Das Licht hinter den Bergen: Eine Weihnachtsreise gegen die Zeit

Kapitel 1: Der Tag davor – Wenn die Stille laut wird

Es war der Vormittag des 23. Dezembers. In der kleinen Stadt Oberhof im Thüringer Wald hingen die Wolken so tief, dass die Spitzen der Tannen im Grau verschwanden. Im Haus der Familie Hofmann roch es nach frisch gebackenen Vanillekipferln, doch die Süße des Duftes konnte die bittere Sorge nicht vertreiben, die wie ein unsichtbarer Nebel durch die Zimmer schlich.

Hannes, ein neunjähriger Junge mit struppigem blondem Haar, drückte seine Nase so fest gegen die kalte Fensterscheibe, dass ein kleiner weißer Abdruck entstand. Er wartete auf seinen Großvater, Friedhelm.

Friedhelm war nicht irgendein Opa. Er war derjenige, der die besten Schnitzmesser besaß, der die alten Lieder am lautesten mitsingen konnte und der versprochen hatte, dieses Jahr die alte Familiengeschichte über den „silbernen Stern von Oberhof“ zu Ende zu erzählen. Doch Friedhelm war seit vier Stunden überfällig. Er wollte mit seinem alten, dunkelgrünen Mercedes aus dem Erzgebirge anreisen, doch der Wetterbericht meldete den schwersten Schneesturm seit Jahrzehnten.

„Hannes, komm weg vom Fenster“, sagte seine Mutter Annegret sanft. Sie versuchte, den Teig für den Stollen zu kneten, doch ihre Hände zitterten leicht. „Der Schnee ist tückisch. Vielleicht hat er sich entschieden, bei einer Raststätte zu warten.“

„Aber er hat versprochen, dass wir heute Abend den Baum gemeinsam aussuchen!“, rief Hannes, und seine Stimme überschlug sich fast vor Angst.

Sein Vater, Wolfgang, trat in die Küche. Er hielt sein Smartphone fest in der Hand. „Ich erreiche ihn nicht. Das Netz im Gebirge ist ohnehin schlecht, und jetzt scheint die Verbindung komplett unterbrochen zu sein. Ich fahre zur Auffahrt der Landstraße und schaue nach, ob der Räumdienst durchkommt.“


Kapitel 2: Die dunkle Stunde der Ungewissheit

Die Stunden vergingen, und die Dämmerung des 23. Dezembers legte sich wie ein schweres Tuch über das Land. Wolfgang war zurückgekehrt, sein Gesicht bleich vor Kälte. „Die Pässe sind gesperrt“, berichtete er leise in der Diele, in der Hoffnung, dass Hannes es nicht hörte. „Es gibt Berichte über Verwehungen und liegengebliebene Fahrzeuge. Die Polizei sagt, man könne im Moment niemanden losschicken, es sei zu gefährlich.“

Annegret hielt sich am Türrahmen fest. Das Haus, das so festlich geschmückt war – mit den Strohsternen, die Gisela, die verstorbene Großmutter, noch selbst gebastelt hatte –, wirkte plötzlich wie eine Bühne für eine Tragödie. Sie dachten an Friedhelm, der mit seinen 78 Jahren zwar rüstig war, aber bei dieser Kälte keine Stunde im Freien überleben würde.

Beim Abendessen rührte niemand das Essen an. Die Kartoffelsuppe wurde kalt. Hannes fragte nicht mehr. Er sah nur die Träne, die seiner Mutter in den Teller fiel. Es war eine traurige Stille, die Art von Stille, die wehtut, weil sie alle Fragen unbeantwortet lässt. In dieser Nacht schlief niemand im Haus der Hofmanns. Jeder lauschte auf das Heulen des Windes, das wie ein einsamer Wolf um die Ecken des Hauses fegte.


Kapitel 3: Heiligabend – Zwischen Gebet und Verzweiflung

Der Morgen des 24. Dezembers brach an, doch es wurde nicht wirklich hell. Der Schneesturm hatte sich in ein beständiges, dichtes Rieseln verwandelt. Die Welt war unter einer meterhohen weißen Decke begraben.

