Das stille Alaaf in der Gasse

Der Worttaenzer Krimi - Das stille Alaaf in der Gasse

I. Der Morgen davor

Kriminaloberkommissar Jan Lohmann, ein echter kölsche Jung mit einer angeborenen Aversion gegen jegliche Art von Verkleidung (sehr zur Enttäuschung seiner karnevalsverrückten Frau), genoss die seltene Ruhe dieser letzten Stunden vor dem närrischen Sturm. Er stand auf der Polizeiwache in der Innenstadt, trank seinen dritten Kaffee und versuchte, die Aktenberge auf seinem Schreibtisch zu ignorieren.

Sein Kollege, der junge, übermütige Tobias „Tobi“ Berger, der bereits eine rote Pappnase auf seinem Schreibtisch liegen hatte, unterbrach die Stille. „Chef, Anruf. Müllpresse in der Salzgasse. Ein Wachmann hat was… Ungewöhnliches gefunden.“

Lohmann seufzte, stellte die Tasse ab. „Ungewöhnlich ist heute in ein paar Stunden der Normalzustand, Tobi. Beschreib ‚ungewöhnlich‘.“

„Tot. Und… äh… er trägt noch sein Make-up.“

II. Die dunkle Seite des Lächelns

Die Salzgasse, eine schmale, feuchte Nebenstraße nahe dem Heumarkt, war der Inbegriff einer Kölner „Schäl Sick“ – der dunklen Seite der sonst so hellen und freundlichen Fassade. Der Fundort lag hinter einem Containerberg. Ein kalter Novemberwind fegte leere Plastikbecher über den Boden.

Das Opfer lag auf dem Rücken.

Es war ein Clown. Kein Kindergeburtstags-Clown, sondern einer dieser melancholischen, stille-Posten-Clowns. Er trug einen zu großen, lila Anzug und einen winzigen Zylinder. Sein Gesicht war eine Leinwand des Grauens: weiß geschminkt, darüber ein überdimensionales, aufgemaltes rotes Lächeln, das jetzt grotesk durch eine dunkle Verfärbung in der Mitte unterbrochen wurde.

„Ein Stich ins Herz“, murmelte der Gerichtsmediziner, Dr. Schmitz, ohne aufzusehen. „Präzise. Und kraftvoll.“

Lohmann kniete vorsichtig neben der Leiche. Die Augen des Clowns waren weit aufgerissen, aber das starre, aufgemalte Lächeln widersprach dem Schock in seinen Pupillen. In seiner fest umklammerten, behandschuhten Hand fand Lohmann etwas Winziges, ein Stück Papier. Es war ein Konfetti, die Sorte, die man nur bei den exklusivsten Karnevalssitzungen in den Prunksälen der Stadt verwendete – dick, glänzend, in den Kölner Stadtfarben Rot und Weiß.

„Sein Name, Schmitz?“

„Keine Papiere. Nur diese billige Perücke und ein paar Cent in der Tasche. Und, das hier.“ Dr. Schmitz deutete auf die Brust des Clowns, dort, wo der Stichkanal klaffte. Über das helle Lila des Anzugs war mit Lippenstift ein einzelner, großer Buchstabe geschmiert worden: ‚E‘.

Lohmann stand auf und blickte in die Gasse. „Ein toter Clown. Vor dem Karnevalserwachen. Das ist kein Zufall, Tobi. Das ist eine Ansage.“

III. Die Spur des Konfettis

Die Nachricht vom „Salzgassen-Clown“ sickerte schnell durch die Stadt, noch bevor die ersten Fanfaren zum 11.11. erklangen. Aber die Ermittlungen mussten diskret bleiben, um das größte Fest des Rheinlands nicht zu stören.

Lohmann und Tobi konzentrierten sich auf das rote Konfetti. Es führte sie zu Leo ‚Leevje‘ Jansen, einem ehemaligen gefeierten Büttenredner, der nun in einem Seniorenheim am Rande der Stadt lebte. Leeveje war bekannt für seine opulenten, handgefertigten Kostüme und sein extrem dickes, rot-weißes Konfetti.

Der alte Mann empfing sie in einem Zimmer voller vergilbter Fotos. Er erkannte den toten Clown sofort von einem verpixelten Bild: „Dat is d’r Pitter,“ sagte er, seine Stimme belegt von Wehmut. „Pitter ‚Pänzje‘ Krings. Ein Pantomime, der am Dom auftrat. Ein armer Tropf mit dem größten Herzen der Stadt.“

Leevje erklärte, dass Pitter Krings, obwohl mittellos, oft für die Ärmsten der Stadt auftrat. Er hatte aber ein großes Geheimnis: Er war früher in einer hochkarätigen Karnevalsgesellschaft angestellt, den „Elferrats-Engeln“. Er war derjenige, der die Requisiten, die Bühnenbilder, die Konfetti-Kanonen organisierte. Er wusste alles über die Logistik des Festes.

