
Kapitel 1: Das Echo der Stille
Der April im Münsterland war tückisch. Er lockte mit einer strahlenden Sonne, die durch die hohen Fenster unserer Veranda fiel, doch wer das Glas berührte, spürte noch immer die eisige Verheißung des Winters. Es war ein blendendes, unehrliches Licht.
Ich saß am Kopfende des massiven Eichentischs, den wir vor Jahren gemeinsam auf einem Antikmarkt in Telgte erstanden hatten. Sabine saß mir gegenüber. Sie blätterte in einem dieser Hochglanzmagazine für Inneneinrichtung, das trockene Rascheln des Papiers war das einzige Geräusch im Raum, abgesehen vom gleichmäßigen Ticken der Wanduhr.
Ich beobachtete sie. Das Sonnenlicht tanzte in ihrem blonden Haar, das sie noch immer so trug wie an dem Tag, als wir uns im Studium kennengelernt hatten – offen, leicht gewellt, scheinbar unbeschwert. Wie oft hatte ich dieses Gesicht betrachtet und darin Ruhe gefunden? Heute jedoch wirkte jede Linie ihres Profils wie eine Chiffre, die ich nicht mehr entziffern konnte.
„Du hast deinen Kaffee gar nicht angerührt, Thomas“, sagte sie, ohne den Blick vom Magazin zu heben. Ihre Stimme war weich, beiläufig. Es war der Tonfall einer Frau, die sich ihrer Welt absolut sicher war.
„Er ist schon kalt“, erwiderte ich. Meine eigene Stimme klang in meinen Ohren wie das Knirschen von Kies. Ich spürte das Gewicht in meiner rechten Sakkotasche. Das kleine Stück Papier wog schwerer als ein Stein. Ich hatte es vor kaum zwei Stunden gefunden. Ich war im Keller gewesen, um endlich die Kisten mit Birgits Sachen auszusortieren. Drei Jahre waren vergangen, seit sie am Hullerner See verunglückt war. Drei Jahre, in denen ich ihre alte, dunkelblaue Winterjacke nicht angerührt hatte. Doch heute, als ich sie in den Altkleidersack stopfen wollte, war etwas aus dem zerrissenen Innenfutter geglitten.
Ein Brief. Adressiert an Sabine. In Birgits unverkennbarer, hastiger Handschrift, die immer so aussah, als würden die Buchstaben versuchen, einander zu überholen.
„Thomas? Alles okay mit dir? Du bist so blass.“ Sabine legte das Magazin beiseite. Jetzt sah sie mich an. In ihren blauen Augen lag diese milde Besorgnis, die mich früher immer so gewärmt hatte. Jetzt löste sie ein Frösteln aus.
„Ich war im Keller“, sagte ich langsam. Ich legte meine Hand auf den Tisch, die Finger zitterten leicht. „Ich habe Birgits Sachen sortiert. Ich habe etwas gefunden, Sabine. Einen Brief. Er war an dich gerichtet. Birgit muss ihn kurz vor ihrem Tod geschrieben haben. Er war im Futter ihrer Jacke versteckt.“
Die Stille, die nun folgte, war anders als die Stille von vorhin. Sie war schwerer, geladen mit einer statischen Elektrizität, die mir die Nackenhaare aufstellte. Draußen im Garten peitschte eine Böe die Zweige der alten Trauerweide gegen den Zaun. Klong. Klong. Klong.
Sabine schluckte. Es war ein winziges Detail, aber in der plötzlichen Lautlosigkeit der Küche wirkte es wie ein Geständnis. „Ein Brief? An mich? Was… was könnte sie mir denn zu sagen gehabt haben, das wir nicht schon besprochen hatten?“
Ich entfaltete das Papier. Es war nur eine einzige Seite. Keine Anrede, kein „Deine Birgit“ am Ende. Nur ein einziger Satz, hingeworfen mit einer Tinte, die an manchen Stellen verlaufen war, als wären Tränen darauf gefallen.
„Ich weiß, was du in jener Nacht am See getan hast, Sabine. Und wenn du es ihm nicht sagst, werde ich es tun.“
Ich las die Worte langsam, betonte jedes einzelne, bis sie wie schwere Tropfen in den Raum fielen. Dann sah ich auf. Sabine war bleich geworden, eine unnatürliche Blässe, die ihre Haut fast durchsichtig erscheinen ließ. Das sanfte Blau ihrer Augen wirkte jetzt wie gefrorenes Wasser.
„Was hat sie damit gemeint, Sabine?“, fragte ich, und mein Herz begann so fest gegen meine Rippen zu schlagen, dass es schmerzte. „Welche Nacht am See? Was hättest du mir sagen sollen?“
Sabine bewegte die Lippen, doch kein Laut kam heraus. Sie wirkte in diesem Moment wie eine Fremde, deren Gesicht ich nur mühsam wiedererkannte. Die Frau, mit der ich seit fünfzehn Jahren das Bett teilte, schien vor meinen Augen zu verblassen, und an ihre Stelle trat eine Gestalt, die von Schatten umgeben war.
