
Kapitel 1: Die Vorbereitung des Wahnsinns
Sebastian war kein Mann der halben Sachen. Wenn er scheiterte, dann mit wehenden Fahnen und einem Feuerwerk der Peinlichkeit. Er war 32, arbeitete als Texter für eine Versicherung (Slogan: „Sicher ist sicher, außer man ist Sebastian“) und war seit zwei Jahren Single.
Das Date mit Elena war kein Zufall. Er hatte sie in einer Galerie für moderne Kunst kennengelernt, wo er versehentlich seinen Espresso über einen „unsichtbaren Stuhl“ (Wert: 4.500 Euro) verschüttet hatte. Anstatt ihn anzuzeigen, hatte sie gelacht. Und dieses Lachen war das Schönste, was er je gehört hatte.
„Heute wird alles anders“, sagte er zu seinem Spiegelbild. Er trug ein teures Leinenhemd, das er drei Stunden lang gebügelt hatte, bis es steif wie ein Brett war. Der geliehene „Gourmet-Meister 3000“ thronte auf der Arbeitsplatte wie ein außerirdisches Raumschiff.
Kapitel 2: Kalle und die philosophische Currywurst
Um 16:30 Uhr – Sebastian war gerade dabei, die Rote Bete für das Carpaccio zu massieren (laut Rezept steigerte das die Zellspannung) – polterte es an der Tür.
Kalle, der Nachbar, der eigentlich nur existierte, um Sebastian an seiner geistigen Gesundheit zweifeln zu lassen, stand im Flur. Er trug sein obligatorisches Unterhemd und hielt eine halbvolle Dose Paderborner in der Hand.
„Hör mal, Basti. Ich hab gesehen, wie der Lieferant den Fisch gebracht hat. Der glotzte mich so an. Der Fisch, nicht der Lieferant.“ „Kalle, ich hab keine Zeit. Elena kommt in zweieinhalb Stunden.“ „Frauen, Basti, sind wie Rohrbrüche“, sagte Kalle philosophisch und trat ungefragt in die Küche. „Wenn du zu viel Druck aufbaust, platzt die Leitung. Du versuchst hier ein Fünf-Sterne-Ding abzuziehen, aber dein Gesicht sagt ‚Ich brauche einen Defibrillator‘. Mach Currywurst. Das ist ehrlich. Das ist deutsch.“
Sebastian schob Kalle sanft aus der Küche, während er versuchte, die roten Flecken von der Tapete zu wischen. Er ahnte nicht, dass Kalle in einem unbeobachteten Moment die Temperatur des Ofens „nachjustiert“ hatte, weil er dachte, 200 Grad seien „was für Anfänger“.
Kapitel 3: Das Schokoladen-Massaker
Nachdem Kalle weg war, widmete sich Sebastian dem Dessert. Die Mousse au Chocolat mit Chili. Er wollte die Schärfe seiner Leidenschaft symbolisieren. Leider verwechselte er im Eifer des Gefechts den Teelöffel Cayenne-Pfeffer mit einem Esslöffel.
Dann kam der „Turbo-Modus“ des Gourmet-Meisters. Es war nicht nur das Geräusch eines startenden Jets. Es war das Geräusch einer Maschine, die beschlossen hatte, sich an der Menschheit zu rächen. Der Deckel flog ab, und eine braune, scharfe Masse schoss wie aus einer Schrotflinte durch den Raum.
Sebastian stand da, bedeckt mit Schokolade, die Augen brennend vom Chili, als es an der Tür klingelte. Elena. Sie war fünf Minuten zu früh. In der Welt des Datings ist das ein Kompliment, in der Welt von Sebastian war es das Todesurteil.
Kapitel 4: Der erste Eindruck (und der Geruch nach Meer)
Als Sebastian die Tür öffnete, hielt Elena einen Strauß Tulpen fest. Ihr Lächeln erstarrte. „Sebastian? Hast du… ein neues Hobby? Schlammcatchen?“ „Elena! Du bist… da. Das ist… nun ja, die Schokolade wollte nicht im Topf bleiben. Ein Akt der Rebellion.“
Elena trat vorsichtig ein und schnupperte. „Riecht es hier nach… Algen? Und verbranntem Gummi?“ „Das ist die Salzkruste! Ein uraltes Rezept aus der Bretagne. Sehr exklusiv.“
In Wahrheit hatte Kalles „Temperatur-Tuning“ dazu geführt, dass der Wolfsbarsch im Ofen bereits eine Konsistenz wie Lavagestein angenommen hatte. Während Sebastian versuchte, sich im Bad notdürftig zu reinigen (was nur dazu führte, dass sein Hemd jetzt braun-rosa gefleckt war), setzte sich Elena an den Tisch.
