Der Nebelmann von Krähenbrück

Der Nebelmann von Krähenbrück

I. Die kalte Umarmung des Morgens

Der Tag in Krähenbrück begann nicht mit Licht, sondern mit einer tieferen Stille. Es war der 31. Oktober, und die Welt war in ein nasses, schweres Graubraun getaucht. Der Regen, der die ganze Nacht über unerbittlich auf die alten Schieferdächer getrommelt hatte, war zu einem feinen, beharrlichen Sprühregen übergegangen. Doch das Schlimmste war der Nebel. Er kroch aus den feuchten Wiesen, stieg aus dem eiskalten Moor empor und fraß die Konturen der Welt auf.

Kriminalhauptkommissar Elias Vögtlin zog den Kragen seines Trenchcoats höher und atmete die modrige, nach feuchter Erde und zerfallendem Laub riechende Luft ein. Selbst die gedämpften Scheinwerfer seines Dienstwagens konnten die Dunkelheit kaum durchdringen. Die alte Landstraße, die zum Anwesen der Familie Stern führte, war gesäumt von kahl gefegten Eichen, deren Äste wie knochige Finger in den grauen Himmel ragten.

Vögtlin war ein Mann, dessen Seele die Farbe des Novemberhimmels angenommen hatte. Er war Anfang 50, mit wettergegerbtem Gesicht, dessen harte Linien die Spuren zahlloser schlafloser Nächte verrieten. Sein Partner, der junge und noch zu optimistische Oberkommissar Benno Krell, hielt hinter dem Steuer inne.

„Wir sind da, Chef“, sagte Krell und wischte mit dem Ärmel über die beschlagene Seitenscheibe. „Der Nebel ist dicht wie Milch.“

„Milch, die nach Verzweiflung schmeckt, Krell“, knurrte Vögtlin. Er kannte Krähenbrück. Eine vergessene Siedlung am Rande des Hochmoors, in der die Legenden dichter waren als die Menschen.

Das Anwesen, eine herrschaftliche Villa aus dem späten 19. Jahrhundert, schälte sich langsam aus dem Nebel. Es war ein architektonischer Albtraum aus dunklem Backstein und spitzen Giebeln, die wie Drohgebärden wirkten. Eine gelbliche Lichtsäule des mobilen Flutlichts der Spurensicherung durchstieß die Dunkelheit vor der Tür.

Die Nachricht, die sie hierhergeführt hatte, war kurz und erschreckend: Mord.

II. Das Opfer und die Inszenierung

Drinnen herrschte eine künstliche Hektik, die den stillen Schrecken des Ortes nicht vertreiben konnte. Der Geruch von feuchtem Stein, altem Holz und – subtil, doch unverkennbar – Blut hing in der Luft.

Das Opfer, Elias Stern, der Patriarch der Familie und Besitzer einer mittelständischen Textilfabrik, lag im Zentrum seiner Bibliothek. Es war ein Raum, der Luxus und pedantische Ordnung ausstrahlte, mit raumhohen Bücherregalen, in denen Tausende gebundener Geschichten ruhten. Doch die jüngste Geschichte, die hier geschrieben wurde, war blutig.

Elias Stern lag ausgestreckt auf dem orientalischen Teppich, ein einzelnes, chirurgisch präzises Stichwunde in der Brust. Um ihn herum war nichts umgeworfen, nichts zerstört. Es gab keinen Kampf. Der Killer musste ihn gekannt haben, oder Stern war so überrascht worden, dass er keine Gegenwehr leisten konnte.

„Kein Einbruch“, informierte Krell, der die erste Begutachtung des Tatorts leitete. „Alle Fenster und Türen verschlossen. Das Überwachungssystem war – Überraschung – abgeschaltet.“

Vögtlin trat näher. Er ignorierte die Fotografen und die leisen Befehle der Spurensicherer. Sein Blick fixierte nicht das Opfer, sondern das Ensemble.

Auf dem Schreibtisch, direkt neben Sterns Tagebuch, lag ein einziges, sorgfältig platziertes Objekt: eine Feder. Sie war tiefschwarz, glatt und sah nicht nach der Feder eines gewöhnlichen Vogels aus.