„Es ist nicht das, wonach es aussieht“, sagte sie schließlich, doch ihre Stimme war so leise, dass sie fast vom Ticken der Uhr verschlungen wurde. „Birgit… sie war damals nicht bei Sinnen, Thomas. Du weißt das.“
„Das ist die Antwort, die du mir gibst?“, fragte ich, und ich spürte, wie eine bittere Galle in mir aufstieg. „Nach drei Jahren Schweigen ist das alles?“ In diesem Moment wusste ich: Das Leben, das ich bis vor zwei Stunden geführt hatte, existierte nicht mehr. Es war eine Kulisse gewesen, wunderschön bemalt, aber dahinter war nichts als Leere.
Kapitel 2: Scherben und Schatten
Sabine stand nicht auf. Sie rührte sich nicht einmal. Sie saß da, als wäre sie zu einer Statue aus feinem Porzellan erstarrt, während draußen der Aprilwind gegen die Fensterscheiben drückte. Das Schweigen zwischen uns war nicht mehr das vertraute, gemütliche Schweigen eines eingespielten Ehepaars. Es war eine dichte, zähe Substanz, die mir die Luft zum Atmen nahm.
„Nicht bei Sinnen?“, wiederholte ich ihre Worte. Sie schmeckten aschig auf meiner Zunge. „Das ist das Einzige, was dir dazu einfällt? Dass meine Schwester verrückt war?“
Ich schloss die Augen für einen Moment und sah Birgit vor mir. Birgit, wie sie an ihrem letzten Geburtstag im Garten gesessen hatte. Sie hatte dünner gewirkt als sonst, ihre lichten Haare waren vom Wind zerzaust worden. Sie hatte immer diese Unruhe in den Augen gehabt, ein Flackern, das wir alle als Folge ihrer gescheiterten Ehe mit Jürgen abgetan hatten. „Sie ist labil“, hatte Sabine damals oft gesagt, während sie mir tröstend die Hand auf die Schulter legte. „Wir müssen geduldig mit ihr sein, Thomas.“
Geduld. War das Wort damals ein Werkzeug gewesen, um Birgit zum Schweigen zu bringen? Um alles, was sie sagte, als Wahnvorstellung abzutun?
„Thomas, bitte.“ Sabine hob nun doch die Hände und legte sie auf die Tischkante. Ihre Knöchel waren weiß. „Erinnerst du dich nicht an den Herbst vor dem Unfall? Wie sie behauptet hat, die Nachbarn würden sie beobachten? Wie sie nachts angerufen und geschrien hat, dass alle gegen sie seien?“
„Ich erinnere mich“, sagte ich und öffnete die Augen wieder. „Aber ich erinnere mich auch daran, dass sie am Tag vor dem Unfall hier war. Sie wollte mit dir reden. Unter vier Augen. Ich dachte, ihr hättet euch ausgesprochen.“
Ein Schatten huschte über Sabines Gesicht – so flüchtig, dass ich ihn fast übersehen hätte. „Wir haben geredet. Über Jürgen. Über ihre Einsamkeit. Mehr war da nicht.“
Sie stand nun doch auf, aber ihre Bewegungen waren hölzern. Sie griff nach meiner kalten Kaffeetasse, als suchte sie verzweifelt nach einer alltäglichen Verrichtung, an der sie sich festhalten konnte. Doch ihre Hand zitterte. Die Tasse klirrte gegen die Untertasse, ein hässliches, scharfes Geräusch.
„Und warum schreibt sie dann von einer Nacht am See?“, bohrte ich nach. Ich spürte, wie eine dunkle Energie in mir aufstieg, eine Mischung aus Zorn und tiefster Verzweilfung. „Warum schreibt sie, dass sie es mir sagen wird, wenn du es nicht tust? Man droht niemandem mit einer banalen Geschichte über eine gescheiterte Ehe.“
Sabine antwortete nicht. Sie drehte mir den Rücken zu und trat an die Spüle. Das Geräusch des fließenden Wassers füllte den Raum, aber es konnte die Fragen in meinem Kopf nicht wegspülen.
