Das Erbe von Drakensmoor und die Kammer der Sterne

Jugenbuch - Das Erbe von Drakensmoor und die Kammer der Sterne

Die späte Augusthitze lag wie Blei über Drakensmoor, einem verschlafenen Dorf in der Grafschaft Cornwall, das von moosbedeckten Steinmauern und alten Mythen durchzogen war. Für Jasper (den stillen Denker), Rory (den Draufgänger) und Seraphina (das Organisationstalent, das alle nur Sera nannten) war die Hitze unwichtig. Sie waren auf dem Weg zum berüchtigten Herrenhaus Rabenklippe.

Rabenklippe thronte auf einem Hügel über Drakensmoor, ein düsterer, gotischer Bau, dessen steinerne Wasserspeier aussahen, als würden sie die dunklen Geheimnisse des Hauses bewachen. Die Einheimischen mieden das Anwesen. Man sagte, die letzte Besitzerin, eine Astronomin namens Lady Elara Vane, sei vor über sechzig Jahren spurlos verschwunden, nachdem sie wochenlang von den Sternen geflüstert hatte.

„Bist du dir sicher, dass das nicht zu unheimlich ist, Rory?“, murmelte Jasper, dessen Brille von der feuchten Luft beschlug. Rory lachte, sein lautes, forderndes Lachen hallte in der Stille wider. „Jasper, das ist Rabenklippe. Das ist das, worüber wir seit der Grundschule reden! Wir gehen rein, beweisen, dass Elara Vane einfach abgehauen ist, und sind bis zum Abendessen zurück.“ Sera, die einen Rucksack mit Ausrüstung und einem Erste-Hilfe-Set trug, nickte. „Wir halten uns an die Regeln. Bleiben zusammen, und wir benutzen das Seil an der Luke zum Dachboden. Ich will nicht, dass einer von euch durch die Decke kracht.“

Die Hintertür des Herrenhauses war erwartungsgemäß morsch und gab mit einem ächzenden Laut nach. Der Geruch im Inneren war eine schwere Mischung aus Moder, altem Leder und etwas Metallischem, fast wie Ozon.

Nachdem sie die modrigen Salonräume und die überwucherte Bibliothek durchquert hatten, fanden sie die Zugleiter zum Dachboden. Rory zog an der vergilbten Kordel. Die Luke schwang mit einem Krachen auf, und sie stiegen in die drückende, heiße Dunkelheit.

Der Dachboden war ein Labyrinth aus abgedeckten Möbeln und jahrhundertealtem Gerümpel. In einer Ecke, wo ein feiner Strahl Mondlicht durch ein winziges Fensterchen fiel, stieß Jasper auf einen Stapel alter, aufwendig verzierter Sternkarten. Darunter lag es.

Der Karton.

Er war kein gewöhnlicher Schuhkarton, sondern eine Schatulle aus tiefblauem, fast nachtschwarzem Material, gefasst in dunkles Messing. Auf dem Deckel stand in silberner, geschwungener Schrift ein einzelnes, magisches Wort: Astraea.

Rory hob den Kasten an. „Das ist es. Lady Vane muss das hier versteckt haben.“

Sera öffnete das leichtgängige Messingschloss. Die Schatulle war mit schwarzer Seide ausgekleidet und enthielt nur drei Gegenstände, die in der Dunkelheit funkelten:

  1. Ein kleines, gerolltes Pergament, das mit einer feinen, rätzelhaften Tinte beschrieben war.
  2. Ein Schlüssel, der aus tiefschwarzem Eisen geschmiedet schien und einen Griff in Form eines stilisierten Kometen hatte.
  3. Eine Taschenuhr aus poliertem Ebenholz. Sie hatte kein Zifferblatt, nur eine kleine Linse. Und sie tickte. Ein regelmäßiges, fast hypnotisches Tick-Tack, Tick-Tack.

Sera entrollte das Pergament. Die Tinte war eine Kombination aus Latein und astronomischen Symbolen. „Es ist eine Art Anweisung“, flüsterte sie. Sie übersetzte mühsam die verschlüsselten Zeilen:

Wenn der Schatten des Mondsteins auf die Neun fällt – nicht die Stunde, sondern die Zahl der Schritte – finde den Brunnen, der kein Wasser mehr birgt. Dort, wo die Efeuranke die Gerechtigkeit umarmt, benutze das Licht des Kometenschlüssels, um die Stunde zu finden, da Astraea ihre Schleier lüftet. Nur so öffnet sich der Weg zur Zweiten Kammer der Weissagung.

