Literaturblick im Gespräch mit Ralf Bornemann über seinen neuen Thriller

Literaturblick: Herr Bornemann, herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von „Das Schweigen der Eisblumen“. Ein packender Thriller, der tief in die Abgründe einer vermeintlich perfekten Ehe blickt. Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Geschichte?

Ralf Bornemann: Vielen Dank! Die Idee entstand aus der Frage, wie gut wir die Menschen, die wir lieben, wirklich kennen. Oft bauen wir uns eine Idylle auf und ignorieren die Risse im Fundament. Ein gefundener Brief, der alles infrage stellt – das war für mich der perfekte Zündfunke für diesen psychologischen Albtraum.

Literaturblick: Der Titel ist sehr poetisch und gleichzeitig bedrohlich. Was symbolisieren die „Eisblumen“ für Sie?

Ralf Bornemann: Eisblumen sind wunderschön, aber sie entstehen nur bei Kälte und sind extrem zerbrechlich. In meiner Geschichte stehen sie für die Lügen, die Sabine und ihre Mutter Gertrude über Jahre hinweg sorgsam gepflegt haben. Sobald das Licht der Wahrheit darauf fällt, schmelzen sie und hinterlassen nichts als bittere Kälte.

Literaturblick: Ihr Protagonist Thomas ist Architekt. Er liebt Ordnung und Statik. Warum haben Sie ihm diesen Beruf gegeben?

Ralf Bornemann: Weil die Architektur das genaue Gegenteil zum Chaos seiner Gefühle darstellt. Ein Architekt verlässt sich auf Berechnungen und feste Strukturen. Dass ausgerechnet sein eigenes Lebenskonstrukt keine tragende Wand mehr hat, macht seinen persönlichen Fall so tief und schmerzhaft.

Literaturblick: Die Handlung führt uns vom beschaulichen Münsterland bis an die raue Küste Zeelands. Warum dieser Ortswechsel?

Ralf Bornemann: Ich komme ursprünglich aus dem Ruhrgebiet – dort, wo man die Dinge direkt beim Namen nennt und die Menschen ihr Herz auf der Zunge tragen. Das Münsterland, in dem die Geschichte spielt, hat für mich als Autor einen ganz anderen Reiz: Es wirkt oft so friedlich und geordnet, fast schon unantastbar. Aber genau unter dieser gepflegten Oberfläche lassen sich Abgründe am besten verbergen. Die Flucht nach Zeeland am Ende symbolisiert den endgültigen Bruch mit dieser vermeintlichen Sicherheit. Das Meer ist unberechenbar und tief – genau wie die Wahrheiten, die Thomas dort aufdeckt.

Literaturblick: In Ihrem Buch geht es viel um Schweigen und Gaslighting. Ist das ein Thema, das Sie als Autor besonders beschäftigt?

Ralf Bornemann: Absolut. Es ist erschreckend, wie Sprache als Waffe eingesetzt werden kann. Wenn jemandem über Jahre eingeredet wird, seine Wahrnehmung sei falsch – wie im Fall von Thomas’ Schwester Birgit –, ist das eine Form von psychischer Gewalt, die ich in ihrer ganzen Komplexität zeigen wollte.

Literaturblick: Es gibt einen sehr markanten Satz im Epilog: „Ich war nie ein Mann der großen Worte.“ Spiegelt das auch einen Teil Ihrer eigenen Arbeitsweise wider?

Ralf Bornemann: (lacht) Vielleicht ein wenig. Ich schätze die Präzision. Jedes Wort in einem Thriller muss wie ein Zahnrad in einem Uhrwerk funktionieren. Wenn ein Satz nicht die Handlung vorantreibt oder die Atmosphäre verdichtet, hat er im Manuskript nichts zu suchen.

Literaturblick: Sie schreiben in ganz unterschiedlichen Genres. Was reizt Sie am Thriller-Genre besonders?

Ralf Bornemann: Die Grenzerfahrung. Im Thriller kann ich die dunkelsten Ecken der menschlichen Seele ausleuchten. Es geht um die existenzielle Frage: Was würdest du tun, wenn dir alles genommen wird, woran du geglaubt hast? Das ist eine Intensität, die man in kaum einem anderen Genre so konsequent ausreizen kann.

Literaturblick: Birgit, die verstorbene Schwester, bleibt durch ihre Briefe im ganzen Buch präsent. War es schwer, eine Figur zu charakterisieren, die physisch gar nicht mehr am Leben ist?

Ralf Bornemann: Es war eine Herausforderung, aber auch sehr reizvoll. Birgit ist das moralische Gewissen der Geschichte. Durch ihre Briefe wird sie zur treibenden Kraft, die Thomas’ Welt ins Wanken bringt. Sie spricht aus der Vergangenheit und lässt den Tätern in der Gegenwart keine Ruhe.

Literaturblick: Was hoffen Sie, dass Ihre Leser empfinden, wenn sie die letzte Seite von „Das Schweigen der Eisblumen“ zuschlagen?

Ralf Bornemann: Ich wünsche mir, dass sie erst einmal tief durchatmen müssen. Dass sie sich fragen: „Was weiß ich eigentlich wirklich über meine Mitmenschen?“ Aber ich möchte auch, dass sie Hoffnung spüren – so wie Thomas am Ende, als der Frost endlich weicht.

Literaturblick: Zum Abschluss: Dürfen wir uns im Jahr 2026 auf weitere Werke von Ihnen freuen?

Ralf Bornemann: Definitiv! Mein Notizbuch ist voll von neuen Ideen. Ob Kurzkrimi, Familiendrama oder vielleicht etwas ganz anderes – das Schreiben ist für mich ein ständiger Prozess, und ich freue mich darauf, meine Leser auch in Zukunft mit auf diese Reisen zu nehmen.

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