
Kapitel 1: Die eiserne Ernte
Der Nebel im Rheingau war kein gewöhnlicher Dunst. Er war eine schwere, feuchte Wand aus Kälte, die sich wie ein Leichentuch über die herbstlichen Rebhänge legte. Lukas Lauer drückte die Zigarette im überquellenden Aschenbecher seines alten Kombis aus und starrte durch die beschlagene Windschutzscheibe auf das schmiedeeiserne Tor des Weinguts von Edelstein.
Fünfzehn Jahre.
Fünfzehn Jahre, in denen er versucht hatte, den Geruch von nassem Schiefer und Elenas Parfüm aus seinem Gedächtnis zu brennen. Doch nun saß er hier, und das Schicksal lachte ihm hämisch ins Gesicht.
„Lauer? Kommen Sie endlich? Oder warten wir, bis der Verstorbene von selbst zur Vernehmung erscheint?“, ätzte Pia Korff neben ihm. Sie riss die Wagentür auf, noch bevor der Motor ganz verstummt war. „Gott, dieser Ort riecht nach Geldwäsche und schlechtem Gewissen. Wie hält man das hier aus, ohne depressiv zu werden?“
Lukas antwortete nicht. Er stieg aus, zog den Kragen seines Mantels hoch und folgte seiner Partnerin über den Kiesweg. Pia stapfte in ihren klobigen Doc Martens voran, ihr Blick wanderte misstrauisch über die perfekt gestutzten Hecken. „Ein Themenpark für Leute, die zu viel Erbschaftssteuer sparen wollen. Gruselig.“
Sie gingen direkt zum Abgang des historischen Weinkellers. Vor dem schweren Eichentor drängten sich die Honoratioren der Stadt. Polizeichef Schabe schwitzte trotz der Kälte, sein Gesicht hatte die Farbe von abgestandenem Grauburgunder.
Und da war sie. Elena. Sie stand unbeweglich im Schatten des Portals. Ihr Blick traf den von Lukas nur für eine Sekunde. Es war kein Gruß. Es war eine Warnung.
„Hauptkommissar Lauer“, stammelte Schabe. „Die Presse… wir müssen das diskret…“
„Diskretion ist was für Steuerhinterzieher, Schabe“, unterbrach Pia ihn mit einer Schärfe, die die Umstehenden zusammenzucken ließ. „Wir haben eine Leiche in einem Fass. Das ist kein Korkfehler, das ist ein Kapitalverbrechen. Machen Sie Platz.“
Sie stiegen die ausgetretenen Steinstufen hinab. Die Luft im Keller war dick, gesättigt von Feuchtigkeit und dem beißenden, metallischen Geruch von altem Tod. In der Mitte des Raumes stand das gewaltige „Jahrhundertfass“. Der Deckel war bereits gelockert.
„Aufmachen“, befahl Lukas.
Das Knarren des alten Holzes klang wie das Brechen von Knochen. Als der Deckel nachgab, floss kein Wein. Stattdessen schwappte eine zähe, sirupartige Flüssigkeit über den Rand – dunkelrot, fast schwarz, konzentriert durch Jahre der Verdunstung. Und dann tauchte er auf.
Der Körper war nicht verwest, er war mumifiziert. Die Gerbsäure des Weins hatte die Haut in dunkles Leder verwandelt, das sich eng über die Gesichtsknochen spannte. Der Mund war zu einem lautlosen Schrei geöffnet, die Zähne leuchteten unnatürlich weiß im Licht der Taschenlampen.
„Heilige Scheiße“, entfuhr es Pia. Sie trat einen Schritt vor, die Kamera bereits im Anschlag. Das Blitzlicht zuckte rhythmisch über die Szenerie. „Sehen Sie sich das an, Lauer. Das ist kein Unfall. Der Schädel ist hinten eingedrückt, als hätte jemand versucht, den Wein mit einem Vorschlaghammer zu verfeinern. Und das hier…“ Sie deutete mit dem behandschuhten Finger auf die knöcherne Hand, die aus der dunklen Brühe ragte.
An dem Finger steckte ein schwerer Siegelring. Das Gold war angelaufen, aber das Wappen der Edelsteins war klar erkennbar.
„Das ist Erik“, flüsterte Lukas. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen schwankte.
Pia schnaubte verächtlich und sah zu Elena hinüber, die im Hintergrund wie eine Statue stand. „Zehn Jahre lang hat die Familie erzählt, der feine Herr Sohn würde in Südamerika Caipirinhas schlürfen, während er hier unten im eigenen Saft mariniert wurde?“, sie drehte sich zu Lukas um, die Augen funkelnd vor Zorn. „Lauer, wenn das Ihre Freunde sind, dann brauchen Sie dringend ein neues Hobby. Das hier ist kein Ermittlungsfall, das ist eine Schlachterei.“
Lukas sah von dem Toten zu Elena. Er sah die nackte Angst in ihren Augen, doch Pia gab ihm keine Zeit für Mitleid.