„Wir müssen etwas tun“, sagte Annegret beim ersten grauen Lichtstrahl. „Wir können nicht einfach hier sitzen und warten, bis die Nachricht vom Schlimmsten kommt.“

Wolfgang nickte. Er rief bei der örtlichen Bergwacht an. Ein alter Freund, Bernd, nahm ab. „Wolfgang, ich will dir keine falschen Hoffnungen machen. Wir haben heute Morgen drei Autos aus dem Graben gezogen, aber dein Vater war nicht dabei. Wir vermuten, dass einige Fahrer versucht haben, über die alten Forstwege auszuweichen, bevor die Sperrung kam. Wenn er dort festsitzt…“ Bernd ließ den Satz unvollendet.

Hannes saß im Wohnzimmer unter dem noch kahlen Weihnachtsbaum. Er hielt ein altes Foto von Opa Friedhelm in der Hand. Er begann leise zu beten – nicht das auswendig gelernte Gebet aus der Schule, sondern ein Gespräch mit Gott: „Bitte, lass ihn den Weg finden. Ich brauche keine Geschenke. Ich will nur, dass er lacht, wenn er zur Tür reinkommt.“

Gegen Mittag geschah etwas Merkwürdiges. Das Telefon klingelte nicht, aber es klopfte an die Tür. Es war nicht Friedhelm. Es war Nachbar Schulze, ein mürrischer alter Mann, der sonst kaum ein Wort mit jemandem wechselte. Er hielt eine Thermoskanne und ein Funkgerät in der Hand.

„Ich habe gehört, was los ist“, sagte Schulze barsch. „Ich habe einen Unimog mit Schneepflug. Wenn die Behörden nicht fahren, fahre ich eben. Wolfgang, steig ein. Wir suchen die Forstwege ab.“

Eine Welle der Hoffnung durchflutete das Haus. Es war der erste Moment der Fröhlichkeit – nicht weil alles gut war, sondern weil sie nicht mehr tatenlos zusehen mussten.


Kapitel 4: Der Kampf im Wald

Die Suche dauerte Stunden. Wolfgang und Schulze kämpften sich durch Schneewehen, die so hoch wie das Führerhaus waren. Mehrfach blieben sie fast stecken. Die Kälte kroch durch jede Ritze.

Plötzlich, weit abseits der Hauptstraße, sah Wolfgang etwas reflektieren. Ein kleiner silberner Punkt im Weiß. „Dort!“, schrie er über den Lärm des Motors hinweg.

Es war der Mercedes. Er war halb in einer Senke verschwunden, die Tür auf der Fahrerseite war vom Schnee blockiert. Sie sprangen aus dem Unimog und gruben mit bloßen Händen. Als sie die Tür aufbrachen, fanden sie Friedhelm. Er war in alle Decken gehüllt, die er im Auto hatte, sein Atem war schwach, aber er lebte. In seinem Schoß lag eine kleine, hölzerne Kiste.

„Ich… ich wollte nicht aufgeben“, flüsterte er mit blauen Lippen. „Ich musste doch… die Geschichte zu Ende erzählen.“


Kapitel 5: Ein Happy End, das Herzen schmelzen lässt

Es war 17:00 Uhr, als der Unimog in die Einfahrt der Hofmanns zurückkehrte. Annegret und Hannes stürzten barfuß in den Schnee. Als sie sahen, wie Wolfgang den Großvater vorsichtig aus dem Wagen hob, gab es kein Halten mehr. Es war ein Bild voller purer Emotionen: Schluchzen, Lachen und das tiefe Aufatmen einer ganzen Familie.

Friedhelm wurde sofort in Decken vor den Kamin gesetzt. Nach zwei Tassen heißem Fliederbeersaft kehrten die Farben in seine Wangen zurück. Das Haus füllte sich nun mit einer Wärme, die nichts mit der Heizung zu tun hatte.

„Wisst ihr“, sagte Friedhelm am späten Abend, als der Baum endlich geschmückt war und die Kerzen brannten, „als ich da draußen im Dunkeln saß, hatte ich keine Angst. Ich wusste, dass ihr nach mir sucht. Das ist das eigentliche Licht von Weihnachten: Dass man nicht vergessen wird.“

Er öffnete die hölzerne Kiste. Darin lag ein wunderschön geschnitzter, silberner Stern. „Das ist der Stern aus der Geschichte, Hannes. Er zeigt denen den Weg, die mit dem Herzen suchen.“

Das Festmahl war dieses Jahr bescheiden, denn zum Einkaufen war keine Zeit mehr gewesen. Es gab Brot, Käse und die Reste der Suppe. Doch noch nie hatte ein Heiligabend in Oberhof so sehr nach Sieg, nach Liebe und nach echtem Glück geschmeckt. Die Familie Hofmann saß eng zusammen, und während draußen der Schnee die Welt zum Schweigen brachte, war es drinnen so lebendig wie nie zuvor.

