Das weiße Schweigen

Erleben Sie das weiße Schweigen durch Johannas Augen. Ein ungemütlicher Januarregen und ein Refugium im Wirtshaus erwarten Sie.

Es war exakt 14:30 Uhr, als Johanna die schwere Glastür des Benediktiner Wirtshauses am Dortmunder Friedensplatz aufstieß. Draußen peitschte ein ungemütlicher Januarregen über das weite Pflaster des Platzes, vorbei an den hohen Fahnenmasten, die im Wind klapperten. Durch das Glas der Tür konnte Johanna noch einen letzten Blick auf das graue Treiben am Stadthaus werfen, bevor sich die Wärme des Innenraums um sie legte.

Drinnen roch es nicht nach der Nostalgie vergangener Jahrzehnte. Es war ein ehrlicher, lebendiger Geruch: das Rösten von Kaffeebohnen, der herbe Duft von frisch gezapftem Bier und die würzige Note der Küche, die gerade Hochbetrieb hatte. Johanna steuerte ohne Umwege auf die hintere Ecke zu. Tisch 45.

Dieser Tisch war ihr Refugium. Er bot den perfekten Blickwinkel: Man konnte durch das Fenster die Umrisse des Alten Stadthauses sehen und gleichzeitig das Treiben im Schankraum beobachten, ohne selbst zur Schau gestellt zu werden. Sie legte ihre Tasche ab und holte das Objekt hervor, das seit Wochen wie ein stummer Richter über ihren Alltag herrschte: einen leeren, weißen Notizblock. Sein Einband aus schwarzem Leinen war makellos, die Seiten so weiß, dass sie das Licht der modernen Deckenlampen fast aggressiv zurückwarfen.

Eine Empfehlung des Hauses

Schon stand der Kellner an ihrem Tisch. Marc war ein junggebliebener Mann um die 50, mit wachen Augen und einer Gelassenheit in der Bewegung, die verriet, dass ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte. Er trug das weiße Hemd unter der dunklen Weste mit einer lässigen Eleganz.

„Schön, Sie wiederzusehen“, sagte er mit einem dezenten Kopfnicken. „Darf ich Ihnen heute unsere Tagesempfehlung ans Herz legen? Wir haben eine hervorragende Kalbsleber ‚Berliner Art‘ mit geschmorten Äpfeln und Zwiebeln. Ganz frisch.“

Johanna spürte für einen Moment den Impuls, ja zu sagen. Der Gedanke an etwas Herzhaftes, das sie innerlich wärmte, war verlockend. Doch dann fiel ihr Blick wieder auf den Block. Das Weiß war eine Aufgabe, die volle Konzentration forderte.

„Vielen Dank, aber heute nicht“, antwortete sie leise. „Ich nehme nur ein stilles Wasser und einen Espresso, bitte.“

Marc hob kurz eine Braue – nicht urteilend, eher mit einem wissenden Blick auf den leeren Block. „Sehr wohl. Der Wachmacher kommt sofort.“

Das Echo der Forderungen

Als er weg war, blieb Johanna allein mit dem „weißen Schweigen“. Ihr Smartphone vibrierte in der Manteltasche – ein aggressives Summen. Es war Lennart, ihr Agent aus Berlin. „Johanna, die Deadline war gestern. Der Verlag braucht Content. Urbane Melancholie oder was Greifbares? Meld dich.“

Das Wort Content fühlte sich wie eine Beleidigung an. Hier, am Friedensplatz, wirkte die Vorstellung, Emotionen für einen Algorithmus zu produzieren, absurd. Johanna umschloss die warme Espressotasse. Die Crema war perfekt, ein dunkler Kontrast zur Sterilität ihres Papiers.

„Wissen Sie“, sagte Marc, als er das Wasser servierte, „an Tisch 45 haben schon viele versucht, das Schweigen zu brechen. Er sieht aus wie ein Versteck, aber eigentlich ist er ein Resonanzkörper. Man hört hier vor allem das, was man in sich selbst unterdrückt.“

Johanna sah zu ihm auf. „Haben Sie es auch versucht?“

Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich wollte der nächste große Dramatiker werden. Aber ich habe den Fehler gemacht, zu viel Zeit mit Planen zu verbringen und zu wenig mit dem ersten Satz. Jetzt serviere ich die Geschichten nur noch.“ Er deutete auf ihr Handy. „Lassen Sie es leuchten. Schreiben Sie einfach das Erste, was wahr ist.“

Das Erbe aus Eisen und Tinte

Johannas Hand zitterte, als sie den Füller griff. Marcs Worte hatten eine Barriere eingerissen. Plötzlich war sie wieder zehn Jahre alt. Ihr Großvater hatte sie damals mit ins Wirtshaus genommen – es war sein erster Tag im Ruhestand nach vierzig Jahren unter Tage. Er saß genau hier, an Tisch 45. Er hatte geschwiegen, während er seine schwere Uhr auf den Tisch legte.