„Sie ist dort gestorben, Sabine“, sagte ich leise gegen ihren Rücken. „An der kalten Kante. In der Nacht, von der sie schreibt. Und du warst die Letzte, die mit ihr Kontakt hatte.“
Plötzlich hörte das Wasser auf zu laufen. Sabine starrte aus dem Fenster in den Garten, ihre Schultern waren hochgezogen, als erwartete sie einen Schlag. „Willst du mir unterstellen, dass ich etwas damit zu tun habe?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme war jetzt gefährlich ruhig. „Nach all den Jahren? Nach allem, was ich für dich, für uns, für deine Familie getan habe? Ich habe Birgit gestützt, als du schon längst aufgegeben hattest!“
„Ich unterstelle dir gar nichts“, entgegnete ich, obwohl das eine Lüge war. „Ich lese nur vor, was meine tote Schwester hinterlassen hat.“
Sie wirbelte herum. In ihren Augen glitzerten Tränen, aber es war kein Schmerz, den ich darin sah. Es war die Wut eines in die Enge getriebenen Tieres. „Dieser Brief ist das Produkt einer kranken Seele, Thomas! Birgit wollte uns auseinanderbringen, weil sie es nicht ertragen konnte, dass wir glücklich sind, während ihr Leben in Trümmern lag. Sogar aus dem Grab heraus schafft sie es noch, Gift in unsere Ehe zu träufeln.“
Sie machte einen schnellen Schritt auf mich zu, wollte meine Hand greifen, doch ich wich zurück. Die Bewegung war instinktiv, und sie traf sie härter als jedes Wort. Sabine erstarrte. Ihre Hand blieb in der Luft hängen, eine leere Geste.
„Ich muss raus“, sagte ich heiser.
„Thomas, warte…“
„Nein.“ Ich griff nach meiner Jacke, die über dem Stuhl hing. „Ich kann hier gerade nicht atmen. Ich muss… ich muss nachdenken.“
Ich hörte nicht mehr hin. Ich riss die schwere Haustür auf und trat hinaus in den kühlen Aprilwind. Der Geruch von feuchter Erde und blühenden Narzissen schlug mir entgegen, aber er fühlte sich nicht mehr nach Frühling an. Er fühlte sich nach Grab an.
Ich stieg in den Wagen und fuhr los. Nicht zum See – noch nicht. Ich brauchte jemanden, der Birgit in jener Zeit gesehen hatte, ohne die Brille der „besorgten Ehefrau“. Ich brauchte Hannes.
Kapitel 3: Das Gedächtnis des Wassers
Die Fahrt zum „Alten Anker“ dauerte kaum zehn Minuten, doch es fühlte sich an wie eine Reise in eine andere Welt. Während unser Haus im Neubaugebiet von Glas, Licht und moderner Ordnung geprägt war, klammerte sich die Kneipe am Rande des Dorfes an die Schatten der Vergangenheit. Das Gebäude war ein gedrungener Backsteinbau, dessen Fassade vom feuchten Wind des nahegelegenen Sees gezeichnet war.
Ich parkte den Wagen auf dem unebenen Schotterplatz. Der Wind pfiff hier draußen stärker und peitschte das Schilf am Uferrand, das nur wenige hundert Meter entfernt im trüben Wasser stand. Als ich die schwere Eichentür aufstieß, schlug mir eine Wand aus abgestandenem Tabakrauch, Bohnerwachs und dem säuerlichen Geruch von verschüttetem Bier entgegen.
Hannes saß an seinem Stammplatz, ganz am Ende der Bar, dort, wo das Licht der Deckenlampe in einem flackernden Gelb auf sein Glas fiel. Er sah aus wie ein Teil des Mobiliars – verwurzelt, unnachgiebig und ein wenig verwittert.
„Thomas“, brummte er, ohne den Blick zu heben. Seine Stimme klang wie mahlende Steine. „Du bist zur falschen Zeit hier. Die glücklichen Ehemänner kommen erst nach Feierabend.“
„Ich bin heute nicht hier, um glücklich zu sein, Hannes“, sagte ich und ließ mich auf den Barhocker neben ihn sinken. „Ich habe einen Brief von Birgit gefunden. Geschrieben kurz vor ihrem Tod. Sie erwähnt eine Nacht am See. Sie schreibt, dass Sabine etwas getan hat.“
Hannes erstarrte. Die kleine Bewegung seiner Hand, die eben noch das Glas gedreht hatte, stoppte abrupt. Die Stille in der Kneipe wurde plötzlich so schwer, dass man das Ticken der alten Schwarzwälder Uhr hinter dem Tresen wie Hammerschläge hörte.
„Die Nacht, in der sie starb“, flüsterte Hannes. Es war keine Frage. „Die Wahrheit ist ein gefährliches Ding am See. Das Wasser schluckt vieles, Thomas. Aber es gibt Dinge, die es wieder ausspuckt, wenn der Wind dreht.“
Er sah mich nun direkt an, und in seinem Blick lag ein Bedauern, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich habe der Polizei gesagt, was sicher war. Dass es geregnet hat. Dass der Wind die Sicht nahm. Aber ich habe ihnen nicht gesagt, was ich gehört habe. Da war ein Streit, Thomas. Oben an der Kante, beim alten Aussichtspunkt. Stimmen, die gegen den Donner ankämpften. Es klang nach… Verzweiflung. Eine Frau hat geschrien. Nicht vor Schmerz, sondern vor Wut. Oder Verrat.“
„Und dann?“, presste ich hervor. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb.