Kapitel 6: Der Morgen danach – Wenn die Welt den Atem anhält

Der Morgen des 25. Dezembers erwachte in einem Licht, wie es die Menschen in Oberhof selten gesehen hatten. Der Sturm war abgezogen und hatte einer strahlenden, eisigen Klarheit Platz gemacht. Die Sonne stieg hinter den Gipfeln des Thüringer Waldes auf und verwandelte die verschneite Landschaft in ein Meer aus Milliarden funkelnder Diamanten.

Im Haus der Hofmanns war es ungewöhnlich still, aber es war eine andere Stille als am Tag zuvor. Es war die Stille der Geborgenheit.

Hannes war der Erste, der wach war. Er schlich auf Zehenspitzen aus seinem Zimmer, vorbei an der geschlossenen Tür des Gästezimmers, in dem Opa Friedhelm schlief. Unten im Wohnzimmer brannte noch das kleine elektrische Licht am Weihnachtsbaum. Hannes setzte sich auf den Teppich und betrachtete den silbernen Stern, den sein Opa aus der hölzernen Kiste geholt hatte. Er wirkte im fahlen Morgenlicht fast magisch.

„Er ist schön, nicht wahr?“, erklang eine raue Stimme.

Hannes fuhr herum. Opa Friedhelm stand im Türrahmen, eingehüllt in seinen dicken, dunkelblauen Bademantel. Er sah noch etwas blass aus, aber seine Augen leuchteten wieder mit dem vertrauten Schalk.

„Opa! Du sollst dich doch ausruhen!“, flüsterte Hannes und lief auf ihn zu, um ihn fest zu umarmen.

Friedhelm lachte leise und klopfte dem Jungen auf die Schulter. „Ich habe genug geruht, mein Jung. Im Auto hatte ich Zeit genug, über das Schlafen nachzudenken. Heute will ich leben.“


Kapitel 7: Ein Frühstück der Dankbarkeit

Wenig später saß die ganze Familie am großen Eichentisch in der Küche. Annegret hatte frische Brötchen aufgebacken, die sie im Gefrierfach für den Notfall gehortet hatte. Es gab selbstgemachte Quittenmarmelade und den starken Kaffee, den Wolfgang so liebte.

„Wisst ihr“, begann Wolfgang, während er sich eine Scheibe Schinken abschnitt, „gestern, als wir mit Nachbar Schulze im Unimog saßen… da habe ich zum ersten Mal verstanden, was Nachbarschaft wirklich bedeutet. Schulze hat kein einziges Mal über den Diesel oder die Gefahr geschimpft. Er ist einfach gefahren.“

„Wir sollten ihn einladen“, schlug Annegret vor. „Er ist allein an den Feiertagen. Seine Frau ist vor drei Jahren verstorben, und seine Kinder leben in Hamburg.“

Hannes nickte eifrig. „Ja! Er hat Opa gerettet. Er ist wie ein Weihnachtsengel, nur mit einem größeren Auto und mehr Gebrumme.“

Alle lachten. Es war ein befreiendes Lachen, das die letzten Reste der Angst aus den Knochen vertrieb.


Kapitel 8: Der Besuch des Retters

Gegen Mittag stapfte Wolfgang durch den hohen Schnee hinüber zum Nachbarhaus. Kurze Zeit später kehrte er mit Herrn Schulze zurück. Der alte Mann wirkte sichtlich verlegen. Er hatte seinen Sonntagsanzug angezogen, der etwas zu weit an den Schultern saß, und hielt eine Flasche alten Obstler in der Hand.

„Ich wollte nicht stören, Hofmanns“, brummte er und zog seine Mütze ab.