„Hören Sie auf zu starren, Lauer!“, herrschte sie ihn an. „Sichern Sie den Bereich. Und fangen Sie an zu denken. Wer auch immer das getan hat, steht wahrscheinlich gerade oben im Hof und trinkt Sekt auf die gute alte Zeit.“
Kapitel 2: Echo der Schuld
Der Regen hatte sich in ein beständiges, hämmerndes Trommeln verwandelt, das gegen die hohen Fenster des Herrenhauses schlug. Lukas stand in der Bibliothek, einem Raum, der nach altem Leder, Bienenwachs und dem Hochmut vergangener Jahrhunderte roch.
Er hörte das leise Klicken der Tür hinter sich. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer es war. Ihr Schritt war immer noch derselbe – leicht, aber bestimmt, wie der Gang einer Frau, die gelernt hatte, auf dünnem Eis zu tanzen, ohne einzubrechen.
„Du hättest nicht zurückkommen dürfen, Lukas“, sagte Elena. Ihre Stimme war brüchig, weit entfernt von der eiskalten Maske, die sie unten im Keller getragen hatte.
Lukas drehte sich langsam um. Das Licht einer einzelnen Schreibtischlampe warf harte, unvorteilhafte Schatten auf ihr Gesicht. Sie sah erschöpft aus. „Ich hatte keine Wahl, Elena. Dein Bruder liegt in einem Weinfass, mariniert in seinem eigenen Erbe. Glaubst du wirklich, ich könnte da einfach wegschauen?“
Elena trat ins Licht. „Zehn Jahre lang haben wir geglaubt, er sei in Südamerika. Mein Vater hat monatlich Briefe bekommen. Postkarten aus Buenos Aires, Bogota, Rio…“
„Gefälscht“, stellte Lukas trocken fest. „Wer auch immer ihn dort unten versenkt hat, hat sich verdammt viel Mühe gegeben, die Illusion aufrechtzuerhalten. Wer hat die Postkarten geschrieben, Elena? Wer hatte Zugriff auf das Geld, das angeblich dorthin überwiesen wurde?“
Sie antwortete nicht. Sie trat zum Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit, wo die Blaulichter der Polizeiwagen die Weinberge in ein unnatürliches, rhythmisches Licht tauchten.
„Pia Korff glaubt nicht an Geister“, fuhr Lukas fort und trat einen Schritt näher. Er spürte den Duft ihres Parfüms – Sandelholz und etwas Bitteres, das er nicht zuordnen konnte. „Sie glaubt an Daten. Und sie wird dieses Haus Stein für Stein abtragen, bis sie die Wahrheit findet. Wenn du etwas weißt, sag es mir jetzt. Bevor sie dich in die Mangel nimmt.“
Elena wirbelte herum. Ihre Augen blitzten vor Zorn und Angst. „Was willst du hören? Dass ich froh bin, dass er weg war? Erik war ein Spieler, Lukas. Er hat das Geld der Familie verprasst, er hat sich mit den falschen Leuten eingelassen. Aber ich hätte ihn nie…“
„Ich weiß, was du hättest und was nicht“, unterbrach er sie. Sein Blick fiel auf den massiven Eichenschreibtisch. Dort, halb unter einer schweren silbernen Briefbeschwerer-Platte, lugte eine Ecke Papier hervor.
Lukas handelte instinktiv. Während Elena wieder zum Fenster sah, zog er das Papier hervor. Es war ein zerrissener Briefumschlag. Leer. Aber auf der Innenseite stand eine hastige Notiz in einer Handschrift, die er kannte. Eriks Handschrift.
„Das Blut der Erde lügt nicht. 12. August. Er weiß es.“
Lukas spürte, wie ihm die Luft wegblieb. Der 12. August war der Tag, an dem er vor fünfzehn Jahren fluchtartig Eltville verlassen hatte. Der Tag, an dem ihm jemand gesteckt hatte, dass Elena ihn nur benutzt hatte.
„Lukas?“, fragte Elena leise.
Er ließ den Umschlag in seiner Manteltasche verschwinden, bevor sie sich umdrehen konnte. „Ich muss gehen“, sagte er heiser. „Die Spurensicherung ist fertig.“
„Wirst du ihn finden?“, fragte sie ihm nach, als er bereits an der Tür stand.
Lukas hielt inne, die Hand fest um den Briefumschlag in seiner Tasche gepresst. „Ich werde ihn finden, Elena. Aber ich fürchte, wenn ich fertig bin, wird von deinem Imperium nichts mehr übrig sein.“
Draußen im Flur prallte er fast mit Pia zusammen. Sie sah aus, als hätte sie gerade ein fünfstöckiges Gebäude im Alleingang abgerissen. Ihr Tablet leuchtete aggressiv blau.