„Dann sah ich ein Auto“, fuhr Hannes fort. „Es kam vom Waldparkplatz geschossen. Ohne Licht, Thomas. Wer fährt mitten im Gewitter ohne Licht durch den Wald, wenn er nichts zu verbergen hat? Es war ein silberner Kombi. Genau wie der, den ihr damals hattet.“
Ich spürte, wie mir schwindlig wurde. Sabine hatte mir gesagt, sie sei an jenem Abend bei ihrer Mutter gewesen. Ein Alibi, so fest wie Beton.
„Warum hast du geschwiegen, Hannes?“
„Weil deine Frau am nächsten Tag hier war. Sie brachte mir einen Kuchen vorbei, als Dankeschön dafür, dass ich geholfen hatte, die Leiche zu bergen. Sie setzte sich genau dahin, wo du jetzt sitzt. Sie sah mir in die Augen – ganz ruhig, ganz sanft – und sagte: ‚Hannes, es ist so ein Segen, dass Birgit allein war. Stellen Sie sich vor, jemand Unschuldiges wäre dort oben gewesen und man würde ihn jetzt für einen tragischen Unfall verantwortlich machen.‘ Sie war dort, Thomas. Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber sie war dort.“
Ich stieß mich vom Tresen ab. Die Übelkeit in meinem Magen war jetzt fast unerträglich. „Thomas!“, rief Hannes mir nach. „Lass es gut sein! Die Toten bleiben tot. Aber die Lebenden… die können dich zerstören!“
Kapitel 4: Porzellan und bittere Wahrheiten
Das Haus meiner Schwiegermutter Gertrude lag in einer jener Straßen, in denen der Rasen mit der Schere geschnitten und Probleme mit einem höflichen Lächeln weggebügelt wurden. Es roch im Flur nach einer Mischung aus Lavendel-Säckchen und schwerem Bohnerwachs.
„Thomas, was für eine Überraschung!“, rief Gertrude, als sie die Tür öffnete. Sie trug eine tadellose hellblaue Strickjacke und ihre Haare saßen perfekt. Ich folgte ihr in die Küche. Alles hier war hell und sauber. Auf dem Fensterbrett blühten Orchideen in Reih und Glied.
„Setz dich doch“, sagte sie. „Du siehst ein wenig mitgenommen aus, Thomas. Die Arbeit?“
„Nein, nicht die Arbeit. Ich war heute im Keller und habe Birgits Sachen sortiert. Dabei habe ich etwas gefunden. Einen Brief, den sie kurz vor ihrem Tod an Sabine geschrieben hat. Es geht um die Nacht am See.“
Gertrude hielt inne, die Teekanne in der Hand. Das leise Summen des Wasserkochers war plötzlich das einzige Geräusch im Raum. „Birgit war in jener Zeit sehr verwirrt, Thomas. Das wissen wir alle. Sie hat viel geschrieben, was keinen Sinn ergab.“
„In dem Brief steht, dass Sabine in jener Nacht am See war“, sagte ich und sah sie fest an. „Hannes, der Bademeister, hat unseren Wagen dort gesehen. Ohne Licht.“
Gertrude setzte sich mir gegenüber. Sie faltete die Hände auf der makellosen Tischdecke. Ihre Augen waren nun klar und kalt wie Bergkristall. „Thomas, erinnere dich an den Abend. Sabine war hier. Wir haben zusammen an meiner Steuererklärung gearbeitet. Den ganzen Abend, bis spät in die Nacht. Das habe ich der Polizei gesagt, und das sage ich dir.“
„Hat sie das? Oder seid ihr nur hier gesessen und habt darauf gewartet, dass der Regen die Spuren am Ufer wegwäscht?“
Gertrude zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Du bist erschöpft, Thomas. Sabine ist deine Frau. Sie ist die Mutter deiner Familie. Willst du das wirklich alles einreißen? Willst du die Vergangenheit ausgraben und zusehen, wie alles, was ihr habt, zu Staub zerfällt?“
„Ich will nur wissen, was am See passiert ist“, presste ich hervor.
„An jenem See ist ein tragischer Unfall passiert“, sagte Gertrude unnachgiebig. „Nichts weiter. Und wenn du klug bist, Thomas, dann vergisst du diesen Brief. Du verbrennst ihn und kehrst nach Hause zu deiner Frau zurück. Die Wahrheit ist oft ein hässliches Ding, das niemandem hilft. Geh nach Hause, Thomas. Und denk darüber nach, was dir wichtiger ist: Eine tote Schwester, die ihren Frieden gefunden hat, oder eine lebende Frau, die alles für dich tun würde.“
Ich stand mechanisch auf. Meine Beine fühlten sich an wie Blei. Gertrude hatte mir kein Alibi bestätigt. Sie hatte mir einen Deal angeboten: Mein Schweigen gegen mein Glück.
Kapitel 5: Der Spiegel der Tiefe
Die Fahrt zum Hullerner See fühlte sich an wie ein Abstieg in die eigene Unterwelt. Das Münsterland zeigte hier sein melancholisches Gesicht: flach, weit und unter einem Himmel, der so grau war wie nasser Beton. Ich parkte den Wagen auf dem Waldparkplatz.