Vögtlin beugte sich hinunter. „Sehen Sie sich das an, Krell. Die Inszenierung.“

Auf dem polierten Mahagoni-Schreibtisch, genau unter der schwarzen Feder, lag ein offenes Buch. Es war ein seltener Band über regionale Mythologie und Sagen. Die aufgeschlagene Seite war markiert. Der Text handelte vom „Krähenmann“ – einer alten Moorlegende aus Krähenbrück: Ein Geist, der in den tiefsten Nebeln des Herbstes umherstreift und die Seelen jener holt, die sich an anderen vergangen haben.

„Ein theatralischer Killer“, murmelte Krell.

„Nein“, korrigierte Vögtlin. „Ein Killer, der eine Nachricht hinterlassen will. Das ist kein Zufall, Krell. Der Mörder will, dass wir glauben, er sei eine Legende. Das ist ein Spiel.“

III. Die Familie im Grauen

Die Witwe, Isabelle Stern, wurde in einem Salon im ersten Stock befragt. Eine Frau von kühler Eleganz, deren sorgfältig kontrolliertes Äußeres nun bröckelte. Sie saß da, umgeben von Plüschsesseln und schweren Samtvorhängen, die das trübe Licht fernhielten, und zitterte kaum merklich.

„Ich habe nichts gehört“, sagte sie mit einer Stimme, die von Schock gedämpft war. „Ich nehme in den Herbstmonaten Schlaftabletten. Der Regen, der Nebel, die Dunkelheit – es macht mich fertig.“

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen, Frau Stern?“

„Gestern Abend. Er arbeitete in der Bibliothek. Die Fabrik macht ihm Sorgen. Er hatte Probleme mit… ich weiß nicht genau. Geschäften in Übersee. Er sagte nur, er müsse eine schwierige Entscheidung treffen.“

Vögtlin wechselte das Thema. „Kennen Sie Feinde, Frau Stern? Geschäftliche oder private Streitigkeiten?“

Sie zögerte. „Mein Mann… er war kein einfacher Mann. Er war ehrgeizig. Vor Jahren gab es einen unschönen Vorfall in der Fabrik. Ein Mitarbeiter wurde entlassen, nachdem mein Mann ihm vorgeworfen hatte, Firmendaten gestohlen zu haben. Der Mann, Thomas Helmer, schwor Rache. Mein Mann hat es nie ernst genommen, aber ich…“

„Wo ist Helmer heute?“, fragte Vögtlin.

„Das weiß ich nicht. Er verschwand vor etwa einem Jahr aus der Gegend.“

Die zweite Person im Haus war der Sohn, Julian Stern. Ein blasser, schmaler Mann Ende zwanzig, der das schwarze Schaf der Familie zu sein schien. Er hatte sich in der Nacht im Gästezimmer aufgehalten.

„Ich war von der Party meiner Freunde total erledigt“, erklärte Julian und zuckte mit den Schultern. Er trug einen Bademantel über einem zerrissenen T-Shirt. „Ich kam nach drei Uhr morgens nach Hause. Bin direkt hoch. Mein Vater und ich… wir hatten kaum Kontakt.“

„Hatten Sie Schulden, Herr Stern? Hatten Sie Ihren Vater um Geld gebeten?“

Julians Augen huschten zur Seite. „Ich hatte meine Probleme. Aber er hätte mich nie erpresst. Er warf mich eher hinaus, als mir zu helfen.“

IV. Der verborgene Korridor

Die Ermittlungen gerieten in den nächsten Stunden ins Stocken. Das Alibi der Witwe war durch ihre Schlaftabletten schwer zu widerlegen, und der Sohn schien zu selbstbezogen, um einen Mord zu planen, der über einen spontanen Wutausbruch hinausging. Thomas Helmer, der entlassene Mitarbeiter, war unauffindbar.

Vögtlin kehrte in die Bibliothek zurück. Er ignorierte die Spurensicherer, die nun unter der sengenden Helle ihrer Lampen nach Faserspuren und Fingerabdrücken suchten.

Er blickte auf das Regal. Der alte Mythologie-Band lag immer noch da. Der „Krähenmann“ war kein Geist, der einfach tötete. Er holte die, die ein dunkles Geheimnis in sich trugen.

Vögtlin ging zum Schreibtisch, öffnete das Tagebuch von Elias Stern und blätterte durch die letzten Einträge. Nichts als Geschäftszahlen und Termine. Bis zur vorletzten Seite:

„Der K. hat angerufen. Die Forderung ist absurd. Er droht, alles auffliegen zu lassen. Ich kann nicht zulassen, dass sie die Wahrheit über ’98 erfahren.“

„Krell!“, rief Vögtlin. „’98. Was geschah 1998 in Krähenbrück?“

Krell, der am Tatort Notizen machte, sah auf. „Das muss ich nachsehen. Aber ’98… das ist lange her, Chef.“

Vögtlin trat vom Schreibtisch zurück und betrachtete die Bücherregale. Die Bücher in diesem Regal waren alle makellos. Er strich über den Buchrücken des Bandes direkt neben der Mythologie. Es fühlte sich… anders an.