„Lauer, hören Sie auf, die Witwe zu trösten“, zischte sie. „Ich habe gerade die Kontobewegungen von Erik von Edelstein aus dem Jahr des Verschwindens gescannt. Wissen Sie, wer die monatlichen Überweisungen nach Südamerika autorisiert hat? Von einem verifizierten Treuhandkonto hier in Eltville?“
Lukas sah sie an, das Herz hämmerte gegen seine Rippen. „Wer?“
Pia grinste, aber es war ein freudloses, gefährliches Grinsen. „Ein gewisser Dr. Christian Weber. Ihr ‚guter alter Freund‘. Er hat den Toten zehn Jahre lang finanziell am Leben erhalten. Erklären Sie mir das mal bei einer Zigarette, Lauer. Und zwar schnell.“
In dieser angepassten Fassung von Kapitel 3 legen wir den Fokus stärker auf Lukas’ persönlichen Schock über die Boden-Verseuchung – denn für einen „Meenzer Jung“, der mit dem Wein aufgewachsen ist, ist die Vergiftung des Bodens fast so schlimm wie der Mord selbst. Zudem verschärfen wir die Spannung zwischen ihm und Pia.
Kapitel 3: Das Gift im Boden
Der Dienstwagen war eine fahrende Dunkelkammer, beleuchtet nur vom aggressiven Flimmern von Pias Laptop. Sie saßen am Rheinufer, den Blick auf die dunklen, vorbeiziehenden Massen des Flusses gerichtet. Der Regen peitschte gegen das Dach – ein Rhythmus wie von Trommelstöcken auf einem Sarg.
Lukas starrte hinaus auf die schwarzen Silhouetten der Weinberge. Für ihn waren diese Hänge immer heilig gewesen. Das Blut der Region. „Arsen?“, wiederholte er das Wort, als wäre es eine Beleidigung. „Du willst mir sagen, dass die Edelsteins seit Jahrzehnten Gift verkaufen?“
„Nicht im Wein, Lauer. Atmen Sie tief durch“, sagte Pia, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. Ihr Gesicht wirkte im blauen Licht fahl und scharfkantig. „Die Konzentration in den Trauben ist unter den Grenzwerten. Aber der Boden… der Boden ist Sondermüll. Dort stand vor achtzig Jahren eine Gerberei. Die Abfälle sind tief im Schiefer versickert. Wenn das Laborergebnis offiziell wird, darf dort kein Stock mehr stehen. Das Land wäre über Nacht wertlos. Eine ökologische Todeszone im Wert von Millionen.“
Lukas spürte eine Mischung aus Ekel und Zorn. Es war, als hätte man ihm gesagt, dass seine Kindheitserinnerungen auf einem Friedhof aus Giftmüll basierten. „Erik wollte das veröffentlichen? Er wollte sein eigenes Erbe vernichten?“
„Vielleicht wollte er einfach nur raus“, entgegnete Pia trocken. Sie tippte eine Tastenkombination und drehte den Bildschirm zu ihm. „Sehen Sie sich das an. Das sind nicht nur einfache Überweisungen. Das ist ein Kreislauf. Weber hat Geld von Eriks Privatkonto abgezogen, es gewaschen und dann als ‚zinslose Darlehen‘ zurück in das Weingut gepumpt. Er hat die Edelsteins finanziell am Leben erhalten – mit ihrem eigenen Blut. Und als Gegenleistung hat er das Schweigen über den Boden gekauft.“
Lukas holte den zerrissenen Umschlag aus seiner Tasche. „Das Blut der Erde lügt nicht. 12. August.“ Die Worte brannten sich in seine Netzhaut. Der 12. August war der Tag seiner Flucht. Erik wollte an diesem Tag auspacken. Er wollte alles niederbrennen: das Gut, die Tradition, die Lügen.
„Er wollte die Wahrheit ans Licht bringen“, flüsterte Lukas. „Und Weber hat ihn gestoppt. Nicht um das Weingut zu retten, sondern um seine Kontrolle über Elena zu behalten.“
Pia klappte den Laptop mit einem harten Knall zu. Die plötzliche Dunkelheit im Wagen war erstickend. „Weber ist kein Arzt, Lauer. Er ist ein Immobilienmakler des Todes. Er hat den Whistleblower entsorgt und das Geheimnis mit ihm im Fass versiegelt. Ein perfektes Verbrechen. Bis Sie heute Morgen den Deckel aufgemacht haben.“
Lukas startete den Motor. Die Reifen drehten auf dem nassen Kies durch, schleuderten Schlamm gegen die Ufermauer.