„Zweite Kammer der Weissagung“, wiederholte Rory aufgeregt. „Das klingt nach einem Schatz, der größer ist als alles, was wir uns je vorstellen konnten.“

Jasper, der die Uhr betrachtete, unterbrach ihn: „Schhhh. Hört ihr das?“

Das Ticken der Uhr wurde plötzlich von einem anderen Geräusch überlagert: einem leisen, aber unverkennbaren Knirschen alter Holzdielen im Erdgeschoss. Jemand war in Rabenklippe eingedrungen.

Sie schalteten ihre Lampen aus. Die Stille war erdrückend.

Das Knirschen kam näher, begleitet von einem tiefen Atemzug und dem metallischen Klick eines modernen Verschlusses. Die Person bewegte sich nicht wie ein Einbrecher, sondern wie jemand, der das Haus kannte.

„Die Leiter!“, zischte Rory.

Die Schritte erreichten den Flur unter ihnen. Dann hörten sie ein scharfes, zischendes Atmen und das Geräusch, als würde eine schwere Tasche abgestellt.

Ein kalter, weißer Lichtkegel – eine leistungsstarke LED-Taschenlampe – fuhr durch die Luke und fegte über den Dachboden. Der Lichtkegel zentrierte sich sofort auf die Ecke, in der der Kasten gelegen hatte.

„Vane“, knurrte eine tiefe Stimme mit einem harten, nordischen Akzent. „Du versteckst Dinge nicht sehr gut.“

Die Gestalt einer Frau, hochgewachsen und in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt, zog sich an der Luke hoch. Sie sah nicht alt aus, aber ihre Augen, die in der Dunkelheit glühten, strahlten eine Jahrhunderte alte Müdigkeit aus. Sie hatte silbernes Haar, das straff zurückgebunden war.

„Der Kasten ist weg“, stellte sie fest, ihre Stimme war ruhig und kalt, ohne jede Spur von Überraschung. Sie schwenkte ihr Licht in die Mitte des Raumes. „Drei neugierige Seelen, die sich im Erbe vergriffen haben.“

Die drei kauerten hinter einem abgedeckten Himmelbett.

„Was wollen Sie?“, rief Rory, der seinen Mut zusammennahm.

Die Frau lächelte, und es war ein entsetzlicher Anblick. „Ich will zurück, was mir gehört. Den Schlüssel und die Zeit. Lady Vane war eine Abtrünnige. Sie versuchte, das Tor zu versiegeln. Aber das Kosmische Archiv muss geöffnet werden.“

Sie machte einen bedrohlichen Schritt. Sera hob einen schweren gusseisernen Kerzenhalter, der auf einer Truhe lag.

„Rory, wir lenken sie ab! Jasper, du nimmst die Uhr und den Schlüssel. Du bist der Schnellste!“, befahl Sera.

Rory rannte los und stieß einen Stapel alter Metallkisten um. KRACH! Die Frau drehte sich instinktiv um.

Jasper, die Schatulle fest unter den Arm geklemmt, rannte los. Sera schleuderte den Kerzenhalter in die entgegengesetzte Richtung. Ablenkung genug.

Sie sprangen nacheinander in die Fluchtluke und stürmten die Treppe hinunter. Hinter ihnen hörten sie einen gellenden Schrei der Wut. Die Frau war ihnen auf den Fersen.

Sie entkamen durch die Hintertür in den Garten.

„Der Brunnen!“, keuchte Sera, als sie sich durch kniehohes Unkraut kämpften. „Der Brunnen, der kein Wasser mehr birgt!“

Der alte Brunnen stand mitten im überwucherten Hof, seine Steinbrüstung war von Efeu bedeckt. Rory rannte darauf zu.

„Die Zahl der Schritte – Neun!“, rief Jasper, der sich an das Pergament erinnerte. „Der Mondstein! Wo ist er?“

Sera sah sich um. Eine kleine, halbmondförmige Steinplatte lag genau am Fuß des Brunnens, halb unter der Erde verborgen. Sie trat neun Schritte davon entfernt, genau auf die Efeubewachsene Steinbrüstung zu.