Er zog das Buch heraus. Es kam ihm leicht vor, zu leicht. Es war eine Attrappe.

Hinter dem hohlen Buchrücken verbarg sich ein kleiner Knopf. Vögtlin drückte ihn. Mit einem leisen Klick fuhr ein Teil des Bücherregals auf, enthüllte einen schmalen, dunklen Korridor, der in die Tiefe des Hauses führte.

Der Weg war kalt und roch noch modriger als das Moor draußen. Die Luft war feucht und unbewegt. Sie schalteten die Taschenlampen ein und betraten den Geheimgang.

Der Korridor führte zu einem kleinen, feuchten Kellerraum. Hier gab es keine Bücher, sondern eine provisorische Werkbank und einen Aktenschrank. Auf der Werkbank lag etwas, das Vögtlin frösteln ließ: Werkzeuge zur Herstellung von Federn aus dunklem, gehärtetem Harz. Daneben lag eine kleine, unfertige schwarze Feder.

Der Täter war nicht der Nebelmann. Er hatte die Feder nur am Tatort platziert, sie aber hier hergestellt.

Im Aktenschrank fanden sie, was Stern so verzweifelt versteckt hatte. Ein alter Polizeibericht, datiert auf den November 1998.

Unfallbericht: Todesfall durch Ertrinken im Krähenmoos. Opfer: Katharina Helmer, 17 Jahre alt, Tochter des Fabrikarbeiters Thomas Helmer. Ursache: Alkoholkonsum und Ausrutschen an der Moorbank. Der Fahrer des zweiten beteiligten Fahrzeugs, Elias Stern, wurde freigesprochen, da er angab, den Vorfall nicht bemerkt zu haben.

Es gab eine handschriftliche Notiz am unteren Rand des Berichts, die in einer geschwungenen, vertrauten Schrift verfasst war: „Elias war dabei. Er hat sie betrunken gemacht und ist dann davongefahren, um sich selbst zu retten. Sie ist seinetwegen gestorben. Ich habe es vertuscht, um die Familie zu schützen.“

Die Schrift gehörte Isabelle Stern.

V. Die Auflösung im Nebel

Vögtlin und Krell stürmten zurück in den Salon. Isabelle Stern saß immer noch dort, mit der gleichen kühlen Beherrschung.

„Sie wussten, dass Thomas Helmer unschuldige Familienmitglieder hatte“, begann Vögtlin, seine Stimme war tief und fest. „Die Tochter, Katharina. 1998. Elias war in den Unfall verwickelt, aber Sie haben es vertuscht, um seinen Ruf zu schützen.“

Isabelle Stern schwieg. Ihre Augen waren wie dunkle Glassteine.

„Elias Stern wurde in letzter Zeit von jemandem erpresst, der drohte, die Wahrheit über Katharina Helmers Tod aufzudecken. Er nannte ihn nur den ’K.’ in seinem Tagebuch. Elias hat die Legende benutzt, um seine Schuld zu verschleiern und seine Feinde abzuschrecken.“

„Ich habe seine Notizen gesehen“, sagte Krell. „Er benutzte eine Chiffre. K. ist der dreizehnte Buchstabe des Alphabets. Dreizehn. Die Unglückszahl.“

Vögtlin blickte Isabelle Stern an. „Der Krähenmann. Die Katharina. Der Tod im Moor. Es war Thomas Helmer. Er kam zurück, um Rache zu üben. Ist das die Geschichte, Frau Stern?“

„Nein“, hauchte sie. Zum ersten Mal brach ihre Fassung. Eine einzelne Träne bahnte sich einen Weg durch ihr sorgfältig geschminktes Gesicht. „Es ist nicht Thomas Helmer.“

Sie sah Vögtlin direkt an, ihr Blick war nun voller schrecklicher Wahrheit. „Der Mörder war der K., aber es war nicht Thomas. Es war Julian. Mein eigener Sohn.“

Krell stieß die Luft aus.