„Wo wollen Sie hin?“, fragte Pia und hielt sich am Armaturenbrett fest. „Wir brauchen einen Durchsuchungsbeschluss, wenn wir in die Praxis wollen.“
„Scheiß auf den Beschluss“, knurrte Lukas. Sein Blick war so hart wie der Stahl seiner Dienstwaffe. Er dachte an den vergifteten Boden und seinen ‚Freund‘, der ihm jahrelang lächelnd Wein eingeschenkt hatte. „Ich gehe privat hin. Als alter Freund, der ein paar Fragen zu seinem verrotteten Kaffee hat.“
Pia grinste schief, prüfte den Sitz ihrer Pistole im Holster und lehnte sich zurück. „Na endlich. Ich dachte schon, ich muss Sie den ganzen Abend mit Bodenrichtwerten langweilen. Geben Sie Gas, Lauer. Bevor der gute Doktor merkt, dass seine Diagnose heute ziemlich beschissen ausfällt.“
Kapitel 4: Diagnose Verrat
Die Praxis von Dr. Christian Weber war eine Oase der Sterilität inmitten der modrigen Weinseligkeit des Rheingaus. Weißer Marmor, gedämpftes Licht und das dezente Ticken einer Standuhr, die so präzise ging wie Webers Skalpell.
Lukas ließ Pia im Wagen warten. „Wenn ich in zehn Minuten nicht draußen bin, komm rein. Aber diskret. Keine Berliner Rambomanieren“, hatte er gesagt. Pia hatte nur die Augen verdreht und ihr Tablet entsperrt.
Als Lukas das Sprechzimmer betrat, saß Weber am Fenster und las in einem medizinischen Journal. Er sah auf und lächelte – jenes warme, vertrauenswürdige Lächeln, das Lukas seit seiner Kindheit kannte.
„Lukas. Du siehst blass aus“, sagte Weber und erhob sich. Er legte Lukas eine Hand auf die Schulter. Die Geste fühlte sich plötzlich schwer an, wie ein Bleimantel. „Setz dich. Ich habe gerade den Espresso fertig.“
Lukas setzte sich, aber er entspannte sich nicht. Er beobachtete Webers Hände, während dieser die Maschine bediente. Ruhige Hände. Hände, die Leben retteten. Oder Hände, die einen schweren Gegenstand präzise auf einen Hinterkopf niedersausen lassen konnten.
„Christian“, begann Lukas leise. „Wir haben die ersten Ergebnisse vom Fund im Keller. Es war Erik. Das wusstest du bereits, oder?“
Weber hielt inne, die Tasse in der Schwebe. Er drehte sich langsam um. „Lukas, wir sind alle schockiert. Dass er nie in Südamerika war… es ist eine Tragödie für Elena.“
„Hör auf damit“, unterbrach Lukas ihn scharf. Er knallte einen Ausdruck von Pias Kontenanalyse auf den Tisch. „Das Treuhandkonto. Die Überweisungen. Du hast Erik finanziell am Leben erhalten, während er im Fass verrottete. Warum?“
Weber stellte die Tasse ab. Das Klirren von Porzellan auf Glas klang wie ein kleiner Schuss. Sein Lächeln verschwand nicht, es veränderte sich nur – es wurde traurig, fast mitleidig.
„Ich habe das Weingut geschützt, Lukas. Die Edelsteins sind diese Region. Wenn herausgekommen wäre, dass Erik mit dem Geld der Familie abgehauen ist…“
„Er ist nicht abgehauen!“, herrschte Lukas ihn an. „Er wollte auspacken! Er hatte die Bodenproben, Christian. Er wusste von dem Arsen und den Gerbstoffen. Er wollte die ganze verfluchte Lügenburg der Edelsteins niederbrennen. Und du hast ihn zum Schweigen gebracht, um die Fassade zu retten. Und um Elena zu behalten.“
Weber schwieg für einen Moment. Das Ticken der Uhr schien lauter zu werden. Er trat einen Schritt näher an Lukas heran, seine Stimme wurde zu einem gefassten Flüstern.
„Glaubst du wirklich, die Wahrheit macht irgendjemanden glücklich? Wenn dieses Gift im Boden öffentlich wird, verlieren hunderte Menschen ihre Arbeit. Die Weinberge werden enteignet. Elena wäre am Ende. Ich habe eine Entscheidung getroffen, Lukas. Eine medizinische Entscheidung: Wir haben das kranke Glied entfernt, um den Körper zu retten.“
Lukas starrte ihn fassungslos an. „Das kranke Glied? Er war ihr Bruder!“
„Er war eine Zeitbombe“, zischte Weber. Plötzlich war die väterliche Maske ganz weg. Seine Augen brannten vor einem kalten, messianischen Eifer. „Du bist vor fünfzehn Jahren weggegangen, Lukas. Du hast sie im Stich gelassen. Ich war hier. Ich habe den Dreck weggeräumt. Ich habe sie geliebt, als du nur noch eine schlechte Erinnerung warst.“
Lukas wollte aufstehen, doch Weber drückte ihn mit überraschender Kraft zurück in den Sessel. „Geh zurück nach Mainz, Lukas. Gib den Fall ab. Schabe wird den Bericht so schreiben, dass es ein tragischer Unfall war. Ein Sturz ins Fass. Ein Geheimnis, das mit der Zeit verblasst. Tu es für Elena. Wenn du den Fall weiterverfolgst, zerstörst du sie mehr, als ich es je getan habe.“
Lukas sah seinen alten Freund an und sah zum ersten Mal das Monster hinter der weißen Schürze. „Du hast nicht nur Erik getötet, Christian. Du hast uns alle vergiftet. Schon vor fünfzehn Jahren.“
Er riss sich los und stürmte aus dem Zimmer. In seinem Kopf dröhnte nur ein Satz: Das Blut der Erde lügt nicht. Draußen am Wagen wartete Pia. Sie sah seinen Gesichtsausdruck und steckte das Tablet weg. „Und?“, fragte sie kurz angebunden.
