
Prolog: Das Auge am Himmel
Der 4. Februar 2026 war ein Tag, an dem das Wetter in Willingen zwischen Postkartenidylle und arktischem Albtraum schwankte. Hoch oben auf dem Ettelsberg peitschte der Wind mit 80 km/h gegen die Glasfront des Hochheideturms.
Lukas, dessen Hände trotz der beheizten Handschuhe zitterten, steuerte seine Falcon-9-Drohne durch die tückischen Aufwinde. Er war kein gewöhnlicher Kameramann; er war ein Datenjäger. Sein Auftrag war es, für einen anonymen Whistleblower die Biometrie-Daten der Springer während der Flugphase abzugreifen. Doch was er im Sucher sah, war kein Sportler.
Es war Marc Holzer. Der mächtigste Mann im digitalen Wintersport stand am äußersten Rand des Schanzentisches der Mühlenkopfschanze. Er sprach hastig in sein Handgelenk, seine Gestik war verzweifelt. Plötzlich tauchte eine zweite Gestalt aus dem Schatten des Adlerhorsts auf. Ein kurzes Handgemenge, ein helles Aufleuchten – wie ein elektrischer Schlag – und Holzer kippte nach hinten.
Lukas hielt den Atem an. Die Drohne zeichnete alles in 8K auf. Das dumpfe Aufschlagen des Körpers im Auslauf 150 Meter tiefer wurde vom Geheul des Windes verschluckt. Lukas wusste: Wenn er jetzt nicht verschwand, wäre er der Nächste.
Kapitel 1: Die Ermittlerin zwischen den Welten
Hauptkommissarin Jana Wegner war eine Frau, die das alte Willingen liebte – das Willingen vor den Hologrammen und den selbstfahrenden Pistenbullys. Sie wohnte in einem umgebauten Bauernhaus in Usseln, fernab vom High-Tech-Trubel.
Als sie den Tatort erreichte, war die Spurensicherung bereits mit Laserscannern dabei, ein 3D-Modell des Sturzes zu erstellen. Marc Holzers Leiche wirkte im sterilen Licht der Flutwerfer wie eine zerbrochene Puppe.
„Jana, sieh dir das an“, sagte Mike, der leitende Techniker der Soko „Schanze“. Er hielt ein Tablet hoch. „Holzers Herzschrittmacher wurde von außen gehackt. Ein gezielter EMP-Stoß hat die Elektronik gegrillt. Das war kein Unfall und kein gewöhnlicher Mord. Das war eine Hinrichtung per Fernsteuerung.“
Jana spürte ein Kribbeln im Nacken. Willingen war im Ausnahmezustand. Zum Weltcup 2026 erwartete man Staatsgäste und die Elite des Silicon Valleys. Ein Mord an einem Tech-Milliardär war eine politische Zeitbombe.
Kapitel 2: Die Verschwörung im Strycktal
Janas Ermittlungen führten sie in die Katakomben der Schanze. Unter den Zuschauerrängen befand sich ein Rechenzentrum, das die „Smart-Jump“-KI steuerte. Dort traf sie auf Sarah Lindner, die Chef-Entwicklerin. Sarah war blass, ihre Augen gerötet.
„Marc wollte das Projekt ‚Ikarus‘ stoppen, Jana“, flüsterte Sarah in einem schalldichten Serverraum. „Was genau ist Ikarus?“, fragte Jana.
Sarah tippte auf eine Konsole. Ein Drahtgittermodell eines Skispringers erschien. „Wir können nicht nur die Weite messen. Wir können sie beeinflussen. Durch die Magnetresonanz in den neuen High-Tech-Anzügen können wir den Luftwiderstand digital verändern. Wer die Software kontrolliert, entscheidet, wer Gold gewinnt und wer im Krankenhaus landet. Marc hat herausgefunden, dass eine Wettmafia aus Singapur unsere Server infiltriert hat.“
Plötzlich flackerten die Lichter. Ein mechanisches Klicken ertönte – die Türen des Serverraums wurden verriegelt. „Sie haben uns gefunden“, sagte Sarah mit vor Angst versagender Stimme.
Kapitel 3: Flucht durch das dunkle Willingen
Jana fackelte nicht lange. Sie nutzte ihre Dienstwaffe, um das elektronische Schloss der Notluke zu sprengen. Gemeinsam mit Sarah flüchtete sie durch die Wartungsschächte der Schanze nach draußen in die schneidende Kälte des Strycktals.