Kapitel 5: Der Weinkrampf und die Fisch-Explosion
Der Abend erreichte seinen ersten tragischen Höhepunkt, als Sebastian versuchte, den Wein zu entkorken. Er war so nervös, dass er den Korkenzieher schräg ansetzte. Der Korken zerbröselte und fiel in die 60-Euro-Flasche Barolo.
„Macht nichts“, sagte Elena tapfer. „Ich mag es, wenn der Wein eine… Textur hat.“
Dann kam der Fisch. Sebastian servierte den grauen Salzblock auf seinem besten Porzellan. Er nahm Hammer und Meißel (wirklich, er hatte einen kleinen Hammer aus dem Werkzeugkasten geholt), um die Kruste zu knacken. „Vorsicht ist das Gebot der St…“ – KNACK!
Das Porzellan zersprang. Der Salzblock teilte sich wie das Rote Meer, und ein Schwall heißer, fischiger Flüssigkeit ergoss sich über Sebastians Schoß. Er sprang auf, schrie wie ein abgestochenes Ferkel und riss dabei das Tischtuch mit. Gläser klirrten, Wein floss, und der Wolfsbarsch rutschte wie eine schmierige Seife über den Dielenboden direkt vor die Füße von Elena.
Kapitel 6: Die nackte Wahrheit (und ein unerwarteter Gast)
Es war totenstill. Nur das ferne Geräusch von Kalles Fernseher war zu hören. Sebastian stand da, mit einer nassen Hose, einem Schoko-Gesicht und einem zertrümmerten Abendessen. Er wollte weinen. Er wollte in den Erdboden versinken.
Doch Elena tat etwas Unerwartetes. Sie fing an zu kichern. Dann zu lachen. Dann schüttelte sie sich vor Lachen, bis ihr die Tränen kamen. „Das ist…“, prustete sie, „…das absolut großartigste Desaster, das ich je erlebt habe! Sebastian, du hast den Fisch hingerichtet!“
Plötzlich ging die Tür auf. Kalle stand im Rahmen, mit zwei Currywürsten in Alufolie. „Hab das Scheppern gehört. Dachte mir, der Fisch hat gewonnen. Hier, hab euch was vom Imbiss geholt. ‚Scharfe Schantalle‘, Stufe 4. Das brennt zweimal, sag ich euch!“
Kapitel 7: Pizza, Paderborner und wahre Liebe
Elena nahm die Currywurst dankend an. Kalle lieh Sebastian eine seiner alten Jogginghosen (Größe XXL, mit einem Logo der Fußball-WM 1990).
So saßen sie da: Die elegante Artdirektorin im Designer-Kleid und der Versicherungstexter in Kalles Schlafanzug-Hose, auf dem Boden der verwüsteten Küche, und aßen Currywurst mit Plastikgabeln.
„Weißt du“, sagte Elena und wischte sich Currysoße vom Mundwinkel, „jeder versucht beim ersten Date, perfekt zu sein. Aber Perfektion ist langweilig. Wer den Mut hat, eine Mousse au Chocolat an die Decke zu jagen, nur um mich zu beeindrucken… der ist entweder wahnsinnig oder er meint es ernst.“
„Ich glaube, ich bin beides“, gab Sebastian zu und prostete ihr mit einer Dose Paderborner zu, die Kalle „als Friedensangebot“ da gelassen hatte.
Kapitel 8: Der Morgen danach
Als Elena drei Stunden später ging, gab sie Sebastian keinen höflichen Händedruck. Sie gab ihm einen Kuss – mitten auf die Wange, genau dort, wo noch ein kleiner Rest Schokolade klebte.
„Nächstes Mal koche ich“, flüsterte sie. „Und wir bestellen einfach direkt Pizza.“
Sebastian schloss die Tür, lehnte sich dagegen und sah hoch zur Zimmerdecke. Ein Tropfen Mousse au Chocolat fiel herab und landete genau auf seiner Nase. Er lächelte. Das war das beste Date seines Lebens.