„Er hat es geständet, ohne es zuzugeben“, sagte Lukas und griff nach dem Zündschlüssel. Seine Hände zitterten vor unterdrückter Wut. „Er glaubt, er ist der Gott dieses Tals. Er glaubt, er hat das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, solange das Etikett auf der Weinflasche sauber bleibt.“
„Willkommen in der Realität, Lauer“, sagte Pia und schnallte sich an. „Was machen wir jetzt?“
„Wir finden das Laborprotokoll“, sagte Lukas. „Und dann legen wir diesen Gott in Ketten.“
Kapitel 5: Kalter Entzug
Der Regen hatte aufgehört, aber die Kälte kroch nun von unten herauf, ein klammer Griff, der durch die Sohlen von Lukas’ Schuhen drang. Sie hatten sich in ein billiges Motel an der Bundesstraße zurückgezogen. Pia traute dem Polizeirevier in Eltville nicht mehr. „Schabe und Weber sind wie Pech und Schwefel“, hatte sie gemurrt. „Wer weiß, wie viele Mikrofone dort in den Wänden stecken.“
Pia saß auf dem Rand des durchgelegenen Bettes, der Laptop auf den Knien. Der Bildschirm zeigte eine komplexe Netzwerkkarte.
„Lauer, schauen Sie sich das an“, sagte sie, ohne den Blick abzuwenden. „Weber hat Eriks Daten nicht nur gelöscht. Er hat sie überschrieben. Aber er war nachlässig. Er hat das Cloud-Backup der Laborfirma vergessen.“
Lukas trat hinter sie. Er starrte auf die chemischen Symbole und die roten Markierungen auf der digitalen Karte der Weinberge.
„Hier“, Pia tippte auf den Bildschirm. „Das ist der Sektor ‚Höllenberg‘. Die Arsen-Konzentration im Erdreich ist dort zehnmal höher als überall sonst. Es ist kein Wunder, dass die Edelsteins dort den teuersten Wein produzieren – der Stress, dem die Reben durch das Gift ausgesetzt sind, macht die Trauben konzentrierter. Es ist ein makaberer Erfolg.“
Lukas spürte, wie ihm übel wurde. „Ein Erfolg, der auf Eriks Tod aufgebaut ist.“
„Nicht nur das“, Pia sah ihn nun direkt an. Ihre Augen waren schmal. „Ich habe Schabes Diensthandy getrackt. Er war in der letzten Stunde dreimal in der Nähe von Webers Praxis. Und raten Sie mal, wohin er jetzt unterwegs ist?“
Lukas sah auf das kleine, blinkende Signal auf Pias Karte. Es bewegte sich auf das Hotel zu. „Er weiß, wo wir sind.“
„Natürlich weiß er das. Er ist der Polizeichef, Lauer. Er kontrolliert die Kameras der Stadt.“ Pia klappte den Laptop zu und sprang auf. „Wir müssen hier raus. Weber spielt nicht mehr nach den Regeln der Höflichkeit. Er weiß, dass wir die Laborprotokolle haben. Wir sind jetzt das ‚kranke Glied‘, das er entfernen muss.“
Lukas griff nach seiner Jacke, doch in diesem Moment flackerte das Licht im Zimmer und erlosch. Die schwere Stille des Motelflurs wurde vom Geräusch schwerer Stiefel auf dem Teppichboden unterbrochen.
„Pia, ans Fenster!“, zischte Lukas. Er zog seine Dienstpistole und entsicherte sie mit einem leisen Klicken.
Draußen im Halbdunkel sah er die Umrisse eines Wagens ohne Kennzeichen. Weber war kein Amateur. Er ließ andere die schmutzige Arbeit machen, während er sich im Herrenhaus die Hände wusch.
„Wir können nicht einfach weglaufen, Lukas“, flüsterte Pia im Dunkeln. Ihr Atem ging schnell. „Wenn wir jetzt verschwinden, löscht er die restlichen Daten auf dem Hauptserver des Weinguts. Wir brauchen den physischen Zugang zum Archiv im Herrenhaus. Die Originale der Bodenproben-Berichte von 1940.“
Lukas sah zum Fenster hinaus. Er sah Schabe, der mit einer Taschenlampe bewaffnet auf ihr Zimmer zukam. Der Verrat war nun endgültig. Sein alter Vertrauter, der Mann, der ihn ausbildete, wollte ihn nun mundtot machen.
