Das Fünf-Minuten-Gericht

Das Fünf-Minuten-Gericht

Elara kannte die Speisekarte des „Café Lyra“ besser als ihr eigenes Kochbuch. Sie wusste, dass der Kellner mit den lachenden Augen und den zu langen Locken, dessen Namen sie nur als flüsterndes „Lio“ von anderen Gästen aufgeschnappt hatte, immer um 13:00 Uhr die Tische im Fensterbereich abräumte. Elara wusste, dass er beim Servieren des Zitronen-Thymian-Huhns ein winziges, kaum hörbares Liedchen summte, und dass er bei Stress die rechte Augenbraue hob.

Sie wusste all das, weil Elara in den letzten drei Monaten 47 Mal im Café Lyra gesessen hatte.

Ihre Bestellung war beinahe so konstant wie ihr Herzschlag, wenn Lio an ihren Tisch trat: Ein Matcha Latte (mit Hafermilch, die er sich nie notieren musste) und ein kleiner Avocado-Toast. Das war ihre Tarnung. Ihre fünfzehn Minuten Lesezeit, die sie für ein schüchternes Beobachten des Mannes nutzte, der ihr den Kopf verdreht hatte.

Jeden Tag bereitete Elara in ihrer kleinen Wohnung eine Flut von perfekten Eröffnungssätzen vor:

  • „Ihr Service ist hervorragend, Lio. Ich wollte nur sagen, dass ich Ihre Hände bewundere, wenn Sie die Milch aufschäumen.“ (Zu ehrlich, zu seltsam.)
  • „Sagen Sie, Lio, ich sitze hier so oft – wäre es nicht effizienter, wenn wir uns einfach auf einen Kaffee treffen, der nicht bezahlt werden muss?“ (Zu frech, würde er sie abweisen?)
  • Ein einfacher Witz über das Wetter. (Zu banal, würde er sie vergessen?)

Doch jedes Mal, wenn er fragte: „Darf es sonst noch etwas sein?„, versagte ihre Stimme. Ihre Wangen wurden heiß und sie brachte nur ein gemurmeltes „Nein, danke, alles gut“ heraus, während sie schnell ihren Blick auf die zerlesene Seite ihres Buches senkte.

Heute war es besonders schlimm. Sie hatte bemerkt, dass Lio ihren Tisch zwei Mal angelächelt hatte, ohne sie direkt anzusehen. War es ein Lächeln für sie? Oder nur ein berufliches Lächeln?

Als Lio das leere Geschirr abholte, passierte es. Er streifte versehentlich ihren Arm mit der Serviette, die er in der Hand hielt.

„Oh, Entschuldigung!“, sagte er, seine Stimme war warm wie frisch aufgebrühter Tee.

Elara erstarrte. Das war die Chance. Jetzt!

„Nein, nein, alles gut“, hauchte sie, noch immer mit gesenktem Kopf.

Lio wartete einen Moment. „Sie sind fast jeden Tag hier“, bemerkte er sanft. „Das freut uns. Sie mögen unsere Matchas wohl sehr?“

Elara nickte schnell. „Ja“, sagte sie, aber es klang mehr nach einem Quieken.

Lio lächelte, dieses Mal direkt in ihre Augen. „Ich wünschte, ich wüsste Ihren Namen. Manchmal denke ich, ich sollte Ihren Stammplatz hier mit einem kleinen Schild markieren.“

Elara spürte, wie ihr Herz einen Überschlag machte. Der Atem stockte. Jetzt oder nie. Sie musste sprechen, bevor er ging.

„Elara“, sagte sie hastig, viel zu laut. „Ich heiße Elara.“

Lio stellte den Stapel Geschirr auf dem Servierwagen ab. Er lehnte sich ein wenig über den Tisch, sodass seine Locken beinahe den Zuckertopf berührten.

„Schön, Elara“, sagte er und die Art, wie er ihren Namen aussprach, ließ sie leicht zittern. Er zog einen kleinen, gefalteten Zettel aus seiner Schürzentasche.

„Ich wusste es, dass Sie Matcha Latte bestellen“, flüsterte er. „Aber ich wette, Sie trinken lieber Schwarztee mit einem Schuss Zitrone, wenn Sie nicht gerade beobachtet werden.“

Er legte den Zettel neben ihren Avocado-Toast-Teller.

„Das ist meine Nummer“, sagte er, zwinkernd. „Wenn Sie das nächste Mal etwas anderes bestellen wollen, rufen Sie mich an. Ich warte nicht so gerne, bis Sie mir endlich ‚Hallo‘ sagen.“

Dann drehte er sich um und ging, um ein Paar am Nebentisch zu bedienen. Elara starrte auf den kleinen Zettel. Ihre Hände zitterten, als sie ihn öffnete. Darauf stand in leicht unordentlicher, aber eleganter Schrift:

  • Lio.
  • Und ja, das Lächeln war für dich.

Das Fünf-Minuten-Gericht hatte soeben eine viel längere Zubereitungszeit bekommen. Und Elara wusste, dass sie morgen nicht ins Café Lyra gehen würde. Sie würde ihn anrufen.

Weitere bisher erschienene E Books