Ich folgte dem schmalen Pfad, der sich zum Ufer hinunterschlängelte. Das Wasser lag vollkommen reglos da. Es hatte keine Farbe, nur eine metallische Textur. „Die kalte Kante“. So nannten die Einheimischen diesen Abschnitt, weil das Ufer hier nicht sanft auslief, sondern abrupt in eine Tiefe von über zwölf Metern abfiel.
Ich trat an die Absperrung, ein einfaches Holzgeländer. Ein kleines, verwittertes Holzkreuz war mit Draht am Pfosten befestigt. Ein Impuls trieb mich dazu, über das Geländer zu klettern. Meine Lederschuhe fanden kaum Halt auf dem feuchten Moos. Erde setzte sich unter meine Fingernägel, als ich mich am Stamm einer alten Weide festhielt.
Ich war nun unterhalb der Sichtlinie des Pfades. Hier unten roch es nach Fäulnis. Mein Blick glitt über das Gewirr aus Wurzeln. Und dann sah ich es. Ein winziger, unnatürlicher Lichtreflex. Er kam aus einer kleinen Spalte zwischen zwei massiven Wurzeln, direkt über der Wasserlinie. Ich grub es aus dem Dreck.
In meiner Hand lag ein Schlüsselbund. Der Anhänger war unverkennbar: Ein kleiner, silberner Füller. Ein Geschenk, das ich Birgit zum Abschluss ihres Studiums gemacht hatte. Die Polizei hatte ihre Handtasche damals oben am Pfad gefunden. Die Schlüssel waren als „vermutlich im See versunken“ zu den Akten gelegt worden. Doch sie waren nicht versunken. Sie lagen hier. Tief in den Schlamm gepresst, fast so, als hätte jemand mit Wucht daraufgetreten.
Ich wischte den Schlamm ab und bemerkte einen Fetzen Stoff am Ring. Er war kaum größer als ein Fingernagel: ein tiefes, schimmerndes Dunkelblau. Seide. Ich schloss die Augen und sah Sabine vor mir. Sie hatte eine dunkelblaue Seidenbluse weggeworfen. „Ein Weinfleck“, hatte sie gesagt. „Er geht nicht mehr raus.“
Die Wahrheit traf mich wie ein physischer Schlag. Birgit war nicht einfach nur gefallen. Sie hatte gekämpft. Sie hatte sich festgehalten – an Sabine. Und Sabine hatte sie abgeschüttelt.
„Thomas?“
Die Stimme meiner Frau hallte von den Bäumen wider. Sie stand oben am Geländer, genau dort, wo das Holzkreuz im Wind zitterte. Ihr Gesicht lag im Schatten. „Was tust du da unten?“, fragte sie leise. In diesem Moment begriff ich: Sie war mir gefolgt. Sie hatte mich beobachtet.
„Ich habe nur nachgedacht“, sagte ich und begann, die Böschung wieder hochzuklettern. Ich spürte das Metall der Schlüssel in meiner geschlossenen Faust.
„Es ist gefährlich dort unten“, sagte sie, während ich über das Geländer stieg. Ihr Blick glitt an mir hinunter, suchte meine Hände. „Lass uns nach Hause fahren. Dieser Ort tut dir nicht gut. Er weckt Geister, die wir längst begraben hatten.“
Ich sah sie an und zwang mich zu einem Lächeln, das sich anfühlte wie eine zersplitternde Maske. „Ja“, sagte ich leise. „Lass uns nach Hause fahren, Sabine.“
Kapitel 6: Maskenspiel
Die Fahrt zurück verlief in einem Schweigen, das so dicht war, dass ich das Gefühl hatte, es mit den Händen greifen zu können. Sabine saß starr auf dem Beifahrersitz. Jedes Mal, wenn ich schaltete, spürte ich das Metall der Schlüssel in meiner Jackentasche. Die Zacken drückten schmerzhaft gegen meinen Oberschenkel.
In dem Moment, als ich die Haustür hinter mir schloss, rannte ich ins Badezimmer im Erdgeschoss. Ich drehte den Schlüssel im Schloss um. Mit zitternden Händen holte ich den Fund aus der Tasche. Im grellen Licht der Halogenstrahler wirkte der Schlüsselbund noch monströser. Ich wusch den Schlamm ab. Der silberne Füller-Anhänger glänzte matt. Und dort war er: der dunkelblaue Seidenfetzen.