„Wir fahren zum Weingut“, sagte Lukas entschlossen. „Wenn Weber glaubt, er könne die Geschichte des Rheingaus mit Blut und Arsen umschreiben, dann werden wir heute Nacht die letzte Seite schreiben.“
„Ich fahre“, sagte Pia und schlüpfte an ihm vorbei zur Hintertür. „Sie sind zu emotional für Verfolgungsjagden, Lauer. Halten Sie einfach die Waffe bereit.“
Als sie durch die Hintertür in die kalte Nacht stürzten, peitschte der erste Schuss durch die Luft und zerschlug die Scheibe des Motelzimmers über ihnen. Der Krieg um den Rheingau hatte offiziell begonnen.
Kapitel 6: Die Nacht am Höllenberg
Der Motor des Kombis heulte auf, als Pia ihn über den nassen Asphalt der Landstraße peitschte. Hinter ihnen tanzten die Scheinwerfer von Schabes Geländewagen wie die Augen eines Raubtiers durch den Nebel.
„Er holt auf!“, rief Lukas und klammerte sich am Türgriff fest, während Pia den Wagen in eine enge Haarnadelkurve zwang, die direkt in die Weinberge hinaufführte.
„Nicht, wenn ich uns in die Zeilen jage!“, schrie Pia zurück. Sie riss das Lenkrad herum. Die Reifen frästen sich in den Schlamm eines schmalen Winzerpfads. Zweige von Rebstöcken peitschten gegen das Metall, ein Geräusch wie Hagelschauer.
Plötzlich erloschen hinter ihnen die Lichter. Schabe hatte die Scheinwerfer ausgeschaltet. Er kannte diese Wege blind. Er jagte sie jetzt nach Gehör und Instinkt.
„Hier raus! Los!“, befahl Lukas, als der Wagen in einer tiefen Schlammkuhle zum Stehen kam.
Sie stürzten aus dem Auto. Die Dunkelheit zwischen den Reben war absolut, nur unterbrochen vom fahlen Mondlicht, das durch die Wolkenfetzen drang. Der Geruch von nassem Schiefer und Moder war hier oben so intensiv, dass er Lukas fast die Kehle zuschnürte.
Sie rannten den Hang hinauf, die Lungen brannten. Oben an der alten Weinbergskapelle hielt Lukas an. Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Sein Blick fiel auf eine SMS, die gerade auf seinem Handy aufleuchtete. Eine unbekannte Nummer.
„12. August. Die Wahrheit liegt unter der dritten Zeile. Er hat dich nicht nur belogen, Lukas. Er hat dich zerstört.“
„Lauer, was ist das?“, zischte Pia und zog ihn hinter die bröckelnde Mauer der Kapelle.
Bevor er antworten konnte, zerriss ein Schuss die Stille. Ein Stück Sandstein über Lukas’ Kopf explodierte. Schabe war da. Er trat aus dem Nebel, die Dienstwaffe im Anschlag, das Gesicht eine verzerrte Maske aus Zorn und Verzweiflung.
„Du hättest in Mainz bleiben sollen, Lukas!“, brüllte Schabe. „Weber hat dir damals eine Chance gegeben. Er hat die Briefe gefälscht, die Elena angeblich an diesen Kerl in Frankfurt geschrieben hat. Er wollte, dass du gehst, damit er das Weingut retten kann! Er hat dich gerettet!“
Lukas erstarrte. Die Welt schien für einen Moment stillzustehen. „Die Briefe… die Beweise für ihren Verrat vor fünfzehn Jahren… das war Weber?“
„Natürlich!“, lachte Schabe hämisch. „Du warst ein Hindernis für die Stabilität der Edelsteins. Ein kleiner Polizist mit Idealen passt nicht in eine Dynastie, die auf Arsen gebaut ist.“
Lukas spürte, wie eine kalte, reine Wut in ihm aufstieg. Alles, was er in den letzten fünfzehn Jahren gefühlt hatte – der Schmerz, die Isolation, der Hass auf Elena – basierte auf einer sorgfältig konstruierten Lüge seines „besten Freundes“.
„Pia, jetzt!“, schrie Lukas.
Er warf sich nach vorn, während Pia aus dem Schatten der Kapelle heraustrat. Sie schoss nicht auf Schabe, sondern auf den schweren Transformator der Weinberg-Beleuchtung direkt über ihm. Ein Funkenregen ergoss sich über den korrupten Polizeichef, der geblendet zurückwich und im schlammigen Hang den Halt verlor.
Lukas war bei ihm, bevor Schabe seine Waffe wieder heben konnte. Mit einem gezielten Tritt beförderte er die Pistole in die Tiefe und drückte Schabe gegen einen Rebstock.