„Opa, warum sagst du nichts?“, hatte sie gefragt. „Weißt du, Johanna“, hatte er geantwortet, „unten in der Grube lernst du, dass Worte kostbar sind. Wenn du zu viel redest, verbrauchst du Sauerstoff. Aber wenn du oben bist, musst du jemanden finden, dem du deine Worte schenken kannst. Sonst ersticken sie dich.“

Der Durchbruch

Johanna blickte durch die Glastür nach draußen. Der Regen hatte nachgelassen. Ein fahler Lichtstrahl traf genau auf ihren Notizblock.

„Dienstag, 14:30 Uhr“, schrieb sie. „Der Friedensplatz trägt heute Grau. Im Benediktiner riecht es nach Kalbsleber und nach der Art von Sicherheit, die man nur findet, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.“

Die Worte kamen nun in Wellen. Sie schrieb über die Bergleute, über Marc, den Hüter der verlorenen Manuskripte, und über ihren Großvater. Sie schrieb über die Stadt Dortmund, die nach dem Krieg aus Trümmern und Stille wieder aufgebaut worden war. Jedes Mal, wenn sie ein Blatt umblätterte, fühlte es sich wie ein Sieg an.

Gegen 16:30 Uhr legte Johanna den Stift weg. Ihre Finger waren von Tinte gezeichnet, ihr Espresso eiskalt. Doch der Block war schwer geworden. Marc trat herbei und stellte ein winziges Glas Kräuterlikör vor sie hin – aufs Haus. „Ich glaube“, sagte er leise, „die Kalbsleber hätte Sie nur aufgehalten. Man muss hungrig bleiben, um die Wahrheit zu finden.“

Johanna zahlte und packte ihren Block ein. Als sie durch die Glastür wieder auf den Friedensplatz trat, spiegelten sich die Lichter des Stadthauses in den Pfützen. Das „weiße Schweigen“ war gebrochen. Sie hatte ihre Stimme im Echo der Stadt wiedergefunden.Epilog: Das Echo von Tisch 45

Drei Monate später war der Januarregen am Friedensplatz einem milden Aprilwind gewichen. Die Glastür des Benediktiner Wirtshauses stand einen Spalt weit offen, und das Licht der Nachmittagssonne tanzte auf den polierten Gläsern hinter der Theke.

Marc polierte gerade ein Tablett, als die Tür aufschwang. Er erkannte sie sofort, obwohl sie diesmal keinen schwarzen Mantel trug, sondern eine helle Leinenjacke. Johanna steuerte nicht auf Tisch 45 zu, sondern blieb direkt am Tresen stehen. Sie sah verändert aus – der gehetzte Blick in ihren Augen war einer ruhigen Entschlossenheit gewichen.

„Ich habe Ihnen etwas versprochen“, sagte sie und legte ein schmales, frisch gedrucktes Buch auf das dunkle Holz.

Auf dem Cover prangte in schlichten, tiefschwarzen Buchstaben der Titel: Das weiße Schweigen. Darunter, in kleinerer Schrift: Erzählungen vom Friedensplatz.

Marc legte das Poliertuch beiseite und schlug vorsichtig die erste Seite auf. Er hielt inne. Dort, in Johannas Handschrift, stand eine Widmung:

„Für Marc, der weiß, wann man hungrig bleiben muss. Und für Tisch 45, der die besten Geschichten bewahrt, bis sie jemand aufschreibt.“

„Es ist ein Bestseller geworden, nicht wahr?“, fragte Marc leise und fuhr mit dem Daumen über das Papier. „Lennart aus Berlin ist sicher zufrieden.“

Johanna lachte, und es klang frei. „Lennart hat eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass man ‚Content‘ nicht erzwingen kann. Aber am Ende mussten sie zugeben: Die Leute wollen keine künstliche Melancholie. Sie wollen das echte Dortmund. Sie wollen den Geruch von Kalbsleber, das Schweigen der Großväter und die Wahrheit eines Dienstagnachmittags.“

Sie bestellte diesmal kein stilles Wasser. „Heute hätte ich gerne die Kalbsleber, Marc. Und ein kühles Helles dazu. Ich glaube, ich habe heute genug Sauerstoff verbraucht.“

Marc grinste, hängte sich das Tuch über die Schulter und wies mit einer einladenden Geste in den Raum. „Tisch 45 ist frei, Johanna. Er hat schon auf Sie gewartet.“

Als sie sich setzte, schaute sie durch das Glas der Tür auf den Friedensplatz hinunter. Das weiße Schweigen war endgültig vorbei, doch sie wusste jetzt: Wann immer die Welt zu laut wurde, gab es hier einen Ort, an dem die Stille darauf wartete, in Tinte verwandelt zu werden.


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