
Thomas hielt den Atem an.
Das Geräusch war eindeutig – drei langsame, gleichmäßige Schläge an seiner Haustür.
Klack … Klack … Klack.
Balu sprang auf, bellte laut und stellte sich schützend vor seinen Besitzer. Thomas’ Hände zitterten, als er nach der Taschenlampe griff, die er noch immer in der Jackentasche trug. „Wer ist da?!“ rief er mit fester Stimme, die dennoch bebte. Keine Antwort. Er ging vorsichtig zum Fenster neben der Tür und schob die Gardine ein Stück beiseite. Draußen war nichts zu sehen. Kein Mensch. Kein Schatten. Nur die leere Straße, vom fahlen Licht der Laternen durchbrochen.
Er wollte sich gerade wieder abwenden, als er plötzlich bemerkte, dass die Haustür von außen feucht war – als hätte jemand mit nassen Fingern darüber gestrichen. Und in dieser Feuchtigkeit … waren Spuren zu erkennen. Drei senkrechte Linien, nebeneinander. Wie Kratzspuren. Balu knurrte erneut.„Ruhig, Junge“, flüsterte Thomas, doch er selbst glaubte nicht an seine Worte. Er überlegte kurz, ob er die Polizei rufen sollte – aber was sollte er sagen? „Da klopft jemand an meiner Tür und hinterlässt nasse Kratzer“? Sie würden ihn für übermüdet halten.
Er zog die Vorhänge zu und setzte sich auf die Couch. Der Fernseher lief, aber er hörte nicht hin. Immer wieder lauschte er nach draußen. Minuten vergingen, vielleicht Stunden. Dann, als er dachte, alles sei vorbei, begann es wieder. Diesmal nicht an der Tür. Sondern am Fenster.
Klack … Klack … Klack.
Langsam drehte er den Kopf. Das Wohnzimmerfenster war beschlagen, und mitten auf der Scheibe bildeten sich plötzlich drei klare Linien – als würde jemand mit einem Finger über das Glas ziehen. Thomas’ Herz raste. Er stand auf, stolperte rückwärts gegen den Couchtisch. „Was zum Teufel willst du?!“ schrie er, ohne zu wissen, an wen er sich richtete. Plötzlich … Stille.
Dann hörte er etwas anderes.
Ein tiefes, kehliges Atmen. Im Flur. Balu bellte, rannte nach vorne – und verstummte abrupt. Thomas rief nach ihm. Keine Antwort. Er griff nach der Taschenlampe, ging langsam in den Flur. Der Strahl des Lichts schnitt durch die Dunkelheit – und blieb auf der Tür zur Veranda stehen, die nun halb offen war. Er war sich sicher, sie zuvor verriegelt zu haben. „Balu?“ flüsterte er. Kein Laut.
Dann, von draußen, kam ein Winseln. Leise, gequält. Thomas trat hinaus. Der Wind war stärker geworden, Blätter tanzten über die Terrasse. Er leuchtete umher – und sah Balu, der am Rand des Gartens stand. Der Hund starrte auf den Wald hinaus, das Fell gesträubt. „Was ist los, Junge?“ Doch noch bevor er näher treten konnte, geschah es. Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen. Schnell. Schattenhaft. Und plötzlich sah Thomas sie wieder – die Gestalt. Diesmal war sie näher.
Er konnte den Umriss eines Gesichts erkennen – blass, beinahe farblos, die Augen tiefschwarz. Die Gestalt hob langsam eine Hand und zeigte auf ihn. Dann formten sich ihre Lippen zu einem einzigen Wort: „Zurück.“ Thomas wich einen Schritt zurück. „Wer sind Sie?!“, rief er. Keine Antwort – nur der Wind. Dann – ein markerschütternder Schrei, weit aus dem Waldinneren.
Balu jaulte auf, und in diesem Moment fiel Thomas auf, dass etwas auf dem Boden glitzerte. Er bückte sich. Es war ein alter, rostiger Schlüssel, halb im Schlamm versunken. Er hob ihn auf – und in dem Moment war die Gestalt verschwunden.
Thomas wusste nicht, warum, aber irgendetwas in ihm drängte ihn, am nächsten Tag in den Wald zu gehen. Vielleicht war es Angst, vielleicht Neugier – oder das Bedürfnis, endlich zu verstehen, was in dieser Nacht geschehen war. Was er dort finden würde, würde jedoch alles verändern.
Denn der Schlüssel, den er in Händen hielt, gehörte zu einer Hütte tief im Wald, die laut den Dorfbewohnern seit dreißig Jahren verlassen war – seit jener Nacht, als dort jemand spurlos verschwand.
Und dieser Jemand … trug denselben Nachnamen wie Thomas.