„Wo sind die Originalprotokolle, Rainer?“, presste Lukas hervor, den Lauf seiner Waffe gegen Schabes Kinn gedrückt. „Sag es mir, oder ich überlasse dich Pia. Und glaub mir, sie hat keine nostalgischen Gefühle für alte Kollegen.“
Schabe hustete Blut und Schlamm. „Im Safe… hinter dem Porträt des alten Edelstein. Im Arbeitszimmer. Aber ihr kommt nie rein. Weber ist bei ihr. Er wird es beenden, bevor ihr den Hof erreicht.“
Pia trat neben sie, ihr Gesicht ausdruckslos. Sie hielt ihr Handy hoch. „Ich habe alles aufgezeichnet, Schabe. Das Geständnis ist im Kasten.“ Sie sah zu Lukas. „Wir müssen zum Weingut. Jetzt. Elena ist mit einem Mörder allein.“
Kapitel 7: Das Blut der Erde
Das Herrenhaus der Edelsteins lag im fahlen Mondlicht da wie ein bleiches Grabmal. Kein einziges Licht brannte, doch das schwere Eichentor stand einen Spaltbreit offen – eine lautlose Einladung in den Abgrund.
Lukas und Pia näherten sich durch den Garten. „Ich gehe rein“, flüsterte Lukas. „Sichere die Rückseite. Wenn Weber versucht zu fliehen, stoppe ihn. Aber Pia… schieß erst, wenn es gar nicht anders geht.“
Pia sah ihn im Dunkeln an, ihr Gesicht eine Maske aus kühler Entschlossenheit. „Lauer, wenn er ein Skalpell an Elenas Kehle hält, diskutiere ich nicht über Paragraphen. Gehen Sie.“
Lukas schlich durch die Halle. Die Stille im Haus war so dicht, dass er seinen eigenen Herzschlag in den Ohren dröhnen hörte. Er stieg die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf. Die Tür war angelehnt. Ein Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit des Flurs.
Als er eintrat, sah er Elena. Sie saß starr in dem großen Ohrensessel, das Gesicht aschfahl. Hinter ihr stand Weber. Er hatte seine Jacke abgelegt, die Ärmel seines Hemdes waren ordentlich hochgekrempelt. In der rechten Hand hielt er ein schmales, glänzendes Obduktionsmesser.
„Du bist spät, Lukas“, sagte Weber ruhig, fast freundschaftlich. „Rainer war offenbar nicht so gründlich, wie er behauptet hat.“
„Es ist vorbei, Christian“, erwiderte Lukas und hob seine Dienstwaffe, die Mündung fest auf Webers Brust gerichtet. „Wir haben Schabe. Wir haben die Aufzeichnungen. Und wir wissen alles über das Arsen im Boden vom Höllenberg.“
Lukas trat einen Schritt vor und deutete mit der Waffe auf das Porträt des alten Edelstein an der Wand. „Hinter dem Bild ist der Safe. Dort liegen die Originalberichte von 1940. Die Beweise, dass du Erik getötet hast, um das Schweigen über den verseuchten Boden zu kaufen.“
Weber lachte leise, ein trockenes, freudloses Geräusch. „Du verstehst es immer noch nicht. Ich habe Erik nicht getötet, weil ich Angst vor dem Wertverlust hatte. Ich habe ihn getötet, weil er Elena das Einzige nehmen wollte, was ihr noch geblieben war: Stolz. Er wollte diesen Namen mit Dreck besudeln.“
Elena zitterte. „Du hast meinen Bruder im Keller versiegelt, Christian. Du hast mir zehn Jahre lang ins Gesicht gelogen, während du seine Briefe gefälscht hast.“
Weber legte ihr die freie Hand auf die Schulter. Die Geste war so besitzergreifend, dass Lukas den Abzug fingerte. „Ich habe dich beschützt, Elena! Wer war denn da, als dein Vater starb? Wer hat die Rechnungen bezahlt? Nicht dieser Polizist hier, der beim ersten anonymen Hinweis über deinen angeblichen Verrat weggerannt ist!“
Lukas spürte den Stich in seiner Brust. „Das warst du. Die Briefe vor fünfzehn Jahren… du hast mir erzählt, sie würde mich betrügen. Du hast uns beide manipuliert, damit du freie Bahn hast.“
„Und es hat funktioniert“, triumphierte Weber. „Du warst weg. Erik war weg. Ich war der einzige Pfeiler, auf dem dieses Haus noch ruhte.“
In diesem Moment klirrte unten eine Scheibe. Pia.
Weber zuckte zusammen, seine Konzentration wankte für eine Sekunde. Elena nutzte den Moment, rammte ihren Ellbogen in Webers Magen und warf sich aus dem Sessel. Weber taumelte zurück, das Messer blitzte auf, doch Lukas war schneller.
Er feuerte nicht. Er rannte auf Weber zu und rammte ihn mit seinem gesamten Körpergewicht gegen das massive Bücherregal. Schwere Lederbände stürzten auf sie herab. Lukas schlug Weber die Waffe aus der Hand und drückte ihn zu Boden, das Knie fest auf dessen Brustbein.