„Er wurde rausgeworfen,“ erzählte Leevje. „Wegen… Unregelmäßigkeiten mit den Finanzen. Hat aber geschworen, Rache zu nehmen. Er nannte es seinen ‚letzten Akt‘. Er sagte, er würde die ‚Eitelkeit des Karnevals‘ entlarven.“

Das ‚E‘ auf der Brust des Clowns. Lohmann spürte, dass er auf der richtigen Spur war.

IV. Der Countdown

Zurück in der Wache zeigte Tobi Lohmann eine Liste der aktuellen und ehemaligen Mitglieder der „Elferrats-Engel“. Es gab fünf Personen, deren Nachname mit ‚E‘ begann. Einer von ihnen, Hans-Peter ‚H-P‘ Esser, war der derzeitige Vorsitzende der Gesellschaft und würde um 11:11 Uhr auf dem Heumarkt die Menge begrüßen.

Lohmann sah auf die Uhr: 11:05 Uhr. Nur noch sechs Minuten.

„Tobi, wir haben keine Zeit für Haftbefehle. Esser ist in Gefahr. Ruf den Heumarkt an! Sag ihnen, Esser muss sofort von der Bühne!“

„Chef, die Leitungen sind überlastet. Tausende Leute rufen an, die Kamelle bestellen wollen. Ich komm nicht durch!“

Lohmann schnappte sich seine Jacke. „Dann fahren wir hin. Die Gasse liegt nur drei Minuten entfernt.“

V. 11:11 Uhr

Sie rasten mit Blaulicht zum Heumarkt. Die Menge war unüberschaubar, ein Meer aus Farben, Perücken und lachenden Gesichtern. Die Stimmung war am Kochen.

Lohmann drängte sich mit Tobi durch die Menge zur Bühne, während eine Live-Band die Spannung mit einem finalen Tusch aufbaute. Oben stand Hans-Peter Esser, ein Mann mit einem perfekt toupierten Prinzenkostüm, bereit, seinen historischen Moment zu genießen.

11:10 Uhr und 50 Sekunden.

Lohmann brüllte: „ESSER! RUNTER VON DER BÜHNE! LEBEN GEFAHR!

Esser sah verwirrt in die Menge. Die Musik stoppte abrupt.

Lohmann rannte die Treppe hoch. In Essers Hand bemerkte er etwas. Kein Mikrofon. Es war eine ferngesteuerte Zündvorrichtung.

„Esser, was machst du?!“

Esser lächelte gequält, sein Gesicht entstellt. „Der Pitter hatte recht. Die Eitelkeit… sie hat mich zerfressen. Er wollte alles auffliegen lassen. Die unterschlagenen Gelder… Aber ich lasse mich nicht ruinieren! Der Karneval ist alles, was ich habe!

11:11 Uhr.

Über der Bühne, an einem historischen Kran befestigt, sah Lohmann eine riesige, selbstgebastelte Konfetti-Kanone, deren Ende auf die Menge gerichtet war. Und um die Kanone war ein Banner gewickelt: „Die Eitelkeit stirbt zuletzt.“

Esser drückte den Knopf.

Doch anstatt einer Explosion, hörte man nur ein leises Ploppen. Aus der riesigen Kanone schoss kein Bündel Dynamit, wie Esser es geplant hatte, sondern tausende leuchtend rote und weiße Konfetti-Fische. Konfetti, das Pitter Krings, der Clown, in der Nacht vor seinem Tod in die Kanone gepackt hatte, nachdem er Esser offenbar dabei überrascht hatte, wie dieser die Sprengladung vorbereitete. Pitter hatte Esser nicht töten können, aber er konnte seinen Plan in letzter Sekunde durchkreuzen.

Esser brach zusammen.

Der Heumarkt schwieg einen Moment, dann brach ein lautes, erleichtertes, verwirrtes Jubeln los. Die bunten Fische segelten über die Köpfe der Jecken. Esser wurde abgeführt.

Lohmann stand auf der Bühne, inmitten eines Konfetti-Regens, der nach Alaaf roch. Er blickte auf die Uhr. Es war 11:12 Uhr.

Die fünfte Jahreszeit hatte begonnen. Sie begann mit einem toten Clown, dessen letzter Akt nicht Rache, sondern ein Akt der Wahrheit und der Rettung war. Es war ein stilles Alaaf aus der Salzgasse, das die Eitelkeit entlarvte und den Geist des Karnevals – Freude, auch im Angesicht der Tragödie – bewahrte.

Lohmann nahm die Pappnase von Tobis Schreibtisch, die er in der Hektik mitgenommen hatte. Er betrachtete sie kurz, steckte sie ein.

„Tobi,“ sagte er in sein Funkgerät, während die Musik wieder einsetzte und die Menge tanzte. „Nenn den Fall ‚Der stumme Narr‘. Und… heute Abend brauche ich ein Kölsch.“

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