„Hier!“, rief sie.

Die Efeuranken hatten die Brunnenschale fast vollständig verschluckt. Rory riss die Ranken beiseite. Dort, wo die Efeuranken am dicksten waren, entdeckte er einen verwitterten, aber erkennbaren Stein: die stilisierte Figur einer Frau mit einer Waage – die Gerechtigkeit, oder Astraea.

Und genau in der Mitte der Waage war eine kleine, perfekt runde Einkerbung.

„Der Kometenschlüssel!“, schrie Sera, als sie die Silhouette der silberhaarigen Frau im Türrahmen des Herrenhauses sahen.

Jasper drückte den schwarzen Kometenschlüssel in die Einkerbung. Er passte perfekt.

Ein leises Klicken ertönte, und der Schlüssel begann, ein schwaches, aber stetiges, blaues Licht auszusenden – das „Licht des Kometenschlüssels“.

Das Licht fiel auf die Ebenholzuhr in Jaspers Hand. Die Uhr begann, schneller zu ticken. Plötzlich schien die kleine Linse auf der Uhr nicht mehr leer zu sein. Sie zeigte einen Schatten an, nicht von einer Sonne, sondern von einem winzigen, glühenden Punkt, der sich langsam bewegte.

„Die Stunde finden!“, rief Sera. „Der Schatten muss die richtige Position haben, wenn Astraea – das Sternbild Jungfrau – aufgeht!“

Die Frau rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zu.

„Es ist jetzt!“, schrie Jasper, als er den Schattenpunkt auf der Uhr eine exakte Position erreichen sah.

Rory, ohne nachzudenken, stieß den Schlüssel im Uhrzeigersinn, genau in dem Moment, als der Schattenpunkt die exakte Markierung auf der Uhr erreichte.

Der Boden unter dem Brunnen begann zu beben. Die Steine der Brüstung verschoben sich mit einem quietschenden Geräusch. Ein kreisrunder Steinplatte im Boden des Brunnenschachts sank herab und gab den Blick auf eine tiefe, dunkle, gewundene Steintreppe frei. Die Zweite Kammer.

Die silberhaarige Frau stieß einen Schrei des Triumphs und der Wut aus, als sie zur Brunnenbrüstung sprang. „Dummköpfe! Ihr habt es geöffnet, aber ich werde es betreten!“

Jasper, Sera und Rory sprangen gleichzeitig in die Öffnung. Die Frau sprang hinterher.

Sie landeten hart auf einem kalten Steinboden. Jasper sah, wie der schwarze Eisenschlüssel und die Uhr in einem Spalt auf der Steintreppe verschwanden, als sie sich hinter ihnen mit einem grollenden Geräusch wieder schloss. Die Frau war ausgesperrt.

Die Kammer war nicht groß, aber überwältigend. Es war kein Verlies, sondern eine Sternwarte. In der Decke, die hoch und gewölbt war, befand sich ein riesiger, komplizierter Mechanismus aus dunklem Messing und geschliffenem Kristall, der das gesamte Universum im Kleinformat darstellte. Es war das Kosmische Archiv.

In der Mitte des Raumes stand ein einfacher Steinsarkophag, der nicht wie für einen Körper, sondern für ein Wissen gemacht war.

Auf dem Sarkophag lag ein einzelner Gegenstand: Lady Elara Vanes Tagebuch.

Sera hob es auf und blätterte hastig. Es war keine Todesgeschichte, sondern eine Warnung. Lady Vane war nicht verschwunden. Sie hatte die Kammer versiegelt, weil die Geheimnisse des Kosmischen Archivs nicht in die falschen Hände fallen durften – die Hände der „Schattenwächter“, wie die silberhaarige Frau.

Jasper sah auf den gewölbten Mechanismus an der Decke. Als sie die Kammer betraten, hatte sich etwas geändert. Eine Reihe von Messingringen begann, sich langsam zu drehen, und durch die Kristalle schien nun ein Licht, das nicht von außen kam, sondern aus der Kammer selbst.

„Was ist das?“, hauchte Rory.