„Das Blut der Erde lügt nicht, Christian“, zischte Lukas direkt in sein Gesicht. „Aber du hast gelogen. Dein ganzes Leben ist eine Diagnose ohne Hoffnung auf Heilung.“
Pia stürmte ins Zimmer, die Waffe im Anschlag. Sie sah Lukas, der den am Boden liegenden Weber fixierte, und Elena, die schluchzend am Boden kauerte.
„Safe gesichert?“, fragte Pia kurz angebunden, während sie Weber die Handschellen anlegte.
Lukas sah zu Elena. Er sah den Schmerz in ihren Augen – den Schmerz über einen Bruder, den sie verloren hatte, und über ein Leben, das auf Gift und Lügen aufgebaut war.
„Die Beweise sind da“, sagte Lukas heiser. „Aber der Boden… der Boden ist immer noch vergiftet. Genau wie alles andere hier.“
Lukas trat zum Fenster. Draußen begann der Morgen über dem Rheingau zu grauen. Die Weinberge sahen friedlich aus, fast schon unschuldig. Doch er wusste nun, was unter der Oberfläche lauerte.
Kapitel 8: Die bittere Ernte (Epilog)
Zwei Wochen später war der Rheingau in ein tiefes, gleichgültiges Grau getaucht. Der Skandal um das Weingut von Edelstein war wie eine Flutwelle über das Tal hereingebrochen. Die Zeitungen titelten vom „Gift-Baron aus dem Weinfass“ und dem „Doktor des Todes“.
Lukas stand am Rheinufer in Eltville und beobachtete die braunen Wassermassen, die träge Richtung Mainz flossen. Sein Koffer stand bereits im Kofferraum des Wagens.
Hinter ihm knirschte der Kies. Elena trat neben ihn. Sie trug einen schlichten grauen Mantel, ihr Gesicht wirkte schmaler, aber die Starrheit der letzten Tage war gewichen.
„Die Behörden haben den Höllenberg gesperrt“, sagte sie leise, ohne Lukas anzusehen. „Sanierungskosten in Millionenhöhe. Die Banken haben die Kredite fällig gestellt. Das Weingut wird verkauft, Lukas. Alles. Das Haus, die Fässer, die Reben.“
„Es tut mir leid, Elena“, erwiderte Lukas. Und er meinte es ehrlich. „Aber du kannst kein Imperium auf einem Fundament aus Arsen und Lügen weiterführen. Es hätte dich irgendwann lebendig begraben.“
Elena lächelte schwach, ein trauriger Schatten ihrer Jugend. „Vielleicht bin ich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wirklich frei. Christian… er hat mir im Gefängnis einen Brief geschrieben. Er glaubt immer noch, er sei ein Märtyrer. Er versteht nicht, dass man Liebe nicht durch Erpressung und Mord erzwingen kann.“
Lukas griff in seine Tasche und holte den kleinen, goldenen Siegelring hervor, den er aus der Asservatenkammer mitgenommen hatte – mit Pias Hilfe, die „kurz weggesehen“ hatte. Er legte ihn Elena in die Hand.
„Für Eriks Grab“, sagte er. „Er wollte die Wahrheit. Jetzt hat er sie.“
Sie schloss die Hand fest um das Gold. „Was wird aus dir, Lukas? Gehst du zurück nach Mainz?“
„Pia hat mir einen Job in Berlin angeboten. Irgendetwas mit ‚analytischer Forensik‘. Sie sagt, ich sei zu sentimental für die Provinz, aber meine Intuition würde ihre Algorithmen ergänzen.“ Er lachte kurz auf. „Ich glaube, sie will mich nur in der Nähe haben, damit ich nicht wieder in nostalgische Depressionen verfalle.“
Elena sah ihn an, und für einen Moment war da wieder dieses Leuchten in ihren Augen, das er vor fünfzehn Jahren so geliebt hatte. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und küsste ihn flüchtig auf die Wange. Es roch nicht mehr nach dem schweren Parfüm der Edelsteins, sondern nach Regen und frischer Luft.
„Pass auf dich auf, Lukas Lauer“, flüsterte sie. „Und komm nicht erst in fünfzehn Jahren wieder.“
Lukas stieg in seinen Wagen. Als er die Landstraße entlangfuhr, sah er im Rückspiegel das Herrenhaus auf dem Hügel kleiner werden. Die Blaulichter waren verschwunden, die Absperrbänder der Polizei flatterten einsam im Wind.
Er wusste, dass der Boden im Rheingau noch lange brauchen würde, um das Gift loszuwerden. Aber für ihn war der 12. August endlich nur noch ein Datum im Kalender – und keine offene Wunde mehr.
Er schaltete das Radio ein, drückte aufs Gas und ließ die Weinberge hinter sich. Vor ihm lag die Autobahn, grau und offen, und irgendwo dahinter ein neues Kapitel.
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