Plötzlich hörte ich Schritte im Flur. Sie hielten direkt vor der Badezimmertür inne. „Thomas? Alles okay bei dir? Du bist so lange da drin.“
Ich erstarrte. Ich wickelte den Schlüsselbund hastig in ein Handtuch und stopfte es in den untersten Wäschekorb unter die schmutzigen Handtücher. „Ich wasche mir nur den Dreck vom See ab. Ich bin gleich fertig.“
„Beeil dich“, sagte sie. „Ich mache uns Tee. Wir müssen reden.“
In der Küche dampften bereits zwei Tassen. Sabine stand am Herd. „Setz dich. Du warst heute bei Hannes. Und bei meiner Mutter. In einem kleinen Dorf bleibt nichts verborgen, Thomas. Meine Mutter hat mich angerufen. Warum tust du uns das an? Warum befragst du alte Trinker?“
„Ich suche nur nach Antworten auf diesen Brief, Sabine. Hannes hat mir erzählt, dass er unser Auto am See gesehen hat. In jener Nacht.“
Sabine lachte kurz auf, ein scharfes, trockenes Geräusch. „Hannes sieht vieles, wenn der Pegel stimmt. Willst du wirklich die Aussage eines Mannes gegen die deiner Frau stellen? Hör zu. Ich weiß, dass du trauerst. Aber du musst aufhören, Gespenster zu jagen. Du zerstörst das, was wir uns aufgebaut haben.“
„War es eine Lüge?“, fragte ich leise.
„Es war die Rache einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte“, sagte Sabine mit einer Härte, die mich erschaudern ließ. „Ich gehe jetzt schlafen.“
Sie verließ die Küche. Ich blieb allein zurück. Ich holte das Handtuch aus dem Wäschekorb und untersuchte den Schlüsselbund noch einmal im Schutz der Dunkelheit. Dabei fiel mir etwas auf, das ich im Bad übersehen hatte. An dem Bund war ein kleiner, goldener Schlüssel, kaum größer als ein Fingernagel. Er gehörte nicht zu ihrem Haus. Er gehörte nicht zu ihrem Auto. Es war ein Schatullenschlüssel. Ich musste ihn nur finden.
Kapitel 8: Das Herz des Hauses
(Anmerkung: In der ursprünglichen Nummerierung war dies Kapitel 7.) Ich saß unbeweglich im Dunkeln der Küche, bis die Digitalanzeige des Backofens Mitternacht anzeigte. Das fahle, bläuliche Licht der Ziffern war die einzige Orientierung. Oben war es still. Aber es war keine friedliche Stille.
Ich schlich in ihr Arbeitszimmer. Alles dort hatte seinen Platz. Ein Raum ohne Schatten – bis heute. Ich suchte nach etwas, das zu dem kleinen Schlüssel passte. Dann fiel mein Blick auf die Schreibkommode in der Ecke. Ein Erbstück von Gertrudes Mutter. Sabine nannte es oft das „Herz des Hauses“.
Ich kniete mich davor nieder. Eine der geschnitzten Akanthusblätter wirkte abgenutzter als die anderen. Ich drückte vorsichtig dagegen. Ein trockenes Klick hallte durch den Raum. Eine schmale Zierleiste sprang auf. Dahinter verbarg sich ein winziges Schließfach.
Meine Hände zitterten. Ich drehte den goldenen Schlüssel um. Ein leises Surren, dann schwang das Fach auf. Darin lag eine flache Schatulle aus schwarzem Lack. Darin lag ein Foto. Ein Ultraschallbild, das Datum in der Ecke war vergilbt: September 2006.
Darunter lagen Briefe. Viele Briefe. Die Handschrift meiner Schwester brannte sich wie Säure in meine Augen. „Du kannst es ihm nicht ewig verheimlichen, Sabine“, schrieb Birgit. „Er hat ein Recht zu erfahren, dass sein Sohn lebt. Dass der Unfall damals eine Lüge war, die nur du und deine Mutter erfunden habt, um ihn loszuwerden. Wenn du es Jürgen nicht sagst, werde ich ihn suchen.“
Ich starrte auf die Worte. Sohn? Jürgen? Jürgen war Birgits Ex-Mann. Hier zeichnete sich eine Affäre ab. Sabine hatte ein Kind von Jürgen gehabt. Und sie hatte es weggegeben – oder versteckt.
„Hast du gefunden, wonach du suchst, Thomas?“
Die Stimme kam direkt aus dem Türrahmen. Sabine stand dort im weißen Seidenmorgenmantel. In ihrer Hand hielt sie eine schwere Taschenlampe. Das Licht traf mich direkt im Gesicht.
„Ein Sohn?“, presste ich hervor. „Du hattest ein Kind mit Jürgen? Mit dem Mann meiner Schwester?“
„Du hättest das niemals finden dürfen, Thomas. Es war alles unter Kontrolle.“
„Birgit ist tot, Sabine! War das auch ‚unter Kontrolle‘?“
„Du verstehst das nicht“, sagte sie, und ihre Stimme wurde plötzlich wieder weich. „Ich habe es für uns getan. Jürgen hätte uns zerstört. Birgit hätte uns zerstört.“ Sie hob die schwere Taschenlampe ein Stück höher. „Gib mir die Schatulle, Thomas. Bitte. Lass uns das beenden, bevor noch mehr passiert.“
In diesem Augenblick wusste ich: Wenn ich ihr die Schatulle gab, würde ich das Zimmer nicht mehr als freier Mann verlassen.
