Das Geheimnis der leuchtenden Kürbisse

Worttaenzer.de - Das Geheimnis der leuchtenden Kürbisse

Es war der letzte, nebelverhangene Abend im Oktober. Die Luft roch nach feuchtem Laub und ferngesteuerten Räucherstäbchen. Im kleinen Städtchen Rabenhorst, wo die Häuser enger beieinanderstanden als die Zähne einer alten Hexe, bereiteten sich alle auf die große Halloween-Nacht vor.

Mittendrin waren Elias (10), ein mutiger Junge mit einer Vorliebe für Abenteuer, und seine kleine Schwester, die 8-jährige Mia, die meistens Angst hatte, aber das nie zugeben würde. Ihre Kostüme waren dieses Jahr besonders gelungen: Elias war ein furchteinflößender Vampir, Mia eine glitzernde Weltraumhexe mit einem Besen, der seltsam nach Zuckerwatte roch.

„Bist du sicher, dass wir zum Gruselhaus müssen, Elias?“, flüsterte Mia, während sie ihre Taschenlampe nervös auf einen besonders schief geschnitzten Kürbis richtete.

Elias grinste, seine Vampirzähne blitzten im Schein der Straßenlaterne. „Aber natürlich! Das ist der Höhepunkt von Halloween! Außerdem hat Herr Grimsby dieses Jahr die größte Süßigkeitenschüssel der ganzen Stadt. Und ich habe gehört…“, er senkte die Stimme dramatisch, „…dass dort ein echtes Geheimnis verborgen ist!“

Das „Gruselhaus“ war ein altes, windschiefes Herrenhaus am Rande des Waldes, bewohnt von dem kauzigen Herrn Grimsby. Man sagte, er würde nur einmal im Jahr die Tür öffnen – eben an Halloween.

Die Kinder zogen von Haus zu Haus, sammelten Berge von Süßigkeiten, doch Elias‘ Blick war stets auf den Weg gerichtet, der zum Gruselhaus führte. Schließlich standen sie am Fuß des Hügels.

Das Gruselhaus erhob sich gespenstisch vor dem dunkelgrauen Himmel. Die Bäume ringsum sahen aus wie knochige Finger, die nach ihnen griffen. Aber das Ungewöhnlichste war die Dekoration: Rund um das Haus leuchteten unzählige, riesige Kürbisse. Sie waren nicht nur geschnitzt, sie schienen von innen mit einem seltsamen, fast grünen Licht zu glühen, das im Rhythmus des knarrenden Windes zu pulsieren schien.

Mia zögerte. „Sie leuchten… zu stark. Das ist nicht normal.“

„Komm schon, Mia! Nur klingeln, Süßigkeiten nehmen, und wieder weg!“, drängte Elias und zog sie den schmalen Kiesweg hinauf.

Als sie die Veranda erreichten, entdeckten sie etwas Beunruhigendes: Der Boden war übersät mit braunen, vertrockneten Kürbiskernen, die aussahen, als wären sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Und auf der Schwelle stand nicht Herr Grimsby, sondern eine kleine, etwa gleichaltrige Gestalt in einem schwarzen, zerrissenen Umhang.

„Süßes oder Saures?“, murmelte die Gestalt mit einer flüsternden, fast heiseren Stimme. Die Augen in dem schattigen Gesicht leuchteten unnatürlich rot.

„Äh… Süßes, bitte“, sagte Elias, etwas irritiert. Die Gestalt reichte ihnen eine kleine Schaufel, mit der sie in die größte Schüssel mit Bonbons greifen sollten, die Elias je gesehen hatte. Doch als sie zugreifen wollten, hörten sie ein leises Geräusch.

Knister, knister.

Elias sah genauer hin. Aus dem Inneren des Hauses, durch einen Spalt in der Tür, drang nicht nur das grüne Pulsieren der Kürbisse, sondern auch ein Geräusch, als würden Tausende kleiner Insekten über etwas Hartes krabbeln.

