Siegel der Leidenschaft
Der Wind peitschte über den Parkplatz in Brühl, doch Markus spürte die Kälte nicht. Er starrte auf seinen rechten Unterarm. Dort, unter der Haut, verewigte sich ein Teil seiner Identität. Es war Oktober 2025 gewesen, als die Nadel des Tätowierers die markante Doppelschiene des Flying-Launch-Coasters F.L.Y. gezeichnet hatte. Heute, im Jahr 2026, war dieses Tattoo für den 51-Jährigen mehr als nur Körperkunst. Es war sein Siegel, sein Versprechen an sich selbst, dass der graue Alltag eines IT-Beraters niemals die Oberhand über das Kind in ihm gewinnen würde.
Kapitel 1: Die Ankunft im Reich der Mitte
Markus parkte seinen Wagen vor dem Hotel Ling Bao. Er liebte diesen rituellen Wechsel der Welten. Sobald er die Lobby betrat, umfing ihn der Duft von Sandelholz und die meditative Ruhe Asiens. Für ihn war dies die perfekte Erdung, bevor er in die mechanische Ekstase eintauchte.
„Willkommen zu Hause, Herr Markus“, sagte die Rezeptionistin lächelnd. Er war hier bekannt – der Mann, der jedes Jahr diese drei Tage zelebrierte. Nachdem er sein Gepäck in der Suite mit Blick auf den Pagodenturm abgestellt hatte, zog es ihn direkt nach Berlin. Der Übergang vom asiatischen Frieden in das geschäftige Treiben der 1920er Jahre war der erste Akt seiner persönlichen Befreiung.
Kapitel 2: Eine Spiegelung der Zeit
Am Kaiserplatz, direkt vor den tanzenden Fontänen des Wellenflugs, geschah das Unerwartete. „Markus? Markus Janssen, bist du das?“ Ein Mann in seinem Alter, in einem konservativen beigen Windbreaker, starrte ihn ungläubig an. Es war Thomas, ein alter Schulfreund, den er seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Thomas! Was führt dich hierher?“, lachte Markus. „Ach, du weißt schon… die Enkel“, seufzte Thomas und deutete auf eine Gruppe Kinder. „Aber du? Du siehst aus, als hättest du die Uhr angehalten. Und… was ist das an deinem Arm?“ Thomas starrte auf das Tattoo. Markus krempelte den Ärmel hoch und entblößte den Schienentrack und das Logo. „Das ist F.L.Y., Thomas. Ich lebe für diesen Flug. Jedes Jahr.“ Thomas schüttelte den Kopf, eine Mischung aus Unverständnis und unterdrücktem Neid in den Augen. „Ich wünschte, ich hätte noch diese Begeisterung. Ich zähle hier nur die Stunden, bis ich wieder im Büro sitzen kann.“ Markus klopfte ihm auf die Schulter. „Vielleicht liegt es daran, dass du versuchst, das hier mit den Augen deiner Enkel zu sehen. Versuch es mal mit deinen eigenen.“
Kapitel 3: Das Herz aus Stahl und Dampf
Markus ließ Thomas zurück und schritt durch den Tunnel nach Rookburgh. Das Stampfen der Bassboxen setzte ein. Die orchestrale Musik von IMAScore füllte den Raum zwischen den Backsteinmauern und den rauchenden Schloten.
Sein erster Weg führte ihn ins Restaurant Uhrwerk. Er brauchte die passende Stärkung für das, was kommen sollte. Er bestellte den „Aeronaut Burger“ und genoss das Ambiente aus Kupfer, Messing und Leder. Hier war jedes Detail eine Liebeserklärung an das Industriezeitalter. Mit neuer Energie steuerte er direkt auf den Eingang von F.L.Y. zu.