„Julian litt schon immer unter seinem Vater. Der Druck, die Missachtung. Als Elias in der vergangenen Woche Julian beim Schnüffeln in der Bibliothek erwischte, erzählte er ihm die ganze Geschichte. Von Katharina, von der Vertuschung, von seiner eigenen Feigheit. Er sagte, er hätte alles für die Fabrik und das Ansehen getan.“

Isabelle Stern klammerte sich an die Armlehne des Sessels. „Julian hat die Notiz im Tagebuch gefunden, die ich vor 25 Jahren geschrieben hatte. Er verstand, dass sein Vater nicht nur ein schlechter Ehemann und Vater war, sondern ein Mörder. Er sah ihn als Monster an, das alles zerstört, was es berührt.“

„Und die Drohungen? Die Erpressung?“, fragte Vögtlin.

„Das war Elias selbst. Er hatte die Notizen in sein Tagebuch geschrieben, um Julian unter Druck zu setzen und ihm die Verantwortung zuzuschieben, falls etwas passierte. Er wollte ihm angst machen, damit er aufhörte, nachzuforschen.“

„Die Feder“, schloss Vögtlin. „Julian wollte, dass es aussah wie ein Mord aus alter Legende, damit der Verdacht nicht auf die Familie fällt. Er wollte, dass sein Vater als Opfer der Geschichte, nicht als Opfer seines eigenen Sohnes in die Geschichte eingeht.“

In diesem Moment brach Krells Funkgerät auf dem Tisch. Ein uniformierter Polizist meldete sich mit heiserer Stimme. „Kommissar! Wir haben ihn! Julian Stern, er ist in den alten Schuppen am Moor gelaufen. Er… er hat ein Messer. Er redet davon, den Nebelmann zu treffen.“

VI. Das Ende der Legende

Vögtlin und Krell rasten durch den Garten. Der Nebel hatte sich nun so verdichtet, dass die Welt nur noch aus feuchten, schwebenden Graustufen bestand. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb den Sprühregen waagerecht vor sich her.

Der Schuppen war eine verfallene Bretterbude, kaum mehr als eine Silhouette am Rand des Krähenmooses.

Sie fanden Julian im Inneren. Er kauerte in einer Ecke, das Gesicht von Tränen und Matsch verschmiert, ein Jagdmesser krampfhaft in der Hand.

„Er hat es mir gesagt!“, keuchte Julian, seine Augen waren panisch. „Er sagte, ich sei schwach! Er hat Katharina getötet und es vertuscht! Der Nebelmann kommt für alle, die schuldig sind! Er kommt jetzt auch für mich!“

Vögtlin trat langsam, vorsichtig vor. „Der Nebelmann ist eine Legende, Julian. Und Sie sind kein Geist, Sie sind ein Mensch. Sie haben Ihren Vater getötet, weil er ein schrecklicher Mensch war. Aber das macht Sie nicht zu einem Monster.“

Julian starrte auf das Messer, dann auf den undurchdringlichen Nebel draußen. Er sah nicht das Moor, er sah die Leere.

„Er hat mich dazu gebracht“, flüsterte er. „Er hat mich dazu gemacht.“

Vögtlin sah ihm in die Augen, dann nickte er Krell zu.

„Wir gehen jetzt hier raus, Julian“, sagte Vögtlin ruhig. „Der Nebelmann ist gegangen. Er hat uns seine Geschichte erzählt, aber die wahre Geschichte ist zu Ende. Es ist vorbei.“

Mit einem leisen Wimmern ließ Julian das Messer fallen. Es klirrte auf den feuchten Betonboden. Krell trat vor und legte ihm behutsam Handschellen an.

Als Vögtlin aus dem Schuppen trat, schloss er die Augen und atmete tief durch. Der Geruch von feuchtem Laub, Moder und Moor hatte sich nicht verändert. Nur die Dunkelheit schien ein wenig aufgeklart zu sein.

Der Nebel hatte Krähenbrück in seine kalte, feuchte Umarmung genommen, aber die Wahrheit hatte sich ihren Weg gebahnt. Es gab keinen Nebelmann. Es gab nur Menschen, die von den Schatten ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt wurden. Und das war oft furchteinflößender als jede Legende.

Er drehte sich zu Krell und dem abführenden Einsatzwagen um, dessen Rücklichter im Nebel verschwammen.

„Wir fahren zurück, Krell“, sagte Vögtlin. „Dieser Nebel wird sich nicht lichten, bevor wir nicht fertig sind.“

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