Plötzlich zuckte die Gestalt vor ihnen zusammen, als hätte sie einen unsichtbaren Schlag erhalten. Die roten Augen erloschen kurz, und eine normale, ängstliche Kinderstimme hauchte aus dem Umhang: „Lauft! Die… die Kerne… sie wollen mich…“

Dann leuchteten die Augen wieder rot, die heisere Stimme kehrte zurück: „Was murmelst du da, Kind? Nimm deine Süßigkeiten und verschwinde!“

Elias wusste, dass hier etwas sehr falsch lief. Er packte Mias Hand. „Wir gehen!“

Doch als sie sich umdrehten, bemerkten sie, dass die leuchtenden Kürbisse sich bewegten. Langsam, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, rollten sie näher an den Weg. Und aus einem besonders großen Kürbis schoss ein dunkler, rankenartiger Faden heraus, der sich sofort um Elias‘ Bein wickelte!

„Hilfe!“, schrie Elias.

Mia, die furchtsame kleine Hexe, reagierte blitzschnell. Sie stieß einen kleinen, spitzen Schrei aus und schlug mit ihrem Zuckerwatte-Besen auf die Kürbisranke ein. Die Ranke zuckte zurück und löste sich.

Sie rannten los, die Veranda hinunter. Die Gestalt in Schwarz lachte nun ein gurgelndes, unheimliches Lachen. „Ihr entkommt nicht dem Meister der Kerne!“

Elias und Mia sahen sich um. Die unzähligen, vertrockneten Kürbiskerne auf dem Weg begannen, sich zu sammeln. Sie formten kleine, krabbelnde Haufen, die wie winzige, schwarze Ameisenhügel dem Geschwisterpaar folgten.

Sie stolperten den Hügel hinunter und in den Wald, ihre Taschenlampen tanzten wild. „Was ist der Meister der Kerne?“, keuchte Mia.

„Keine Ahnung! Aber die leuchtenden Kürbisse sind nicht echt, Mia! Das ist… Magie! Schlechte Magie!“, antwortete Elias.

Tief im Wald, an einer Stelle, an der ein alter Baumstumpf stand, der wie ein hockender Troll aussah, hörten sie ein noch unheimlicheres Geräusch: Sssschhhh…

Sie sahen sich um. Das grüne Leuchten der Kürbisse war auch hierhin vorgedrungen, wenn auch schwächer. Und der Boden, der feuchte Waldboden, begann zu knistern. Die Kerne bildeten nun eine zusammenhängende, schwarze Masse, die sich wie eine Welle über den Waldboden schob.

„Wir sind eingekreist!“, weinte Mia.

Elias, der Vampir, blickte sich verzweifelt um. Er sah das geschnitzte, grinsende Gesicht eines kleinen, fast übersehenen Kürbisses auf dem Baumstumpf. Es war der einzige Kürbis, der nicht grün leuchtete. Er leuchtete sanft orange, und es roch nach… Zimt.

Plötzlich fiel ihm ein, was seine Oma immer über Halloween erzählt hatte: „Echte Magie fürchtet das Licht der Freude, nicht das Dunkel des Schreckens.“

Die Kerne näherten sich, ihre kollektive Masse klang wie das Zischen einer Riesenschlange.

„Mia! Der Besen!“, rief Elias. „Er riecht nach Zuckerwatte, er ist neu und glücklich! Und deine Taschenlampe! Mach sie auf hellstes Licht!“

Mia war erst verwirrt, dann verstand sie. Sie hielt ihren Besen hoch, als wäre er ein Zauberstab. Elias richtete seine Taschenlampe, auf volle Stärke, auf den Baumstumpf und den kleinen, orangenen Kürbis.

„Hokus Pokus, Kürbislicht, die Freude kommt, der Spuk zerbricht!“, rief Elias, einen Unsinn-Spruch aus einem alten Kinderbuch.