„Wir müssen zu Lukas“, keuchte Sarah, während sie durch den Tiefschnee in Richtung der Willinger Glasmanufaktur stapften. „Er hat die Aufnahmen. Er ist die einzige Versicherung, die wir haben.“
Doch die Stadt war gegen sie. Überall hingen die neuen „Smart-City“-Kameras an den Laternenmasten. Janas Gesicht wurde sofort erkannt. Ihr Dienstwagen wurde per Remote-Befehl gesperrt. Sie waren zu Fuß, gejagt von einem unsichtbaren Algorithmus.
Sie suchten Unterschlupf in einem alten Stollen nahe des Besucherbergwerks Schiefergrube Christine. Hier, tief unter der Erde, gab es keinen Empfang. Keine Ortung. Nur die Stille der Geschichte.
„Hier unten hat mein Großvater gearbeitet“, sagte Jana und zündete eine alte Taschenlampe an. „Die KI kann uns hier nicht finden. Aber wir müssen zurück an die Oberfläche, bevor der Finaldurchgang morgen beginnt. Wenn die Wettmafia die Kontrolle übernimmt, wird es ein Blutbad geben.“
Kapitel 4: Showdown auf dem Skywalk
Der Morgen des Finales brach an. Willingen war in ein grelles Licht getaucht. Tausende Fans strömten zum Stadion. Jana und Sarah hatten sich als Sanitäter verkleidet zum Skywalk Willingen durchgeschlagen.
Lukas erwartete sie dort. Er wirkte völlig am Ende. „Sie haben meine Wohnung gestürmt“, sagte er und reichte Jana einen winzigen Datenstick. „Aber das hier konnten sie nicht löschen. Es zeigt den Mörder. Es war kein Unbekannter. Es war der Sicherheitschef des FIS-Verbandes selbst.“
In diesem Moment dröhnte eine Stimme über die Lautsprecher der Brücke. „Geben Sie den Stick auf, Kommissarin Wegner.“ Es war Erik Vogt, der ehemalige Skispringer, der nun für die Sicherheit verantwortlich war. Er trat aus dem Nebel am Ende der Hängebrücke. In der Hand hielt er eine modifizierte Signalpistole, die EMP-Ladungen verschoss.
„Ich mache das für den Sport, Jana!“, rief Erik. Die Brücke schwankte 100 Meter über dem Abgrund. „Wenn die Welt sieht, dass die Technik versagt, kehren wir zur Ehrlichkeit zurück. Holzer musste sterben, weil er das System abschalten wollte. Ich will es nur korrigieren!“
Jana blickte hinunter auf die Schanze. Der erste Springer saß bereits auf dem Balken. Wenn Erik jetzt den Störsender aktivierte, würde der Athlet wie ein Stein vom Himmel fallen.
„Du rettest nichts, Erik! Du bist nur eine Spielfigur für Leute, die viel mehr Geld haben als du!“, schrie Jana gegen den Wind an. Sie zog ihre Waffe, doch ihr Arm zitterte. Die Kälte und die Höhe forderten ihren Tribut.
Kapitel 5: Der Preis der Wahrheit
Es geschah alles in Millisekunden. Erik drückte ab. Doch Jana hatte nicht auf ihn gezielt, sondern auf den Relais-Masten der Brücke. Die Kugel zerfetzte die Hauptleitung, und ein Funkenregen ergoss sich über das Gitterrost.
Die Brücke vibrierte. Sarah nutzte die Ablenkung und stürzte sich auf Erik. In einem verzweifelten Ringen fielen beide gegen das Sicherheitsgeländer. Der Datenstick rutschte Jana aus der Hand und fiel in die Tiefe – direkt in den Neuschnee des Abhangs.
Erik wurde überwältigt, doch Sarah blieb am Boden liegen, getroffen von einem Querschläger. „Veröffentliche es…“, flüsterte sie, bevor sie das Bewusstsein verlor.
Jana blickte auf das Stadion. Der Springer landete sicher. Das Publikum tobte. Niemand wusste, wie knapp sie dem Tod entronnen waren.
Epilog: Ein kalter Frühling
Wochen später saß Jana in der Dorf Alm Willingen. Die Ermittlungen dauerten an. Erik Vogt schwieg. Der Datenstick wurde nie gefunden – er lag irgendwo tief vergraben im Permafrost der Mühlenkopfschanze, ein Geheimnis, das vielleicht erst in Jahrzehnten gelüftet werden würde.
Die KI-Systeme wurden offiziell als „sicher“ eingestuft, doch Jana wusste es besser. Jedes Mal, wenn sie nun eine Drohne am Himmel sah oder das Surren einer Kamera hörte, fragte sie sich, wer am anderen Ende der Leitung saß.
Willingen war im Jahr 2026 ein Ort der Superlative geblieben. Doch für Jana Wegner war der Glanz des Schnees für immer erloschen.
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