Der Küchenbauer – Teil II: Sommerlicht

Der Küchenbauer – Teil II: Sommerlicht

Kapitel 4 – Der Sommer beginnt

Die Wochen wurden wärmer. In der Werkstatt roch es nach Harz, Staub und Sonne. Anna hatte sich längst daran gewöhnt, dass ihre Abende nach Holz klangen – nach Sägen, nach Musik aus Henriks altem Radio, nach Gesprächen über Dinge, die sonst niemand ansprach. Manchmal sprachen sie über Träume. Manchmal schwiegen sie einfach und arbeiteten nebeneinander, als hätten sie das schon immer getan.

Eines Abends, als der Himmel über dem Fluss glühte, blieb sie länger als sonst. Henrik stand vor der halb fertigen Küchenzeile, die Arme verschränkt, Schweiß auf der Stirn. „Wenn du willst, kannst du bleiben, bis der Lack getrocknet ist“, sagte er. Anna grinste. „Und wie lange dauert das?“ „Bis morgen früh.“ Sie lachte, aber blieb. Sie saßen draußen auf der Werkbank, tranken Wein aus alten Gläsern und sahen, wie die Sonne hinter den Bäumen verschwand. „Weißt du“, sagte Anna leise, „ich habe noch nie jemanden gesehen, der Dinge so… fühlt wie du.“ Henrik sah sie an. „Und ich habe noch nie jemanden getroffen, der Räume versteht, bevor sie gebaut sind.“

Er legte seine Hand auf ihre. Diesmal zog sie sie nicht weg.

Kapitel 5 – Die Küche

Die Küche war fast fertig. Anna konnte sich kaum von ihr losreißen – nicht, weil sie so schön war, sondern weil sie mehr war als ein Raum. Sie war Zeugnis ihrer Zeit miteinander. Jede Fuge, jede Kerbe erzählte von Gesprächen, vom Lachen, vom Schweigen. Henrik montierte die letzte Schublade, während Anna am Fenster stand. „Ich wünschte, es würde nie fertig werden“, sagte sie. „Warum?“ „Weil ich dann einen Grund hätte, wiederzukommen.“ Henrik hielt inne. „Brauchst du einen Grund?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich weiß es nicht.“

Für einen Moment war da nur Stille. Dann trat sie näher, legte ihre Hand auf seine Wange. Er sah sie an, als wolle er jeden Atemzug behalten. Und dann küsste er sie – vorsichtig, aber mit dieser Ruhe, die nur Menschen haben, die nichts erzwingen müssen. Der Kuss schmeckte nach Holzstaub und Sommer.

Kapitel 6 – Das Angebot

Es war fast Herbst, als Anna den Brief bekam. Ein Architekturwettbewerb, ein riesiges Projekt in Berlin – drei Jahre, internationale Partner, ein Traum. Henrik fand sie in der Werkstatt, den Brief in der Hand. „Was ist los?“ fragte er. Sie reichte ihm das Papier. Er las. Und schwieg. „Ich sollte glücklich sein“, sagte Anna schließlich. „Bist du es?“ „Ich weiß es nicht.“

Er legte das Papier beiseite. „Dann geh, wenn du musst. Aber geh nicht, weil du glaubst, du darfst nicht bleiben.“ Anna senkte den Blick. „Und du? Was würdest du tun, wenn du an meiner Stelle wärst?“ Er lächelte traurig. „Ich würde bleiben. Aber ich bin kein Architekt.“

Kapitel 7 – Der Abschied

Der Tag, an dem sie ging, war still. Kein Streit, keine großen Worte. Henrik half ihr, den Wagen zu beladen. Er trug die letzte Kiste zum Auto, wischte sich den Staub von den Händen. „Ich hab dir was dagelassen“, sagte er. „Was denn?“ „In der Schublade links neben dem Herd.“ Sie nickte, wusste aber, dass sie es erst später öffnen würde. „Henrik?“ „Hm?“ „Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme.“ „Ich weiß.“

Er trat einen Schritt zurück, die Hände in den Taschen. „Aber falls du’s tust… ich bin hier. Holz läuft nicht weg.“ Anna stieg ein, startete den Motor, sah ihn im Rückspiegel kleiner werden – aber in ihrem Herzen blieb er unauslöschlich groß.

Nach oben scrollen