Mia konzentrierte sich. Sie sah auf den Baumstumpf. Der kleine, orangene Kürbis begann, mit dem Licht der Taschenlampe zu verschmelzen. Das Zimt-Licht wurde stärker, reiner, es war nicht pulsierend, sondern konstant und warm.

Als das Licht des kleinen Kürbisses auf die Welle der schwarzen Kerne traf, geschah das Wunder.

Die Kerne schrumpften. Sie quietschten, sie zuckten, und dann zerfielen sie zu Staub, der sich sofort im feuchten Waldboden auflöste. Die gesamte schwarze Welle verschwand.

Im selben Moment erlosch das unheimliche, grüne Pulsieren der Kürbisse am Gruselhaus.

Von der Veranda hörten sie ein lautes, fast menschliches Wimmern.

Elias und Mia, nun gestärkt durch ihre eigene Leistung, schlichen zurück. Vor dem Haus lag der schwarze Umhang auf dem Boden. Die Gestalt war verschwunden. Stattdessen kniete dort ein alter, leicht verwirrter Mann – Herr Grimsby.

Er blickte mit entsetzten Augen auf die Kürbisse, die nun nur noch matschige, leere Hüllen waren.

„Meine Kürbiskerne! Meine Ernte!“, jammerte er.

Elias trat vor. „Herr Grimsby, wer war das Kind in Schwarz? Und was war das mit den leuchtenden Kürbissen?“

Herr Grimsby seufzte. „Ach, Kinder… Das war die Kürbiskern-Hexe, eine dumme Legende. Sie stiehlt die Freude der Kinder, um ihre Kürbisse leuchten zu lassen und ihre magischen Kerne zu vermehren. Ich dachte, dieses Jahr würde sie nicht kommen… sie hatte meinen Enkelsohn als Köder benutzt!“

Er zeigte auf den schwarzen Umhang. „Sie hat ihn verzaubert, damit er mir hilft, die Kinder anzulocken und ihre Freude zu stehlen. Aber… was habt ihr getan? Die Kerne sind fort! Die Kürbisse sind leer!“

Elias lächelte und hielt den nun unscheinbaren, duftenden kleinen Kürbis vom Baumstumpf in der Hand. „Wir haben uns auf die Freude konzentriert, Herr Grimsby. Echte Freude ist stärker als jede Halloween-Angst.“

Herr Grimsby sah Elias und Mia an, und in seinen Augen lag keine Angst mehr, sondern Dankbarkeit. Er zog ein riesiges Bündel Süßigkeiten aus seiner Tasche, viel mehr, als in die Schüssel gepasst hatte.

„Ihr habt Rabenhorst gerettet, Kinder. Die Kürbiskern-Hexe kann erst im nächsten Jahr wiederkommen, und dann muss sie ganz von vorne anfangen. Jetzt… nehmt eure Belohnung und geht nach Hause. Und bitte… behaltet euer Licht.“

Elias und Mia, ihre Taschen gefüllt mit Süßigkeiten und ihre Herzen mit einer Mischung aus Aufregung und Stolz, machten sich auf den Heimweg.

Mia blickte ihren Bruder an, ihre Augen glänzten nicht nur wegen der Süßigkeiten. „Elias? Ich glaube… ich fürchte mich nicht mehr so sehr vor Halloween.“

Elias, der Vampir, der gerade das Geheimnis der leuchtenden Kürbisse gelüftet hatte, grinste. „Das ist gut, kleine Weltraumhexe. Denn das größte Abenteuer ist immer dort, wo die Angst am größten ist – aber nur, wenn man das Licht der Freude dabei hat.“

Und so endete die gruseligste, aber auch die tollste Halloween-Nacht in Rabenhorst. Die Kinder wussten nun, dass das wahre Geheimnis von Halloween nicht in der Angst, sondern in dem Mut und der Freude lag, die man selbst in die dunkelste Nacht bringen konnte.

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