Kapitel 8 (Fortsetzung): Flucht ins Ungewisse
Das Licht der Taschenlampe brannte auf meiner Netzhaut. „Gib mir die Schatulle, Thomas“, wiederholte sie. Die Sanftheit in ihrer Stimme war verschwunden, ersetzt durch eine metallische Härte. „Das ist größer als du.“
Ich wartete nicht auf ihren Angriff. Ich stieß den schweren Schreibtischstuhl gegen ihre Schienbeine. Das Licht der Taschenlampe tanzte wild an der Decke entlang. Das war meine einzige Chance. Ich stürmte an ihr vorbei. „Thomas! Bleib stehen!“, schrie sie hinter mir.
Ich riss die Haustür auf. Die kühle Nachtluft schlug mir ins Gesicht. Ich warf mich auf den Fahrersitz meines Wagens, schleuderte die Schatulle auf den Beifahrerplatz und riss den Zündschlüssel herum. Im Rückspiegel sah ich Sabine auf der Veranda stehen, ihr weißer Morgenmantel flatterte im Wind wie das Gefieder eines gestürzten Engels.
Ich raste davon, ohne Ziel, tiefer hinein in das Labyrinth der Landstraßen. Nach einigen Kilometern hielt ich auf einem dunklen Feldweg an. Ich griff nach der Schatulle. Zwischen den Briefen fand ich eine Adresse: Enschede, Niederlande. J. Decker.
Jürgen. Er war der Schlüssel. Er musste wissen, was passiert war. Ich sah auf die Uhr: 01:15 Uhr. Ich legte den Gang ein. Ich würde nicht zurückkehren.
Kapitel 9: Hinter der Grenze
Die Autobahn 31 war in dieser Nacht fast leer. Die Restkilometer-Anzeige auf dem Armaturenbrett tickte unaufhaltsam nach unten, während die Entfernung zu meiner Vergangenheit schrumpfte. Ich überquerte die Grenze nach den Niederlanden.
Enschede empfing mich mit dem fahlen Leuchten seiner Straßenlaternen. Nummer 42. Ein Haus, das seine besten Tage längst hinter sich hatte. Ich drückte auf die Klingel. Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Tür. Jürgen Decker stand vor mir. Er war gealtert, sein Gesicht von tiefen Furchen durchzogen.
„Ich muss mit dir reden“, sagte ich. „Es geht um Birgit. Und um Sabine.“
In der kleinen Küche legte ich die Schatulle auf den Tisch. Jürgen erstarrte beim Anblick des Ultraschallbilds. „Lukas“, flüsterte er.
„Also stimmt es. Du hattest eine Affäre mit ihr.“
Jürgen sah mich an, voller Selbsthass. „Es war ein Fehler. Als sie schwanger wurde, änderte sich alles. Sie wollte das Kind nicht. Aber ich wollte Lukas. Dann ist sie verschwunden. Gertrude hat mir erzählt, sie hätte eine Fehlgeburt gehabt. Sie haben mich aus der Stadt geekelt.“
„Birgit hat es kurz vor ihrem Tod herausgefunden“, sagte ich und schob ihm die Briefe hin.
Jürgen las sie, Tränen traten ihm in die Augen. „Diese arme Frau. Sie hat mich hier in Enschede angerufen, zwei Tage bevor sie am See starb. Sie sagte, sie hätte Lukas gefunden. Dass er lebt. Wir wollten uns am nächsten Tag treffen. Aber sie kam nie an.“
„Wir müssen ihn finden“, sagte ich. Jürgen nickte. „Ich weiß, wo wir anfangen können. Gertrude hat ein Ferienhaus in Zeeland. ‚De Schuilplaats‘.“
In diesem Moment hörte ich draußen ein Geräusch. Das vertraute Schnurren eines Automotors. Ein silberner Kombi. Sabine hatte den Wagen per GPS geortet. Sie war hier.
Kapitel 10: Jagd durch die Polder
Das Geräusch des Motors schnitt durch die Stille. „Lauf!“, zischte ich Jürgen zu. „Sie hat das GPS geortet.“
Ich trat ans Fenster. Sabine stieg aus dem Wagen. Sie wirkte ruhig. Methodisch. Jürgen führte mich durch den Hinterausgang in eine schmale Gasse. Wir hasteten zu seinem alten, beuligen Kleinwagen. Der Motor stotterte, doch beim dritten Versuch sprang er an.
„Richtung Nordsee?“, fragte Jürgen.
„Zeeland“, bestätigte ich. „Wenn Lukas in diesem Ferienhaus ist, ist das unsere einzige Chance.“
Wir fuhren ohne Licht aus der Seitenstraße. Die Polder lagen im Nebel. Ich starrte in den Rückspiegel. Nichts. Nur die Leere der holländischen Nacht. „Glaubst du, sie folgt uns?“, fragte Jürgen.