Sera las mit zitternder Stimme aus dem Tagebuch: „Die Zweite Kammer ist der Auslöser. Einmal geöffnet, beginnt der Chronos-Zyklus.

Sie las die letzten Zeilen, die auf der Seite aufleuchteten, als das Licht des Mechanismus heller wurde: „Wenn die Kammer zum ersten Mal wieder atmet, wird das größte aller Geheimnisse offenbart: **Die Zeit selbst wird einen Augenblick lang stillstehen, und im Nexus des Archivs wird man erkennen, wie man die Muster des Schicksals verändern kann. Das ist das Erbe von Astraea.

Genau in diesem Moment hörten sie, wie die Steintür vor ihnen zerbrach. Die silberhaarige Frau hatte einen Weg gefunden, die Kammer aufzubrechen.

„Das Erbe!“, schrie sie triumphierend und rannte auf den Sarkophag zu.

Aber sie war zu spät.

Der Sternenmechanismus an der Decke drehte sich mit rasender Geschwindigkeit. Ein einziger, strahlender Lichtstrahl schoss aus dem Zentrum der Kristalle und traf Sera, die das Tagebuch in der Hand hielt.

In diesem Sekundenbruchteil erstarrte die Welt. Das Licht der Lampe der Frau gefror in der Luft. Die Staubpartikel schwebten unbeweglich. Die Frau selbst stand da, ihre Hand ausgestreckt, ihr Gesicht in einem Ausdruck gierigen Triumphes eingefroren.

Nur Jasper, Rory und Sera konnten sich bewegen. Sie waren im Auge des Chronos-Zyklus.

Jasper sah auf das Tagebuch. Sera sah auf den Mechanismus. Rory sah die erstarrte Jägerin.

„Wir müssen das Buch verbrennen“, sagte Sera mit fester Stimme, ihre Augen spiegelten das Licht der Sterne wider. „Wir können dieses Wissen nicht missbrauchen. Und sie darf es niemals bekommen.“

Rory nickte entschlossen. Er nahm einen Feuerstein und zündete die Ecke eines alten Tuchs an, das im Sarkophag lag.

Sie legten das Tagebuch auf den Sarkophag und entzündeten es. Die Seiten loderten auf, und als die Flammen das letzte geschriebene Wort erreichten, erlosch das Licht des Chronos-Zyklus.

Die Zeit setzte wieder ein.

Die silberhaarige Frau schoss ihren Arm vor, um nach dem Buch zu greifen. Doch sie fasste ins Leere. Nur ein Wirbel aus Asche stieg vor ihr auf.

Sie sank auf die Knie, ihr Blick war verzweifelt.

„Das war dein Erbe, Lady Vane“, flüsterte sie. „Und diese Kinder haben es vernichtet.“

Jasper, Rory und Sera stürmten aus der Kammer, die in sich zusammenzufallen begann, und nutzten die Verwirrung der Frau. Sie kletterten aus dem Brunnen, als das Herrenhaus Rabenklippe hinter ihnen mit einem tiefen, grollenden Seufzen in sich zusammenbrach.

Als sie im Morgengrauen durch die stillen Straßen von Drakensmoor schlichen, waren sie nicht nur Überlebende eines Abenteuers. Sie waren die Wächter eines zerstörten Geheimnisses.

Sie hatten den Kometenschlüssel, die Ebenholzuhr und den samtenen Karton verloren. Aber sie hatten das größte Geheimnis der Zeit selbst erlebt und es vor dem Zugriff einer gefährlichen Macht bewahrt. Sie wussten, dass sie das Schicksal von Drakensmoor und vielleicht der Welt für einen flüchtigen Augenblick selbst in der Hand gehalten hatten.

Ein Blick genügte. Das Abenteuer war vorbei, aber die Geschichte von Astraea – der Göttin der Sterne und der Gerechtigkeit – würde sie für immer in den Schatten von Drakensmoor verbinden. Ihr Leben würde nie wieder dasselbe sein. Sie waren nun die Wächter der Asche. Und sie wussten, dass die Zeit, obwohl sie unaufhaltsam tickte, manchmal bereit war, ihren Mustern zu folgen, wenn man nur wusste, wie man den richtigen Schlüssel dreht.

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