„Sie stören niemals, Herr Schulze“, sagte Annegret und nahm ihm den Mantel ab. „Sie gehören heute zur Familie.“

Opa Friedhelm stand auf und ging auf Schulze zu. Die beiden alten Männer sahen sich einen Moment lang schweigend an – zwei Männer einer Generation, die nicht viele Worte über Gefühle machten. Friedhelm reichte ihm die Hand und drückte sie fest.

„Danke, Karl-Heinz“, sagte er schlicht.

Schulze nickte nur kurz, doch seine Augen schimmerten feucht. „Schon gut, Friedhelm. Man lässt niemanden im Wald. Schon gar nicht an Weihnachten.“


Kapitel 9: Die Geschichte vom silbernen Stern

Nach dem Mittagessen – es gab einen klassischen Gänsebraten, den Annegret wie durch ein Wunder noch im Ofen perfekt hinbekommen hatte – versammelten sich alle um den Kamin. Draußen begann es wieder leicht zu schneien, aber drinnen tanzten die Flammen und warfen warme Schatten an die Wände.

Hannes reichte seinem Opa den geschnitzten Stern. „Erzählst du uns jetzt die Geschichte zu Ende, Opa? Warum ist dieser Stern so besonders?“

Friedhelm legte den Stern auf seine Handfläche. „Dieser Stern, Hannes, wurde vor über hundert Jahren von meinem Urgroßvater geschnitzt. Er war Bergmann hier in der Region. Einmal, in einem besonders harten Winter, wurde er unter Tage eingeschlossen. Er hatte nichts bei sich außer seinem Schnitzmesser und einem Stück Restholz.“

Die Familie hielt den Atem an. Sogar Nachbar Schulze lauschte gebannt.

„Er schnitzte diesen Stern im Dunkeln, nur durch das Tasten seiner Finger. Er sagte sich: Solange ich an dem Licht arbeite, das ich im Herzen trage, wird die Dunkelheit mich nicht holen. Als man ihn nach drei Tagen fand, hielt er diesen Stern fest umklammert. Er wurde zum Symbol unserer Familie: Das Licht, das man selbst macht, leuchtet am hellsten.

Friedhelm sah Hannes tief in die Augen. „Gestern, im Auto, als der Motor ausging und die Heizung kalt wurde, habe ich an diesen Stern gedacht. Ich habe ihn in der Tasche gespürt und gewusst: Ich muss nur lange genug durchhalten, bis euer Licht mich findet.“


Kapitel 10: Ein friedlicher Ausklang

Der Nachmittag des ersten Weihnachtstages verging wie im Flug. Es wurden alte Geschichten ausgepackt, es wurde gesungen und Hannes zeigte Opa Friedhelm seine neuen Legomodelle. Herr Schulze taute zusehends auf und erzählte von seiner Zeit als junger Forstwart.

Als es Abend wurde und Herr Schulze sich verabschiedete, sagte er an der Tür zu Wolfgang: „Wissen Sie, das war das erste Mal seit Jahren, dass ich mich nicht einsam gefühlt habe. Danke dafür.“

Wolfgang legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir sehen uns morgen zum Neujahrspunsch, Karl-Heinz. Das ist jetzt Tradition.“

Als das Haus schließlich zur Ruhe kam, stand Hannes noch einmal allein am Fenster. Er blickte hinauf zum dunklen Himmel, wo zwischen den Wolken ein einzelner, echter Stern hell funkelte.

Er hatte in diesen zwei Tagen gelernt, dass Weihnachten nicht das Lametta ist, nicht der Braten und nicht die perfekt verpackten Päckchen. Es ist die Gewissheit, dass man füreinander losgeht, wenn es stürmt. Dass man nicht aufgibt. Und dass ein trauriger Moment nur die Leinwand ist, auf der die Freude später umso heller strahlen kann.

Mit einem Lächeln auf den Lippen ging Hannes zu Bett. Er wusste, dass dieses Weihnachten – das mit dem Schrecken begann und in tiefer Freundschaft endete – für immer in seinem Herzen bleiben würde.


Epilog: Warum diese Geschichte nachhallt

Die Geschichte der Familie Hofmann ist eine Erinnerung daran, dass das Schicksal uns oft prüft, um uns zu zeigen, was wirklich zählt. In Deutschland, wo die Weihnachtstraditionen tief verwurzelt sind, ist es oft die Gemeinschaft, die uns durch die dunkelsten Wintertage trägt.

Weitere bisher erschienene E Books