„Sie wird nicht aufgeben. Sie hat Birgit getötet, um dieses Geheimnis zu bewahren.“
Wir fuhren weiter nach Westen, während das erste, schmutzige Grau des Morgens am Horizont aufstieg. Wir waren zwei gebrochene Männer in einem rostigen Auto, auf der Jagd nach einem Phantom.
Kapitel 11: Das Erwachen der Eisblumen
Die Fahrt nach Zeeland zog sich wie ein endloser Fiebertraum. Der Geruch von Salz und Algen drang durch die Lüftungsschlitze. Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir die Halbinsel Walcheren.
„Dort hinten“, sagte Jürgen heiser. „’De Schuilplaats‘.“ Ein gedrungener Bau aus hellem Stein, versteckt hinter einer Hecke aus Sanddorn. Wir näherten uns dem Haus von der Rückseite. Durch ein Fenster sah ich einen Jungen an einem Tisch sitzen. Er trug Kopfhörer. Sein Profil war eine exakte Kopie von Jürgens Gesicht, aber die Augen waren unverkennbar die von Sabine.
„Lukas“, flüsterte Jürgen. Gertrude tauchte hinter dem Jungen auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Plötzlich hörten wir das Knirschen von Reifen. Sabine stieg aus ihrem silbernen Wagen. Sie wirkte wie eine Frau, die wusste, dass das Ende der Straße erreicht war. Wir traten aus dem Schatten der Düne hervor. Sabine erstarrte auf der Schwelle.
„Thomas“, sagte sie leise.
„Es ist vorbei, Sabine. Lukas ist kein Geheimnis mehr.“ Lukas war nun ebenfalls an die Tür getreten. Er sah uns an, verwirrt. „Oma? Mama? Wer sind diese Männer?“
Mama. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Sie hatte ihn aufgezogen, weit weg von mir, weit weg von der Wahrheit.
„Das sind Fremde, Lukas“, sagte Sabine eiskalt. „Geh nach oben.“
„Nein!“, schrie Jürgen. „Ich bin dein Vater, Lukas! Und diese Frau hat deine Tante Birgit am See sterben lassen!“
Sabine sah mich an. „Sie wollte ihn mir wegnehmen, Thomas. Birgit wollte ihn zu dir bringen. Ich habe sie nicht gestoßen. Aber ich habe sie auch nicht gehalten. Ich habe zugesehen, wie sie fiel, und ich habe mich dabei zum ersten Mal seit Jahren frei gefühlt.“
Ich spürte, wie die letzte Verbindung zu dieser Frau in mir riss. „Du wirst dich nie wieder frei fühlen, Sabine. Die Polizei ist auf dem Weg.“
Sabine lachte leise. Sie sah zum Meer hinunter. „Die Eisblumen. Sie schmelzen immer, nicht wahr?“ Sie drehte sich nicht mehr um. Sie ging den Pfad hinauf zur Krone des Deichs. Wir ließen sie gehen. Ich legte Lukas die Schatulle mit Birgits Briefen in die Hand.
Die Sonne brach durch die Wolken. Die Wahrheit war schmerzhaft, aber als Lukas die Schatulle öffnete, wusste ich, dass der Frost endlich aus unserem Leben verschwunden war.
Epilog: Das Flüstern der Tulpen
Sechs Monate später. Der Oktoberwind fegte über das Münsterland. Ich stand am Fenster meines neuen Arbeitszimmers in einem alten Kotten am Rande der Baumberge. Das Haus in der Siedlung hatte ich verkauft.
Draußen auf der Wiese sah ich Lukas. Er half Jürgen dabei, Holzbänke in den Schuppen zu tragen. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft aus Überlebenden. Lukas hatte Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass die Frau, die er „Mutter“ nannte, seine Tante am See hatte sterben lassen. Gertrude saß in Untersuchungshaft.
Sabine war verschwunden. Der Deich hatte sie in jener Nacht verschluckt. Ihre Leiche wurde nie gefunden.
Ich trat vom Fenster zurück und ging zu meinem Schreibtisch. Dort lag der silberne Füller-Anhänger. Ich nahm ein Blatt Papier zur Hand. Ich war nie ein Mann der großen Worte gewesen; mein Metier waren stets präzise Linien und statische Berechnungen. Doch heute fühlte ich das dringende Bedürfnis, etwas festzuhalten, das über Zahlen hinausging.
„Man sagt, die Wahrheit mache frei“, schrieb ich. „Aber niemand sagt einem, dass Freiheit sich anfangs oft wie Einsamkeit anfühlt. Wir haben die Eisblumen schmelzen sehen. Doch jetzt sehe ich die ersten grünen Spitzen. Es ist das Leben, wie es wirklich ist – unvollkommen, schmerzhaft, aber ehrlich.“
Ich legte den Stift beiseite. Morgen würden wir gemeinsam zu Birgits Grab fahren und weiße Tulpen mit rotem Rand pflanzen.
„Thomas? Kommst du?“, rief Jürgen von draußen. „Der Kaffee ist fertig!“
Ich lächelte. Der Frost war endgültig gewichen.
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