In der Station, während die Züge vertikal über ihm hereinschwebten, spürte er das vertraute Kribbeln. Er nahm in der ersten Reihe Platz. Die Drehung in die Liegeposition war sein ritueller Moment der Transformation. Launch. Der Druck presste ihn in den Sitz, und dann hob er ab. Er flog über die Köpfe der Zuschauer hinweg, tauchte tief in die Häuserschluchten ein und spürte, wie der Schienentrack auf seinem Arm und der Track der Bahn eins wurden. Es war pure Symmetrie.
Kapitel 4: Die Alchemie in der Bar 1919
Gegen Abend wechselte Markus seine Basis. Er bezog seine Kabine im Hotel Charles Lindbergh. Es war eng, funktional und versprühte den Charme einer luxuriösen Zeppelin-Kapsel. Sein Ziel war die Bar 1919, die exklusiv für Hotelgäste reserviert war.
An der Theke aus dunklem Holz bestellte er das „Craft-Beer-Tasting“. Während er an einem malzigen Stout nippte, unterhielt er sich mit dem Barkeeper über die Magie der Magnetbremsen und die Leidenschaft der Fans. Die Bar war erfüllt vom gedämpften Licht der Edison-Lampen. Hier gab es keine schreienden Kinder, nur das leise Murmeln Gleichgesinnter. Markus strich über das Logo auf seinem Unterarm – sein Anker in dieser magischen Welt.
Kapitel 5: Der Ritt des Drachen im Winter
Der nächste Morgen brachte einen Wetterumschwung. Der Winter 2026 zeigte sich von seiner rauen Seite. Markus wanderte nach Klugheim. Die nebelverhangenen Basaltfelsen wirkten fast bedrohlich, und der Geruch von Holzfeuer lag schwer in der Luft.
Taron wartete. Bei Minustemperaturen war der Multilaunch-Coaster eine ungezähmte Bestie. Markus stellte sich in die Schlange, die Hände in den Taschen seiner Fliegerjacke. Als der Zug aus der Station schoss, drückte der eiskalte Fahrtwind Tränen in seine Augen. Mit über 100 km/h raste er durch die Schluchten, vorbei an gefrorenen Wasserfällen. Wo F.L.Y. die Freiheit war, war Taron die rohe Kraft. Er schrie seine Begeisterung in den grauen Himmel hinaus – ein 51-jähriger Krieger auf einem stählernen Drachen.
Kapitel 6: Der verborgene Winkel (Der Geheimtipp)
Bevor Markus am letzten Abend die Heimreise antrat, suchte er seinen persönlichen Rückzugsort auf. Hinter einer unauffälligen Tür nahe der Passage nach Berlin führte eine schmale Treppe zu einer kleinen Empore.
Hier oben war man auf Augenhöhe mit den Schienen von F.L.Y., die aus dem Hotel Lindbergh führten. Es war ein Ort der Stille inmitten des Chaos. Man hörte nur das feine Surren der Magnete und das mechanische Klicken der Weichen. Markus entdeckte an der Wand eine kleine Plakette: „Für diejenigen, die niemals aufhören zu träumen.“ Er lächelte, nahm einen kleinen Anhänger in Form einer Aeronauten-Brille von seinem Schlüsselbund und hängte ihn an einen kleinen Haken neben der Inschrift – sein stilles Vermächtnis.
Epilog: Das Versprechen
Als Markus im Sonnenuntergang auf die Autobahn Richtung Ruhrgebiet auffuhr, sah er im Rückspiegel die Silhouetten der Achterbahnen. Er war erschöpft, seine Knochen spürten die Kälte von Klugheim, aber seine Seele war hellwach.
Unter seinem Hemd trug er das Siegel seiner Freiheit. Das Tattoo würde ihn durch Meetings und Excel-Listen begleiten. Ein kurzer Blick auf seinen Unterarm würde genügen, um das Surren der Schienen wieder zu hören. Markus Janssen war 51 Jahre alt. Und er hatte gerade erst gelernt, wie man richtig fliegt.
Wenn dich dieser Text begleitet hat und du Worttänzer unterstützen möchtest, findest du hier einen stillen Weg dazu.